SRG
Aufregung im Tessin: Der Sohn von Carla del Ponte soll neuer Fernsehchef werden

Der Kulturmanager Mario Timbal hat keine Erfahrung in den elektronischen Medien. Trotzdem schlägt die Tessiner SRG-Sektion den Sohn der vormaligen Bundesanwältin als neuen TV-Direktor vor.

Francesco Benini
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Ein Kandidat wie aus dem Nichts: Mario Timbal.

Ein Kandidat wie aus dem Nichts: Mario Timbal.

KEYSTONE

Am Freitag wählt der Verwaltungsrat der SRG den neuen Direktor von Radio und Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz (RSI). Es zeichnet sich eine grosse Überraschung ab.

Zwei Favoriten gab es für die Nachfolge des scheidenden Direktors Maurizio Canetta: dessen Stellvertreterin Milena Folletti, die auch Programmleiterin von RSI ist. Und Marco Derighetti, der in der SRG den Bereich Operationen führt und Mitglied der Geschäftsleitung ist.

Am Mittwoch meldete das Tessiner Online-Portal Gas Social aber, dass ein anderer Kandidat das Rennen machen werde: der 43-jährige Mario Timbal. Er ist der Sohn der wohl prominentesten Tessinerin, Carla del Ponte, der vormaligen Bundesanwältin und Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.

Ein völlig unerwarteter Vorschlag

Ein bekannter Tessiner Politiker, der nicht genannt werden will, sagt: «Ja, ich habe gehört, dass der Ausschuss des italienischsprachigen SRG-Regionalrats Mario Timbal zur Wahl vorschlägt.» Der Ausschuss hat sich in Zusammenarbeit mit SRG-Direktor Gilles Marchand auf den Vorschlag geeinigt.

Carla del Ponte, vormalige Bundesanwältin und Mutter des Kandidaten.

Carla del Ponte, vormalige Bundesanwältin und Mutter des Kandidaten.

Samuel Golay / TI-PRESS

Der Präsident des Ausschusses, der vormalige CVP-Staatsrat Luigi Pedrazzini, meint: «Der Verwaltungsrat der SRG trifft seine Wahl am Freitag. Mehr sage ich nicht.» Pedrazzini ist Vizepräsident des SRG-Verwaltungsrats – er befindet nun also über seinen eigenen Antrag mit.

Der Vorschlag kommt völlig unerwartet, weil Mario Timbal bisher nie für ein elektronisches Medium gearbeitet hat. Er war als Journalist für den «Corrriere del Ticino» tätig und wechselte ans Filmfestival von Locarno.

Von 2013 bis 2017 war er der operative Leiter des Festivals; er kümmerte sich also nicht um das Programm, sondern um die Finanzen und die Organisation. Seit 2017 ist er operativer Leiter des Kulturzentrums Luma im südfranzösischen Arles. Das Zentrum wurde 2013 von der Schweizer Roche-Erbin Maja Hofmann ins Leben gerufen.

Will die SRG einen Manager, keinen Publizisten?

Timbal gilt als effizienter, gut vernetzter Kulturmanager. Jemand, der ihn gut kennt, sagt: «Er ist intelligent. Von seiner Mutter hat er die Härte und die Beharrlichkeit, von seinem Vater das diplomatische Auftreten und den Sinn für juristische Zusammenhänge.» Daniele Timbal, Rechtsanwalt in Lugano, ist von Carla del Ponte geschieden.

Setzt die SRG im Tessin nun auf jemanden, der nicht aus dem eigenen Laden kommt? Der vielleicht ein Verständnis für Journalismus mitbringt, aber nicht weiss, wie die Redaktionen bei öffentlichen Sendern funktionieren? Die Wahl Timbals würde bedeuten, dass Managementfähigkeiten hoch gewichtet werden.

Es gibt im Tessin aber einige, welche die Nase rümpfen. Timbal komme aus einer sehr guten Familie – das zähle im Südkanton mehr als in anderen Schweizer Regionen, sagen sie. Ausserdem werde er von der FDP und der CVP gefördert; die beiden Parteien geben im Regionalrat der SRG den Ton an.

Schon Carla del Ponte startete ihre Laufbahn im Tessin dank der Unterstützung der FDP. Die Partei schlug sie 1981 im Kantonsparlament als stellvertretende Untersuchungsrichterin vor. Nun könnten die Freisinnigen auch ihrem Sohn zu einem Karrieresprung verhelfen.