Brauchtum
Aufbegehren gegen die Obrigkeit: Einsiedler Fasnächtler ritzen Coronaregeln

In Einsiedeln im Kanton Schwyz kommt es am Abend des Dreikönigtags zu grösseren Versammlungen – und langen Warteschlangen an Take-away-Ständen. Die legale Anarchie gehöre zum Wesen der Fasnacht, sagt Historiker und Brauchtumforscher Werner Röllin.

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Die Luzerner Fasnacht? Abgesagt. Die Basler Fasnacht? Wird nicht stattfinden. Jedenfalls nicht, wie gewohnt. Doch nicht überall vermag das Coronavirus das anarchische Treiben zu verscheuchen.

Zum Beispiel in Einsiedeln im Kanton Schwyz. Wie es die Tradition verlangt, läuteten Trychler am Abend des Dreikönigtages die fünfte Jahreszeit ein:

Zahlreiche Fasnächtler zogen lautstark durch Dorf. Einige Gruppen formierten sich coronakonform, andere nahmen es weniger genau mit den Abstandsregeln, dem Maskentragen und missachteten die Versammlungsobergrenze von 15 Personen. Hunderte Personen verfolgten das Brauchtum entlang der Hauptstrasse, bei Take-away-Ständen bildeten sich zum Teil lange Warteschlangen, die es in Zeiten der Coronapandemie nicht geben dürfte.

Bei Take-away-Ständen bildeten sich lange Warteschlangen.

Bei Take-away-Ständen bildeten sich lange Warteschlangen.

Leserreporter

Die Kantonspolizei Schwyz markierte sichtbar Präsenz und wies einige Trychler auf die Maskentragpflicht hin. In Einzelfällen habe sie auch wegen unerlaubter Menschenansammlungen intervenieren müssen, sagt Sprecher Florian Grossmann. Verzeigt oder gar festgenommen wurde aber niemand.

Ein Gesuch für den Anlass, bei dem einzelne Verkleidete die Fasnacht symbolisch mit einem Sarg zu Grabe trugen, ging bei den Einsiedler Behörden nicht ein. «Fasnacht passiert einfach», sagt Landschreiber Patrick Schönbächler.

Regelbruch gehört zur DNA der Fasnacht

Fasnacht passiert einfach: Das sagt auch der Schwyzer Historiker und Brauchtumsforscher Werner Röllin. «Die legale Ungesetzlichkeit macht das Wesen der Fasnacht aus, der Regelbruch gehört zu ihrer DNA.» Das Übertreten von Normen erwarte man von dieser jahrhundertealten Tradition. «Die Fasnacht richtet sich gegen die Obrigkeit und steht ausserhalb der gewohnten Ordnung.» Röllin erblickt im närrischen Treiben von Einsiedeln ein bisschen Opposition gegen die herrschenden Coronaregeln, mag das aber nicht dramatisieren.

Die Fasnächtler wollten auch ihre Treue zum Brauchtum demonstrieren in einer Zeit, in der das kulturelle Leben weitgehend lahmgelegt sei. In einem komplett moralfreien Raum finde Fasnacht aber nicht statt. So sei es zum Beispiel bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verpönt gewesen, sich als Pfarrer zu verkleiden.

Die lokalen Organisatoren der «ordentlichen» Fasnacht nahmen gegenüber «Telezüri» nicht Stellung zum närrischen Treiben im Graubereich. Sie appellieren in ihrem Publikationsorgan an die Einhaltung der Coronaregeln, wenn spontan fasnächtliche Stimmung aufkommt.

Offen bleibt, wie coronakonform die kommenden Fasnachtstage über die Bühne gehen. Die Kantonspolizei Schwyz werde im Rahmen der Patrouillentätigkeiten mit Augenmass intervenieren und Einfluss nehmen, wenn sie Verstösse gegen das Coronaregime feststelle oder entsprechende Meldungen erhalte, sagt Grossmann.