Ausstellung über Bundesräte
«Jeder Schweizer muss lachen, wenn er sowas sieht»: Im Museum mit Ex-Bundesrat Moritz Leuenberger

Das Landesmuseum in Zürich stellt die Bundesrätinnen und Bundesräte vor. Zu sehen sind etwa ein Teppich mit Adolf Ogis Gesicht oder Doris Leuthards Kleid. Alt-SP-Bundesrat Moritz Leuenberger erinnert sich beim gemeinsamen Museumsbesuch an seine Amtszeit zurück - und erklärt die Rituale, die den Bundesrat auszeichnen.

Christoph Bernet
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Moritz Leuenberger erklärt die Bedeutung der Bundesratsfotos.

Moritz Leuenberger erklärt die Bedeutung der Bundesratsfotos.

Britta Gut

120 Bundesrätinnen und Bundesräte haben seit der Gründung des modernen Bundesstaats im Jahr 1848 die Geschicke der Eidgenossenschaft gelenkt. Moritz Leuenberger war der 101. von ihnen. Von 1995 bis 2010 war der Zürcher Sozialdemokrat Mitglied der Landesregierung und leitete dort Umwelt- und Verkehrsdepartement UVEK. Leuenbergers Vorgänger und Nachfolgerinnen im Bundesrat ist im Landesmuseum in Zürich eine Ausstellung gewidmet. Wir haben Sie besucht –mit Moritz Leuenberger als Museumsguide.

Betritt man die Ausstellung, so sieht man sich als erstes 203 Bundesratsgesichter gegenüber. Sie blicken einem von den bisher 29 offiziellen Bundesratsfotos entgegen, die seit 1993 jeweils zu Jahresbeginn veröffentlicht werden. Die meisten dieser Gesichter ziert ein gütiges Lächeln. Als würden die Landesmütter und Landesväter ihrem Volk signalisieren: «Wir tragen schwere Verantwortung, doch lassen uns davon nicht die Laune verderben».

Wenn der Bundeskanzler «Cheese, Cheese!» ruft

Doch nicht bei allen ist das der Fall. «Auf einem davon habe ich einen ‹furchtbaren Stein› gemacht», erinnert sich Leuenberger mit einem Schmunzeln. Das habe ein «wahnsinniges Theater» gegeben, das sich bis zu den Sommerferien hingezogen habe. Während der Aufnahmen habe der Bundeskanzler immer «Cheese, Cheese» gerufen. Dieses «Lachdiktat» habe bei ihm zu einer Trotzreaktion geführt: «Schliesslich schauen die Models bei Aufnahmen auch meistens abgelöscht drein», kokettiert der 74-Jährige.

Auch zum Bundesratsfoto 2006, für das er als Bundespräsident verantwortlich war, hat Leuenberger eine Anekdote. Den Auftrag hat er den Schülern der Zürcher Hochschule für Gestaltung erteilt: «Ich wollte etwas Freches, etwas Ungewöhnliches.», so seine Hoffnung.

«Traditioneller geht es gar nicht»: Bundesratsfoto aus Leuenbergers Präsidialjahr 2006.

«Traditioneller geht es gar nicht»: Bundesratsfoto aus Leuenbergers Präsidialjahr 2006.

Schweizerische Bundeskanzlei

Doch am Ende liessen die jungen Fotografinnen die Landesregierung vor einem dreidimensionalen Schweizerkreuz aus Holz posieren: «Traditioneller geht es gar nicht», meint Leuenberger. Erst im Nachhinein habe er realisiert: «Die Schüler waren mehrheitlich Deutsche und ihre Lehrer, die ihnen reingeredet haben, waren ausschliesslich Deutsche. Und die haben dann halt das Wappen als Symbol der Nation verwendet.» Das habe zwar überhaupt nicht seinen Vorstellungen entsprochen: «Aber wenn ich schon delegiere, musste ich das Resultat auch akzeptieren», meint er heute

«Der Politiker hält sich selber immer für das grösste Vorbild»

Moritz Leuenberger.

Moritz Leuenberger.

Britta Gut

Die jährlichen Fotos seien eines der Rituale, wenn auch ein vergleichsweise junges, welches den Bundesrat als historisch kontinuierliches Gremium begreifbar machten: «Jede Staatsform hat ihre Rituale, welche ihre Grundzüge unterstreichen». Zu diesem Ritual gehöre mittlerweile auch, dass die Medien das neue Foto jeweils genüsslich verspotteten. Doch mit dem Bundesratsfoto würde die durchaus ernsthafte Botschaft transportiert, dass die Schweiz eben eine Regierung aus sieben gleichgestellten Mitgliedern mit einem wechselnden Präsidium habe: «Das ist etwas Einmaliges.»

Er und seine Kollegen im Bundesrat seien froh gewesen, dass die Schweizer Demokratie keine überbordend repräsentativen Traditionen für ihre Regierungsmitglieder vorsehe. Neid auf Amtskollegen im Ausland, die in pompösen Regierungssitzen wohnen und sich nirgendwohin ohne Bodyguards und gepanzerter Limousine begeben, habe er nie verspürt. Leuenberger sagt:

«Ich wusste es immer zu schätzen, dass ich auf den Markt gehen oder mit dem Tram fahren kann.»

Doch bei den Begegnungen habe er manchmal einen «gewissen Wunsch» der Leute verspürt, die Bundesräte sollten doch auch von einigen Symbolen der Macht umgeben sein, zum Beispiel von Bodyguards.

In der Ausstellung werden alle 120 Mitglieder des Bundesrats mit Bild und kurzen biographischen Angaben vorgestellt. Ein besonders Vorbild unter ihnen hat Leuenberger nicht: «Es gehört ein wenig zum Eingebildet-Sein des Politikers, dass er kein Vorbild hat. Er hält sich selber immer für das grösste Vorbild.»

«Keine Glorifizierung einzelner Figuren»: Moritz Leuenberger

«Keine Glorifizierung einzelner Figuren»: Moritz Leuenberger

Britta Gut

Die schiere Anzahl der Magistratspersonen – viele nur noch Historikern und absoluten Politik-Nerds ein Begriff – lässt die Ausstellungsbesucher an der Bedeutung einzelner Bundesräte zweifeln. In der Schweizer Erinnerungskultur spielen sie selten eine grosse Rolle. Moritz Leuenberger reut es nicht, dass keine Brücken, Schulen oder Parks nach ihm benannt sind: «Wir wollen bewusst keine Glorifizierung einzelner Figuren.» So habe er bei einem der wichtigsten Meilensteine seiner Amtszeit, dem Durchstich beim Gotthard-Basistunnel, die Neat ganz bewusst als «Errungenschaft der direkten Demokratie» bezeichnet

Der erste geschiedene Bundesrat

Leuenberger kommt in der Ausstellung im Landesmuseum die seltene Ehre einer eigens ihm gewidmeten Tafel zu. In einer Reihe mit dem ersten Sozialdemokraten, dem ersten Arbeiter oder der ersten Jüdin im Bundesrat wird Leuenberger als der erste Bundesrat erwähnt, der bei seiner Wahl eine Scheidung hinter sich hatte. Seine Wahl, einerseits als Vertreter all jener Leute, die wie er einen «Lebenslauf mit Brüchen» aufweisen, sei unter diesem Gesichtspunkt ein wichtiges Zeichen mit politischer Bedeutung gewesen.

In einem der interessantesten Schaukästen der Ausstellung sind Geschenke zu sehen, welche die Bundesräte bei Staatsbesuchen im Ausland erhalten haben – unter anderem ein prachtvoller Teppich mit dem Konterfei von Adolf Ogi. Leuenberger kommentiert:

«Jeder Schweizer muss lachen, wenn er so etwas sieht. Inklusive Ogi selber.»
Moritz Leuenberger vor einem Teppich mit dem Konterfei von Adolf Ogi.

Moritz Leuenberger vor einem Teppich mit dem Konterfei von Adolf Ogi.

Britta Gut

Denn der Teppich illustriere beispielhaft, wie fremd die Verherrlichung von staatlichen Repräsentanten für die Schweiz und ihre Demokratie sei: «So wollen wir eben genau nicht sein».

Während der Sitzung wird gesiezt, beim Kaffee geduzt

Gegen Ende unseres Museumsbesuch setzt sich Leuenberger ins im Massstab von 60 Prozent des Originals nachgebaute Bundesratszimmer. Und erinnert sich, wie es damals zugegangen ist im Original im Bundeshaus-West. An die Sitzordnung der Bundesräte, die durch die Anciennität vorgegeben ist. An die entscheidende Bedeutung, die dem Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin als Sitzungsleiter zukommt. An die Sitte, sich im Sitzungszimmer zu Siezen, aber in der Kaffeepause zu Duzen.

Moritz Leuenberger im nachgebauten Miniatur-Bundesratszimmer.

Moritz Leuenberger im nachgebauten Miniatur-Bundesratszimmer.

Britta Gut

Im Juni gibt Leuenberger eine öffentliche Führung durch die Ausstellung. Beim Verlassen der Ausstellung sagt ein Mitarbeiter des Landesmuseums: «Hoffentlich sind bis dann wieder mehr als 15 Personen zugelassen». Leuenbergers Antwort: «Und wenn nicht, dann geben wir dem Bundesrat die Schuld.» Und statt einem «furchtbaren Stein» wie einst auf dem Bundesratsfoto ist auf seinem Gesicht ein breites Grinsen zu sehen.

Hinweis: Ausstellung «Bundesrätinnen und Bundesräte seit 1848», bis 7.11. im Landesmuseum in Zürich zu sehen. Geöffnet von Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr. Infos zu Führungen etc. auf landesmuseum.ch/bundesrat.