Sie haben Glück. Sie haben nur fünf Jahre Einreiseverbot erhalten. Normalerweise müssten Sie acht bis zehn Jahre erhalten», erklärte der Migrationsbeamte vor einer Woche. Für Johnny* hält sich aber das Glück in Grenzen. In Schengen-Grenzen. Denn der aus Serbien stammende Albaner darf fünf Jahre lang nicht in die Schweiz und auch nicht in die Schengen-Staaten einreisen. So will es das Abkommen. Johnny kann sich mit dieser – aus seiner Sicht – Zusatzstrafe nicht abfinden.

Am kommenden Dienstag wird seine Wegweisung vollzogen. «Ich werde mit dem Bus ausreisen.» Der 29-Jährige hofft noch auf einen positiven Bescheid wegen einer Wohnung. Fliegen will er nicht. Er würde in Belgrad ankommen. «Dort sprechen alle Serbisch. Ich kann nur Albanisch. Ich fühle mich in Serbien unsicher.» Nach wie vor gebe es grosse Probleme zwischen Serben und Albanern. Mit dem Bus wird er in den Teil von Serbien reisen, in dem die Albaner leben, nach Preševo.

Bettlacher Bankräuber A.K. will nicht ausgeschafft werden

Bettlacher Bankräuber will nicht ausgeschafft werden

Doch wie ist es so weit gekommen? Johnnys Eltern verliessen Serbien zu Beginn des Zerfalls von Jugoslawien 1989. Johnny war bei seiner Ankunft am 1. April zweieinhalb Jahre alt. Nach dem Kindergarten in Büren an der Aare besuchte er die Schule in Biberist. Danach machte er eine Kochlehre und arbeitete zuerst in seinem Beruf. Bald gefiel es ihm nicht mehr. Er begann, temporär zu arbeiten. Dann kam das Nichtstun. «Es ging mit mir bergab, ich geriet an den falschen Freundeskreis. Ohne Arbeit hat man Zeit für anderes.» Am Tag schlief er und in der Nacht zog er von Bar zu Bar. Geldnot kam auf. Als seine Geldkrise einen Höhepunkt erreichte, liess er sich auf einen Plan ein, den er heute noch jeden Tag verflucht.

Eine Woche vor Weihnachten, am Freitag, 16. Dezember 2011, überfallen drei bewaffnete Männer um 15 Uhr eine Bankfiliale in Bettlach. Sie bedrohen die Angestellten sowie die anwesende Kundschaft und fordern die Herausgabe von Geld. Einer der Vermummten ist Johnny. Er ging als Letzter in die Bank. «Einer meiner Kollegen hatte anscheinend eine Kundin, die später hineinkam, geschlagen. Ich sah das nicht, ich war in einem Nebenraum, als ich einen Schrei hörte.» Neben anderem wurde Johnny auch Körperverletzung angelastet, später aber wieder zurückgenommen. «Das bereue ich alles so sehr. Ich bereue jeden Tag, was ich dort gemacht habe. Eine Kundin war etwa 16 Jahre alt, und sie musste so etwas miterleben», sagt er fassungslos über sein eigenes Tun.

«Ich kann Jetzt nicht einmal Beschwerde machen gegen diesen Schengen-Zusatz, weil ich das Geld nicht habe. Unschuldig bin ich nicht, das ist klar. Ich will nicht Mitleid, aber ich will mit diesem Bericht etwas in der Schweiz zurücklassen», erklärt Johnny im hinteren Teil des Coop-Restaurants in Biberist. Dies sei seine Motivation für dieses Gespräch. «Es ist alles Scheisse gelaufen, ich habe einfach nicht so weit überlegt.»

Johnny blieb nach seiner Verhaftung drei Monate in U-Haft, wurde entlassen, ging arbeiten und begann, seine Schulden zurückzuzahlen. Der Richter würdigte seine Anstrengungen und verurteilte ihn nur zu zusätzlichen 9 Monaten unbedingt und zwei Jahren bedingt. Die Strafe durfte Johnny mit Fussfesseln absitzen. Er hielt alle seine Termine ein, arbeitete weiter und zahlte seine Schulden zurück. «Ich wollte den Schaden ersetzen.» Drei Monate vor Ende der Fesselstrafe erhielt er dann den Ausweisungsbrief. «Sie schrieben, es werde für mich hart sein, aber ich müsse die Schweiz nach 26 Jahren Aufenthalt verlassen.»

Vor diesem Überfall habe er sich nie etwas zuschulden kommen lassen. «Ich hatte nie was mit Drogen, Diebstahl oder Gewalt zu tun.» Der Ausweisungsbescheid habe ihn dann total verstört. «Für mich ist eine Welt zusammengebrochen.» Innert kürzester Zeit verlor er seine Arbeit und musste letzten Endes fünf Wochen Schutz in einer psychiatrischen Anstalt suchen. Auf Anraten seines Anwaltes führte er Beschwerde gegen den Ausweisungsbescheid vor Verwaltungsgericht und Bundesgericht. Beide Male wurde sein Antrag abgeschmettert. Johnny ist jetzt ein Häufchen Elend. Aus seiner Mappe kramt er die Entschuldigungsbriefe hervor, die er verfasste: An die Bank, an die Angestellten und an die zwei Kunden, die damals während des Überfalls die Bank betraten und deswegen ein traumatisches Erlebnis verarbeiten mussten. «Ich verstehe, dass sie nicht zurückschrieben.»

Vor sechs Jahren war er letztmals in Serbien. Der Krieg habe viel zerstört. Er fühle sich dort nicht sicher. «Und das Schlimme ist, ich habe dort niemanden.» Seine Familie lebt inzwischen mehrheitlich in der Schweiz und in Deutschland. «Ich hätte nach Deutschland zu Verwandten gehen können. Aber das wurde mir auch weggenommen.»

«Die Ausweisung habe ich jetzt akzeptiert. Aber dass ich nicht in ein anderes EU-Land einreisen darf, das verstehe ich nicht», sagt er. Johnnys Pech ist, dass Serbien nicht zur EU gehört. Laut Staatssekretariat für Migration werden Einreiseverbote gegen Drittstaatsangehörige im Schengener Informationssystem (SIS) ausgeschrieben, was zu einer Schengen-weiten Einreiseverweigerung führt. EU/Efta-Bürger werden nicht im SIS ausgeschrieben. Diese Bestimmungen gelten für alle Schengen-Mitgliedstaaten. Man soll ihm diesen Passus aus dem Bescheid aus seinem Einreiseverbot nehmen, sagt Johnny. «Ich fühle mich wie eingesperrt in einem mir fremden Land», beschreibt er seine Gefühle. Er habe auf Schweizer Boden etwas verbrochen und nicht anderswo. «Schreiben Sie, dass ich die Hoffnung nie verlieren werde und ich weiter kämpfen werde, wegen der Sperrung für die Schengen-Staaten.»

«In Preševo wird es weniger schön sein. Den Luxus muss ich mir abgewöhnen.» Luxus hatte er nach eigenen Angaben in den zwei Monaten zwischen Überfall und Verhaftung. Von der seinerzeitigen Beute von 337'810 Franken dürfte Johnny gegen einen Drittel erhalten haben. Vor Gericht gab er damals an, das Geld verprasst zu haben. Am Dienstag wird er mit wesentlich weniger Geld in die unbekannte andere Welt reisen. Das Migrationsamt gibt ihm 500 Franken. Weitere 2000 Franken soll er von der Pensionskasse erhalten.

*Name der Redaktion bekannt.