Als Miriam* und ihr Freund Andreas* das Flugzeug betraten, ahnten sie nicht, dass die nächsten Minuten sie völlig verstören würden. Sie hatten den Flug mit Edelweiss nach Marrakesch lange im Voraus gebucht. «Nonstop an die Sonne fliegen» lautet ein Slogan der Airline. Die meisten Passagiere hatten sich schon an ihrem Platz eingefunden oder würgten noch die letzten Gepäckstücke in die Ablage, als Miriam und Andreas sich an ihnen vorbei in Richtung ihres Sitzplatzes schoben.

Dann hörte sie die Schreie. «Zuerst dachte ich, das muss ein Kleinkind sein, doch dann realisierte ich: Die Stimme war viel zu tief», sagt Miriam. Als sie ihren Sitzplatz in der zweithintersten Reihe erreichten, sahen sie, woher die Rufe kamen. Ein Mann sass vornübergebeugt zwischen zwei Männern, die sich später als Polizisten zu erkennen gaben. Einer der beiden Beamten hatte seinen Arm um ihn gelegt. Miriam konnte nicht erkennen, ob er den Mann nach unten drückt oder ob er ihm Zuspruch gebend auf die Schultern klopfte. Dann sah sie die Fesseln. Und der Mann schrie immer noch. Miriam hat die Szene mit ihrem Smartphone aufgenommen. Man hört den Mann laut und mit hoher Kadenz schreien. Miriam erkundigte sich bei den beiden Beamten, was los sei. Sie antworteten, der Mann hätte die Chance nicht genutzt, ohne polizeiliche Begleitung zu reisen.

«Sie können ja aussteigen»

Eine Flight Attendant bot dem jungen Paar an, sie könnten aussteigen, falls sie sich unwohl fühlten. «Das Angebot machte mich wütend. Nicht ich fühlte mich unwohl, sondern offensichtlich dieser unfreiwillige Passagier», sagt Miriam. Die anderen Passagiere blätterten im Duty-free-Katalog und simulierten demonstrativ Normalität, erinnert sich Miriam. Sie selber wurde laut und machte die anderen Passagiere auf die Situation aufmerksam. «Ich fand es unerträglich, dass man eine um Hilfe schreiende Person einfach ignoriert», sagt sie.

Als schliesslich auch einige der anderen Passagiere sich zum gefesselten Mann umdrehten, wurde es dem Personal der Edelweiss oder den Polizisten offenbar zu viel. Die Übung wurde abgebrochen. Die Beamten schleppten den Mann aus dem Flugzeug. Der Kapitän entschuldigte sich für die Verspätung und gab die Temperatur am Zielort durch. Es herrschten angenehme 18 Grad in Marrakesch.

Abklärungen bei der Kantonspolizei Zürich und Edelweiss Air ergaben, dass es sich beim unfreiwilligen Passagier um einen Marokkaner gehandelt habe, der zuvor mit Edelweiss von Marrakesch nach Zürich geflogen war und eigentlich einen Weiterflug nach Asien gebucht hatte. Diesen habe er nicht angetreten. Weil er für die Schweiz kein Visum hatte, war Edelweiss dazu verpflichtet, ihn wieder zurück an den Ausgangspunkt seiner Reise zu bringen. Ein Asylgesuch, das seinen erzwungenen Rückflug zumindest verzögert hätte, wollte oder konnte er offenbar nicht stellen.

Der Vorfall, der sich Anfang Februar ereignete, wirft ein Licht auf einen Teil der Luftfahrt, auf den die Airlines nicht stolz sind. Sie befördern im Ferienflieger manchmal auch unfreiwillige Gäste. Direkte Rückführungen wegen fehlender Einreisebewilligung sind selten. Schon bevor der Flieger abhebt, kontrollieren die Airlines in der Regel, ob die Passagiere über Einreisebewilligungen ins Zielland verfügen.

Doch es gibt auch Ausschaffungen von abgewiesenen Asylbewerbern in Ferienfliegern. Man prüfe Anfragen des Staatssekretariats für Migration (SEM), heisst es bei den Schweizer Airlines Edelweiss und Swiss. Mehr will man zum heiklen Thema nicht sagen. Das SEM wiederum macht keine Angaben über die Fluglinien, mit denen sie bei Ausschaffungen zusammenarbeitet.

Mehr Zwang bei Ausschaffungen

Eine Auswertung der Ausschaffungen von abgewiesenen Asylbewerbern der letzten zehn Jahre durch die «Schweiz am Wochenende» zeigt: Es kommt mehr Zwang zum Einsatz. Reisten 2007 noch 37 Prozent der Betroffenen freiwillig aus, sank die Zahl im letzten Jahr auf 22 Prozent. Das ist der tiefste Wert in den letzten zehn Jahren. 2016 waren es noch 27 Prozent. Bei 78 Prozent der insgesamt 7147 Ausgeschalten im Jahr 2017 begleiteten Polizisten die Abgewiesenen also mindestens bis zum Flugzeug, flogen mit oder fesselten sie. Ein kleiner Teil reiste gefesselt und geknebelt per Sonderflug.

Viele Rückreisen von Asylbewerbern per Flugzeug scheitert zudem zunächst. Der Bund musste letztes Jahr 3343 Flugtickets annullieren oder umbuchen, weil abgewiesene Asylsuchende untertauchten oder den Abflug verweigerten. Das entspricht einem Drittel der Buchungen. Oft klappt die Ausschaffung dann aber beim nächsten Versuch, zum Beispiel im Sonderflug. Auch der marokkanische Edelweiss-Kunde ohne Visum ist mittlerweile wieder in seiner Heimat. Er wurde mit einer späteren Maschine abgeschoben. Ob er wieder geschrien hat, ist nicht bekannt.

*Namen geändert.