Epidemie
Äusserst seltenes Phänomen: Grippewelle nimmt zum zweiten Mal Fahrt auf

Erstmals seit 15 Jahren tritt in der Schweiz eine mehrgipflige Grippeepidemie auf: Die Verdachtsfälle sind nach einem starken Rückgang wieder angestiegen. Impfungen bieten keinen garantierten Schutz und sind nur teilweise effektiv.

Sandra Meier
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Die Grippe zwingt in der Schweiz seit Wochen viele Menschen ins Bett, die Zahl der Verdachtsfälle pro 100'000 Einwohner ist sogar noch einmal angestiegen.

Die Grippe zwingt in der Schweiz seit Wochen viele Menschen ins Bett, die Zahl der Verdachtsfälle pro 100'000 Einwohner ist sogar noch einmal angestiegen.

Keystone/BAG/Montage_AZ

Seit Wochen hat die Grippe die Schweiz fest im Griff. Der Schwellenwert einer Epidemie von 68 Grippeverdachtsfällen pro 100'000 Einwohner war kurz vor den Weihnachtstagen überschritten worden. In der zweiten Januarwoche erreichten die Grippefälle den zwischenzeitlichen Höchstwert von 365 Fällen.

Das Besondere an der diesjährigen Grippewelle: Erstmals seit 2003 tritt wieder eine mehrgipflige Epidemie auf. Während die Fälle nach dem ersten Spitzenwert in der dritten Januarwoche wieder sanken, liegt die Zahl aktuell (Stand 30. Januar) bei 369 Grippeverdachtsfällen pro 100'000 Einwohner, wie aus dem Lagebericht des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) hervorgeht. Fast 70 Grippe-Fälle mehr als vor einer Woche.

«Das ist sehr überraschend, eine mehrgipflige Epidemie tritt nur äusserst selten auf», sagt Daniel Koch, Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten» im BAG. Gründe, warum die Fälle nach einem «starken Abfall» wieder angestiegen sind, kann er keine nennen. Es handle sich um den gleichen Virus. Auffallend sei, dass von der Grippe vor allem Kinder- und Jugendliche betroffen seien. «Dies ist wahrscheinlich auf den Virus zurückzuführen», vermutet Koch. Genau wisse man es aber nicht.

BAG

Neben der Region Graubünden/Tessin fesseln die Grippeviren vor allem Menschen in der Nordwestschweiz ans Bett: Die Inzidenz in den Kantonen Aargau, Solothurn und den beiden Basel liegt aktuell bei 443.1 Verdachtsfällen auf 100'000 Einwohner – Tendenz steigend.

BAG

Impfung nur teilweise effektiv

Wer sich gegen die Krankheit hat impfen lassen, sollte trotzdem Vorsicht walten lassen. Ein Grund dafür sind die unterschiedlichen Virenstämme. Jedes Jahr eruieren Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), welche Viren in der kommenden Grippesaison am wahrscheinlichsten auftreten. Diese Impfempfehlung gibt auch das BAG weiter. Das Problem: dies passiert bereits im Februar. Damals gingen die Experten davon aus, dass Virenstamm A am häufigsten verbreitet sein wird. «Dass nun der Stamm B Yamagata besonders aggressiv ist, ist natürlich unglücklich», sagt Koch.

Gegen diesen Virenstamm ist nur geschützt, wer eine sogenannte Vierfachimpfung erhalten hat. Dennoch meint Koch: «Um sich für diese Grippewelle noch impfen zu lassen, ist es eigentlich zu spät». Bis das Immunsystem nach erfolgter Impfung Antikörper aufbaut, dauere es rund zwei Wochen. In Einzelfällen empfiehlt Koch jedoch, die Situation mit dem Hausarzt abzusprechen.

Mittlere bis starke Grippewelle

Die Intensität der saisonalen Grippe variiert von Jahr zu Jahr. Wie stark die diesjährige grassiert, kann Koch nur abschätzen: Umfassend analysiert wird die Grippewelle erst, wenn sie vorbei ist. «Wir verzeichnen etwa gleich viele Fälle wie letztes Jahr. Damals handelte es sich um eine mittlere bis starke Grippewelle.»

Grippewellen kommen jedes Jahr vor. «Es gab noch keinen Winter, in dem der epidemische Schwellenwert nicht überschritten wurde», sagt Koch. Das BAG untersucht die alljährlichen Grippewellen seit über 30 Jahren.