Der obere Stock des vegetarischen Restaurants Hiltl an der Zürcher Sihlstrasse ist eigentlich noch geschlossen. Nicht so für Bea Knecht, die das Restaurant als erweitertes Büro nutzt. Die 46-jährige Gründerin von Zattoo, dem ersten Schweizer Web-TV-Anbieter, sitzt an einem der Tische und trinkt Rooibos-Tee. Noch vor ihrer Umwandlung zur Frau gab Beat, wie Bea in ihrem früheren Leben als Mann hiess, die Geschäftsführung ab. Seither präsidiert sie den Verwaltungsrat.

Frau Knecht, warum gerade das «Hiltl» als Wohlfühl-Büro?

Bea Knecht: Hier ist es ruhig und ich kann konzentriert arbeiten. Hinzu kommt, dass mir das Essen guttut. Ich leide seit einem Riverrafting-Unfall in den USA an einer Gluten- und Milchproteinunverträglichkeit. Die Zutaten hier sind deklariert und die Speisen frisch zubereitet. Ich habe schon tausendfach hier gegessen.

Ein Schlauchbootunfall – was ist passiert?

Ich wurde mitgerissen, schluckte viel Wasser und prallte gegen Steine – zum Glück mit den Beinen voran, so hatte ich es in der Reuss gelernt. Äusserlich kam ich schadlos davon, aber die Verdauung war danach nicht mehr normal. Was genau die Unverträglichkeit ausgelöst hat, ist unklar. Erst als ich nach leidvollen Jahren die Ursachen meiner gesundheitlichen Probleme herausbekam, schöpfte ich neue Energie. Daraufhin gründete ich mit meinem damaligen Geschäftspartner Zattoo.

Das war 2005. Später nahmen Sie ein anderes Problem in Angriff. Sie fühlten sich als Frau, gefangen im Körper eines Mannes. Sie bezogen eine Auszeit und kehrten wenig später als Frau in den Verwaltungsrat zurück. Wie kam es dazu?

Mein Dasein als Transgender-Person liess sich zwar unterdrücken, nicht aber lösen: Ich war mir meiner Transsexualität bereits seit langem bewusst, unterdrückte sie aber wirkungsvoll. Niemand wusste davon. Das trug man damals auch nicht einfach so am Hemdsärmel zur Schau. Doch ich hatte keine Wahl, man kann sich eine solche Prägung nicht abtrainieren oder eine Pille dagegen schlucken. Ungeheuerlicherweise würden es die meisten aber tun, wenn es diese Möglichkeit gäbe. Meine weibliche Seite lebte ich vor meinem Entscheid zum Coming-out über mein Interesse an der Innenarchitektur aus.

Haben Sie Ihr Coming-out nie bereut?

Nein, interessanterweise nicht. Ich denke gar nie darüber nach. Es sind Interviews oder Gespräche wie dieses, bei welchen ich mich mit dem Thema beschäftige. Das Coming-out löste einen Energieschub in mir aus. Ich kenne viele Transgender-Personen, überall auf der Welt verteilt. Vielen geht es genauso wie mir. Mit dem Coming-out und der Umwandlung setzten sich nicht nur bei mir Kräfte frei, die vorher wohl durch das Unterdrücken der Prägung absorbiert waren.

Wie reagierte das Umfeld?

Ich wohne am Zürichsee in einer eher konservativ geprägten Gegend. Selbstverständlich war es für die Nachbarn komisch, plötzlich einer Frau zu begegnen. Ich kenne ein interessantes Experiment aus den USA: Ein lesbisches Paar mit Kindern betrat ein gut besetztes Restaurant. Eine Schauspielerin spielte die homofeindliche Kellnerin und beschimpfte die Familie und ihren Lebensentwurf. Das Experiment wurde einmal im konservativ geprägten Staat Texas und einmal im progressiven New Jersey durchgeführt. Erstaunlich: In Texas wiesen viel mehr Restaurantbesucher die Kellnerin zurecht und baten sie, die Familie in Ruhe zu lassen. In New Jersey dagegen mischten sich die Leute gar nicht erst ein.

Die konservativen Texaner zeigten mehr Zivilcourage als die Städter von New Jersey.

Ja, im Sinne des Mottos Leben und leben lassen. Ich persönlich erlebe es hierzulande so: Das tägliche Leben funktioniert. Warum also so viel des Aufhebens?

Dann wählen Sie also konservativ?

Wenn es um die Finanzen geht, ja. Sozial, aber liberal. Wichtiger sind für mich sowieso die Köpfe, wenn ich wähle. Die Köpfe sind die Inhalte, die Parteien die Kanäle.

Eine Analogie zum Internetfernsehen: Auch dort werden Inhalte immer wichtiger als die Kanäle – warum setzt Zattoo nicht voll auf abrufbare Inhalte?

Mit 20 000 Stunden verfügen wir bereits über das grösste Catch-up-TV-Archiv der Schweiz. Inhalte also, welche bereits ausgestrahlt und von uns aufgenommen sind. Für Filme und Serien orientieren wir uns bislang eher an Partnern. Wir werden 2014 ein entsprechendes Abruf-Angebot als Ergänzung zu Live- und Catch-up-TV bringen.

Kommt ein Partner wie etwa der amerikanische Filme- und Serienanbieter Netflix infrage, der hierzulande nur über Umwege genutzt werden kann?

Was Netflix anbietet, ist genial. Doch wie alle anderen ausländischen Anbieter interessiert sich Netflix nicht für den kleinen Schweizer Markt.

Das Netflix-Angebot wird in der Schweiz bereits nachgeahmt: Letzte Woche hat einer Ihrer Konkurrenten, Teleboy, die Flatrate für TV-Serien eingeführt. Das ist neu. Ein Umbruch?

Ich bin ein grosser Fan von Flatrates. Wir Schweizer haben viel Erfahrung damit. Zum Beispiel das Skifahren: Früher musste man mühsam Geld für Einzelfahrten aus der Hosentasche klauben und fast gleichzeitig den Skiliftbügel packen. Heute ist das nicht mehr vorstellbar. Jeder löst eine Tages- oder Halbtageskarte und hat Ruhe.

Warum eignen sich eigentlich gerade Serien für ein solches Angebot?

Serien bergen hohes Suchtpotenzial, weil sie wahnsinnig gut geworden sind. Serien sind ein Phänomen: Über die Jahre hat die Qualität der Storys, der Aufnahmen, aber auch der schauspielerischen Leistung massiv zugenommen. Heute sind sie eine echte Konkurrenz zu Kinofilmen. Serien üben Macht auf den Konsumenten aus. Wenn eine Serie gut ist, dann will ich nicht eine ganze Woche warten müssen auf die nächste Folge. Es besteht eine grosse Nachfrage, die Serienfolgen zum Teil aneinandergereiht dann anzuschauen, wenn die Lust dazu da ist.

Sprechen Sie damit Ihr eigenes Verhalten an?

Ja, auch. Ich selber nutze Netflix, bin ich doch eine Anhängerin von Serien. Es geht dabei aber gar nicht in erster Linie um die Spannung oder um die Geschichte. Vielmehr übt eine Metaebene Faszination aus. Es geht dabei sogar um Analogien zum wirklichen Leben. Serien wie «Breaking Bad» zum Beispiel eröffnen den Zuschauern ganz neue Moralszenarien.

Kann man von Serien lernen?

Ja. Die amerikanischen College-Studenten zum Beispiel lernen viel über Sozialverhalten in Serien wie «Friends» oder «The Big Bang Theory». Serien-Schauen ist so wenig Zeitverschwendung wie Bücherlesen.

Sie haben an einem Podium gesagt, Ihre Generation sei wohl die letzte gewesen, die noch von der Natur gelernt habe. Das war überhaupt nicht pessimistisch gemeint.

Sehen Sie: Amerikanische College-Studenten konsumieren drei Stunden täglich Serien. Das kann gar nicht nur Zeitverschwendung sein. Ihre Sozialisierung findet auch hierüber statt. Das meiste, was sich Menschen über elektronische Medien reinziehen, ist nützlich. Das ist meine These. Gerade bei Serien handelt es sich um Annäherungen an das reale Leben.

Eine Absage an Kulturpessimisten. Mit der demografischen Entwicklung wird sich das Fernsehverhalten massiv verändern. Bedeutet es das Ende traditionellen Fernsehens?

Nein, das glaube ich nicht. Gerade das Schweizer Fernsehen stimmt mich optimistisch. Die SRG befindet sich in einer vielversprechenden Ausgangslage, weil sie über geschärfte Formate, also eigene Inhalte verfügt, die man sehen will. Ich denke dabei an den «Kassensturz», Dok-Filme, «10 vor 10». Andere TV-Anstalten zeigen fast ausschliesslich eingekaufte Formate. Sicher ist: Eine Verschiebung von den Kanälen zu den Inhalten findet statt. Ein guter Fernsehkanal ist aber wie eine gute Marke, ein Qualitätsgarant, den man sich wegen des Namens reinzieht.

Sind SRF-Produktionen gut genug, dass man in einer Bibliothek nach ihnen sucht?

Ja. Wenn ich das etwa mit dem amerikanischen Fernsehmarkt vergleiche, dann liegen Welten dazwischen. Dort ist alles kommerzialisiert. Sie finden abends kein einziges vernünftiges Informationsmagazin. Der US-Zuschauer wird wegen der dauernd zwischengeschalteten Werbung ineffizient mit Informationen gefüttert, die er gar nicht braucht.

Zattoo gibt es auch in Deutschland. Würden Content-Angebote auch dort auf eine Nachfrage treffen?

Ich denke schon. Das, obwohl in der Schweiz mehr Nutzer bereit sind, für zentral bereitgestellte Inhalte zu bezahlen. In Deutschland ist diese Bereitschaft viel kleiner. Es gibt dort eine viel grössere Subkultur, die sich die Inhalte zum Teil bei nicht legalen Anbietern zusammensucht.