Eine NZZ-Aktie zu erwerben, ist eine kostspielige Angelegenheit: 5700 Franken für ein einziges Wertpapier sind selbst für Redaktoren des Medienkonzerns, der immer noch überdurchschnittlich gut bezahlt, kein Pappenstiel. Und doch haben in den letzten Wochen mehrere NZZ-Journalisten Aktien gekauft. Nur so dürfen sie an der Generalversammlung vom Samstag das Wort ergreifen.

Und mitentscheiden, ob mit Etienne Jornod weiterhin ein Mann an ihrer Spitze stehen soll, der sich in den letzten sechs Monaten keine guten Noten verdient hat.

Erst kündigte Jornod im November die Schliessung der NZZ-Druckerei in Schlieren an, was bis Mitte dieses Jahres rund 125 Angestellte den Job kosten wird. Selbst Swatch-Chef Nick Hayek äusserte sich gegenüber der Gewerkschaftszeitung «Work» bemerkenswert kritisch: «Das riecht doch stark nach McKinseys kurzfristigen Kostenoptimierungsmethoden.»

Tatsächlich hat der NZZ-Verlag, dessen Prestigeblätter «NZZ» und «NZZ am Sonntag» in Zukunft bei der Konkurrentin Tamedia gedruckt werden, bereits eine erste Quittung für sein Handeln erhalten: Er verlor den lukrativen Auftrag der «Coopzeitung» (Auflage mehr als 600 000 Exemplaren). Der Grossverteiler, der noch vor einem Jahr drei Millionen Franken in neue Maschinen am Standort Schlieren investiert hatte, verspürte keine Lust, seine Zeitung neu in der verbleibenden NZZ-Druckerei in St. Gallen produzieren zu lassen.

Bestenfalls zweite Wahl

Für noch negativere Schlagzeilen sorgte der Verwaltungsrat um Jornod im Dezember, als NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann überstürzt vor die Tür gesetzt und ruchbar wurde, dass man ihn mit Markus Somm ersetzen wollte.

Der Chefredaktor und Verleger der «Basler Zeitung» steht Christoph Blocher nahe, vielen gilt er als verlängerter Arm des SVP-Patrons. Nach tagelangem öffentlichem Druck und lautstarken Protesten der Redaktion platzte die bereits erzielte Einigung Somms mit dem NZZ-Verwaltungsrat in letzter Minute.

Seit einem Monat nun hat die «alte Tante» mit Eric Gujer wieder einen Chefredaktor: Dass sich der Verwaltungsrat drei Monate Zeit liess, bis er sich zur Ernennung des internen und folglich seit langem bekannten Kandidaten durchrang, stützt die Auffassung, beim vormaligen Auslandchef handle es sich bestenfalls um die zweite Wahl.

«Es sind Fehler passiert»

«In der Kommunikation sind sicher Fehler passiert», gibt Jornod gegenüber der «Nordwestschweiz» zu. «Wir haben die Emotionalität gewisser Themen unterschätzt. Das bedaure ich.»

Mit seinem Leistungsausweis ist der 62-Jährige dennoch zufrieden: Objektiv betrachtet, hätten der Verwaltungsrat und die Unternehmensleitung in den vergangenen zwei Jahren «gewaltige Anstrengungen» unternommen, um das Unternehmen an die Herausforderungen einer Medienwelt im Umbruch anzupassen.

Edwin van der Geest hingegen, Gründungsmitglied der «Freunde der NZZ», sagt auf Anfrage, dem Verwaltungsrat fehle es an verlegerischem und publizistischem Know-how. Die Gruppierung von Aktionären, die knapp 15 Prozent des Aktienkapitals auf sich vereinigt, lanciert zwei neue Namen: Der Verwaltungsrat solle die Nomination von Tobias Trevisan (früherer Bereichsleiter Zeitungen der NZZ sowie Geschäftsführer der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung») und Gerhard Schwarz (früherer NZZ-Wirtschaftschef und aktueller CEO des Think-Tank Avenir Suisse) prüfen, fordert van der Geest.

Zur Abwahl empfehlen wollen die «Freunde der NZZ» Jornod jedoch nicht. «Wir wollen ihm das Vertrauen aussprechen, aber nur für ein Jahr – wie jedem anderen Verwaltungsratsmitglied auch.» Die Gruppierung hat deshalb den Antrag gestellt, in Zukunft jedes Jahr den gesamten Verwaltungsrat einer Vertrauensabstimmung zu unterziehen.

Abwahl wäre eine Premiere

Bis anhin beträgt die Amtsdauer der Verwaltungsräte vier Jahre, weshalb sich morgen nur drei der neun Mitglieder der Wiederwahl stellen müssen: Bernd Kundrun, Christoph Schmid – und Präsident Jornod.

Noch nie in der Geschichte der NZZ ist ein Verwaltungsrat abgewählt worden. Dass missliebige Personen aber schon mal abgestraft werden können, zeigte sich im vergangenen Jahr: Carolina Müller-Möhl wurde mit nur 55 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt.

Wird Jornod abgewählt – was unwahrscheinlich, aber möglich erscheint –, können die Aktionäre zwar neue Kandidaten in den Verwaltungsrat wählen, über den neuen Mann an der Spitze aber entscheiden sie nicht: Das Gremium bestimmt seinen Präsidenten gemäss Statuten selbst.

Für den GV-Auftritt trainiert

Offiziell sagt Jornod, er schaue der Generalversammlung mit Zuversicht entgegen. Ganz gelassen aber ist er offenbar nicht: Dem Vernehmen nach übte er diese Woche für den wohl schwierigsten Auftritt seiner bisherigen Karriere mit den Beratern des Kommunikationsbüros Hirzel/Neef/Schmid-Konsulenten.

Während ihn die «Freunde der NZZ» nicht aus dem Amt jagen wollen, verfolgen diesen Plan gemäss «Tages-Anzeiger» gleich zwei andere Gruppierungen, darunter die meisten jener NZZ-Redaktoren, die in den letzten Wochen Aktien erworben haben.

Der von ihnen als Jornod-Alternative portierte Swiss-Re-Präsident Walter Kielholz allerdings nahm sich gestern auf Anfrage gleich selbst aus dem Rennen. Er stehe nicht zur Verfügung, liess er mitteilen – ausgerechnet via Hirzel/Neef/Schmid-Konsulenten, die nicht nur Jornod, sondern auch ihn beraten.