Trauerfeier wird zu Masaker
Aus der Trauerfeier wurde ein Massaker

Am 15. April 1989 starb Ex-Parteichef Hu Yaobang. Was als Trauerfeier für ein populäres Parteimitglied begann, verwandelte sich schnell in eine Demonstration gegen das kommunistische System.

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Platz des Himmlischen Friedens

Platz des Himmlischen Friedens

Keystone

Jutta Lietsch, Peking

Die Unzufriedenheit richtete sich vor allem gegen die rasanten Preiserhöhungen jener Zeit, vor allem bei Lebensmitteln. Die wirtschaftliche Liberalisierung zeigte ihre Schattenseiten. Viele Hochschüler stritten für unabhängige Studenten- und Arbeiterorganisationen, andere für politische Reformen und Pressefreiheit. Um ihre Forderungen durchzusetzen, begannen die Studenten einen Hungerstreik. Weil die Partei am 26. April in einem Kommentar im KP-Blatt «Volkszeitung» die Demonstranten als «konterrevolutionär» kritisierte, demonstrierten auch andere Bürger - darunter Arbeiter, Journalisten, Polizisten und Diplomaten - in Solidarität mit den Hochschülern. Kunststudenten stellten schliesslich eine «Göttin der Demokratie» aus Gips auf den Platz.

Gorbatschow durch die Hintertür

Einen dramatischen Höhepunkt der Proteste erlebte China, als die Parteispitze den sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow nicht, wie geplant, mit allen Ehren auf dem Tienanmen-Platz empfangen konnte. Stattdessen musste man ihn durch einen Hintereingang in die Grosse Halle des Volkes schleusen.

Diesen Gesichtsverlust sollten die mächtigen Männer in der Kommunistischen Partei, Genossen um den späteren Wirtschaftsreformer Deng Xiaoping, den Demonstranten nicht verzeihen. Hardliner, zu denen auch Premierminister Li Peng gehörte, plädierten für einen Militäreinsatz. Der damalige Parteichef Zhao Ziyang wehrte sich gegen eine gewaltsame Lösung und wurde deshalb Mitte Mai entmachtet.

Zwei Wochen Ausnahmezustand

Am 20. Mai 1989 wurde der Ausnahmezustand für Peking erklärt. Truppen der Volksbefreiungsarmee standen schon seit Tagen rund um die Hauptstadt bereit. Erste Versuche der Soldaten, unbewaffnet auf den Platz zu gelangen, wurden durch die Bevölkerung verhindert. In den nächsten Tagen gab die Regierung aber immer schärfere Warnungen aus.

In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni versuchten voll ausgerüstete und bewaffnete Soldaten mit Schützenpanzern zum Platz zu gelangen. Als mit Steinen auf die Schützenpanzer geworfen wurde, schoss die Armee zurück. Die Kämpfe eskalierten, mehrere Soldaten wurden gelyncht, die Armee setzte ihre Waffen immer rücksichtsloser ein.

Als die ersten Soldaten den Platz erreichten, waren nur noch etwa 5000 Studenten dort. Sie räumten den Platz gegen 5 Uhr morgens, nachdem sie freien Abzug ausgehandelt hatten. Auf dem Platz selbst gab es relativ wenige Opfer (etwa 100), die meisten Toten und Verletzten gab es bei Gefechten in anderen Stadtteilen. Die Opferzahlen gehen auseinander: von offiziell 300 Toten bis geschätzte 700 bis 3500 Tote (Amnesty International).