Zentralisierung
Aus 12 mach Eins: Widerstand gegen den Umbau von Agroscope

Gegen die Zentralisierung der Forschungsanstalt Agroscope hagelt es Kritik von links bis rechts. Und fürs Bauprojekt am neuen Standort Freiburg fehlt noch immer die Baubewilligung.

Maja Briner
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Die schweizweit zwölf Standorte von Agroscope sollen im freiburgischen Posieux zusammengelegt werden.

Die schweizweit zwölf Standorte von Agroscope sollen im freiburgischen Posieux zusammengelegt werden.

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Ärger mit den Bauern hat Bundesrat Johann Schneider-Ammann eigentlich schon genug. Dennoch legt er noch eine Schippe drauf: Er will bei der Agrarforschungsanstalt Agroscope sparen. Die schweizweit zwölf Standorte sollen im freiburgischen Posieux zusammengelegt werden. Dieser Plan wurde so schön verpackt kommuniziert, dass die Kritik erst mit Verzögerung kam.

Aber sie kam: National- und Ständeräte der SP, Grünen, CVP und SVP reichten Vorstösse ein. Auch Kantone und Bauernverband wehren sich. Der Tenor ist klar: «kein Kahlschlag», «unverzüglicher Halt des strategielosen Umbaus» fordern die Politiker. Sie sorgen sich um die Forschung und ums Personal.

Auch Kantone wehren sich

Nicht nur auf nationaler Ebene regt sich der Widerstand, sondern auch in den betroffenen Kantonen. So verlangen etwa in Zürich CVP, SVP und Grüne einen «Rettungsplan für die landwirtschaftliche Forschung im Kanton Zürich». Die geplante Zentralisierung sei «alarmierend für den Kanton Zürich, der mit den Standorten Zürich Reckenholz und Wädenswil gleich doppelt betroffen ist», schreiben die drei Parteien. An den beiden Standorten sei viel Geld investiert worden, um eine moderne Forschung zu ermöglichen. Diese sei nun in akuter Gefahr. (sda/nch)

Hunderte betroffen

Durch die Zentralisierung will der Bund die Kosten um 20 Prozent senken. Angedacht ist ein Stellenabbau, der aber «möglichst tief» gehalten werden soll, wie Jürg Jordi, Sprecher des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW), versichert. Viele Angestellte würden verlegt: Voraussichtlich rund 400 bis 500 – fast die Hälfte der heutigen Belegschaft – müssten pendeln oder umziehen. Für die Mitarbeitenden der Deutschschweizer Standorte im Thurgau und im Kanton Zürich ist Pendeln nach Posieux angesichts des weiten Wegs aber kaum eine Option.

Der Bund versichert, die Reform solle dank natürlicher Fluktuation und der langen Umsetzungszeit von über zehn Jahren sozialverträglich gestaltet werden. Die Präsidentin des Personalverbands des Bundes, die St. Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi, traut dieser Zusicherung nicht: «Es ist eine Illusion zu glauben, dass derart grosse Umwälzungen sozialverträglich ablaufen können.»

Offenbar spekuliere der Bund darauf, dass manche Mitarbeitende freiwillig kündigten. «Dadurch geht aber viel und wertvolles Wissen verloren», warnt Gysi. Die Verunsicherung beim Personal sei momentan gross, die Mitarbeitenden seien schlecht informiert worden, kritisiert sie. «Das Vorgehen ist absolut fragwürdig – auch, weil Agroscope erst gerade restrukturiert wurde.»

Mehrjährige Verträge

Schneider-Ammanns Ankündigung kam überraschend. Mindestens zwei Kantone – Thurgau und Wallis – beklagen, dass sie für ihre Standorte erst 2017 mehrjährige Verträge abgeschlossen haben. Allerdings kann der Bund diese kündigen. Ob er das tun wird, ist laut BLW noch offen.

Käsekulturen werden privatisiert

Die Grundlage für Käse kommt in der Schweiz oft von Agroscope: Nach hundert Jahren gibt die Forschungsanstalt des Bundes diese Aufgabe nun aber ab. Der Bund zieht sich aus der Produktion für Milchfermenten zur Käseherstellung zurück. Anstelle von Agroscope soll eine Schweizer Aktiengesellschaft die Aufgabe übernehmen. Der neue Hersteller muss etwa eine solide Verankerung in der Branche aufweisen, wie Eric Reumann, Mediensprecher im Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) einen Artikel von «Matin Dimanche» bestätigte. (sda/nch)

In den Regionen abseits von Posieux soll es künftig noch kleine Ableger geben, der Bund spricht von «Satelliten». Nötig sind diese, weil zum Beispiel Versuchsanlagen mit Aprikosenbäumen im Wallis bleiben müssen. Dass ausgerechnet Posieux zum Handkuss kam, erklärt der Bund mit den dort bestehenden Infrastrukturen und der «zentralen Lage auf der Sprachgrenze». Im kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Freiburg ist zudem seit langem ein Agroscope-Neubau geplant. Das Projekt ist jedoch stark im Verzug: Ursprünglich sollten bereits dieses Jahr 170 Mitarbeitende vom Agroscope-Standort Liebefeld bei Bern nach Posieux umziehen. Dies hatte der Bundesrat 2011 entschieden.

Doch bis heute liegt noch keine Baubewilligung vor, wie ein Sprecher des Bundesamts für Bauten und Logistik bestätigt. Gegenüber den «Freiburger Nachrichten» erklärte der zuständige Staatsrat Jean-François Steiert (SP) kürzlich: Das Projekt sei kompliziert, weil Bund, Agroscope und Kanton involviert seien. Zudem wolle der Bund mehr Sicherheiten, was den Kostenrahmen angehe.

Jahrelange Verzögerung

Inzwischen ist das Projekt ganz auf Eis gelegt – auf Empfehlung der Eidgenössischen Finanzkontrolle. Diese regte einen vorübergehenden Projektstopp an, da sich die «ursprünglich festgelegten Bedürfnisse teilweise signifikant verändert» hätten – was angesichts der vergangenen Restrukturierungen wenig erstaunt.

Die lange Verzögerung wirft zwar ein schlechtes Licht auf das Projekt. Für Schneider-Ammann könnte es sich aber auch als Chance erweisen, um die neusten Pläne einzubringen. Vonseiten des Bundes und von Agroscope heisst es, momentan werde das Neubauprojekt «aktualisiert». Und: Für die «definitive Bedürfniserhebung und Festlegung der benötigten Infrastruktur» in Posieux sei es noch zu früh. Mehr Klarheit dürfte es frühestens diesen Sommer geben: Dann will der Bundesrat über das Zentralisierungsprojekt entscheiden.