Reportage

Auf Kanada-Reise mit der Bundesrätin: Vier Tage im Land der Chancen und Bären

Vier Tage unterwegs mit der Bundesrätin durch ein Partnerland in der Energiewende.

Kanada ist 242-mal so gross wie die Schweiz, hat aber nur viermal so viele Einwohner. Weite Teile des Landes sind menschenleer. In Metropolen wie Montréal wird es im Sommer bis zu 40 Grad heiss und im Winter bis zu minus 40 Grad kalt. Trotz dieser Unterschiede verbindet die beiden Länder nicht nur die gleiche Kultur, sondern ein gemeinsames Mega-Projekt: die Energiewende, also das Ziel, Verbrauch und CO2-Ausstoss zu senken, aus der Atomenergie auszusteigen und auf erneuerbare Energien zu schwenken.

Bundesrätin Doris Leuthard ist diese Woche mit einer hochkarätigen Delegation aus Wirtschaft und Wissenschaft nach Montréal, Ottawa und Toronto gereist. Welche Chancen bieten sich für Schweizer Unternehmen? Und wie können kanadische Firmen in die Schweiz geholt werden? Eine Bundesrätin öffnet Türe, und so jagt ein Ministertreffen das andere. «Auf diese Weise erhalten wir Informationen auf höchster Ebene und können einschätzen, wo sich ein Einstieg lohnt», sagt Peter Pauli, CEO von Meyer Burger, einer auf Cleantech spezialisierten Firma. «Hier bieten sich uns gewaltige Chancen.»

Was für ein Omen! Just am ersten Tag von Leuthards Kanada-Reise enthüllte der neue Premierminister Justin Trudeau seinen Plan einer landesweiten Gebühr auf CO2-Emissionen von umgerechnet
37 Franken pro Tonne. Das schlug ein wie eine Bombe. Überhaupt stellt dieser jugendliche, beliebte Premier das Land auf den Kopf. Bereits wird er in Nordamerika als «neuer Kennedy» gehandelt, weil er gleichzeitig glamourös und volksnah ist. Sein Kabinett besteht zur Hälfte aus Frauen, und er will im Gegensatz zu seinem konservativen Vorgänger Stephen Harper den ökologischen Wandel herbeiführen. «Die Kanadier sind wieder Partner geworden», sagte Leuthard in ihrer Rede vor 200 kanadischen Geschäftsleuten – und erntete grossen Applaus. Unter der Vorgängerregierung hatte sich das Land den internationalen Klimaschutzbemühungen verweigert, jetzt verfolgt es dieselben Ziele wie die Schweiz.

Der Premier winkt Leuthard
auf der Tribüne

Leuthard hatte Trudeau im Januar am WEF in Davos gesprochen. In Ottawa kommt es zwar nicht zu einem eigentlichen Treffen, die beiden winken sich aber im Parlamentsgebäude zu – Leuthard sitzt oben auf der Zuschauertribüne, er unten im Plenum, wo er von den Konservativen gerade verbal in der Luft zerrissen wird. Ihr Vorwurf: Er treibe mit seiner CO2-Steuer die einfachen Leute in den Ruin. Das Schweizer Parlament ist da punkto Umgangston eine Sonntagsschule.

Leuthard wird im Mercedes des Schweizer Botschafters Beat Nobs chauffiert, die Delegation folgt im Bus. Bodyguards hat Leuthard keine, während selbst die Mitglieder der kanadischen Provinzregierungen welche dabei haben. Treffen mit dem Transportminister, mit der Umweltministerin, mit dem Innovationsminister. Was das Geheimrezept der Schweiz sei, will er wissen. Leuthard: «Wir ordnen Innovation nicht an, wir tun es einfach.» Die Bundesrätin liebt solche Treffen. Das spüren auch ihre Gesprächspartner. Sie sind sich grau melierte, distinguierte Gegenüber gewohnt und nicht eine energiegeladene Frau, die die Vorzüge ihres Landes mit viel Herzblut preist: das wettbewerbsfähigste Land der Welt, die mitunter besten Hochschulen, Solar Impulse, der längste Tunnel der Welt. Als Geschenk übergibt Leuthard nach jedem Treffen eine Früchteschale aus Gotthardgranit, eine Sigg-Flasche oder ein Schweizer Sackmesser.

Infogram: Kanada und die Schweiz - ein Vergleich

Ein regionaler Minister schwärmt in seiner Tischrede derart über die Bundesrätin, dass einem angst und bange wird. «Sie sollte Präsidentin der Schweiz sein!» ruft er in die Runde – und strahlt noch mehr, als er erfährt, dass Leuthard 2017 tatsächlich Bundespräsidentin wird. Ein anderer Minister nimmt die Einladung in die Schweiz nur unter der Bedingung an, dass Leuthard mit ihm im Norden Kanadas auf Eisbärensafari kommt. «Deal!», sagt sie.

Die Schweiz will in ihrer Aussenpolitik wieder vermehrt Beziehungen zu Ländern ausserhalb der EU pflegen, die ähnliche Interessen verfolgen. Zum Beispiel mit Kanada. Das Land ist in einer ähnlichen Situation, was seinen übermächtigen Nachbarn betrifft: Was die EU für die Schweiz, sind die USA für Kanada. 77 Prozent der Exporte gehen dorthin. Für Schweizer Unternehmer heisst das auch: «Kanada ist Nordamerika für Anfänger», so Markus Reubi. Er leitet den Swiss Business Hub, die staatliche Organisation, die im Verbund mit Switzerland Global Enterprise Schweizer Firmen beim Geschäftseinstieg hilft. In Kanada können sich Unternehmen fit machen für den US-Markt. Und: «Dank der neuen Regierung herrscht Aufbruchstimmung im Land.»

Strom: In Québec 100 Prozent sauber

Besuch bei «Hydro Québec», einem der weltweit grössten Wasserkraftunternehmen. Die französischsprachige Provinz im Osten des Landes hat den Energiewandel bereits hinter sich: 100% der Elektrizität stammt aus erneuerbaren Quellen. Trotzdem soll der CO2-Ausstoss bis 2030 um 37,5 Prozent gesenkt werden im Vergleich zu 1990. Wenn der Strom bereits sauber ist, geht das nur über den Verkehr. Deshalb sollen bis 2020 rund 100 000 elektrische Fahrzeuge in Betrieb sein. Einheimische Firmen sind auf den Bau von Nischenfahrzeugen spezialisiert: elektrische Schulbusse, Kehrichtwagen, Ambulanzen, Kommunalfahrzeuge. Provinzweit werden gerade 2500 Ladestationen an attraktiven Lagen aufgestellt.

Das eigenartige Ziel «37,5 Prozent» zeigt übrigens den ausgeprägten Föderalismus in Kanada, auch das eine Parallele zur Schweiz. Andere Provinzen haben sich «37 Prozent» zum Ziel gesetzt – Québec will besser sein als alle. Leuthard hört aufmerksam zu, vergibt Lob für die saubere Energie und Tadel für den verschwenderischen Umgang mit Energie; der Verbrauch pro Kopf liegt deutlich höher als in der Schweiz: «Ihr würdet den Strom besser verkaufen – das wäre ein Geschäft!», lautet ihr Gratistipp.

Verkehr: Rückständige Eisenbahn

Stefan Rutishauser ist Leiter neue Märkte bei StadlerRail. Seine Firma kann derzeit zehn Panoramawagen für den legendären «Rocky Mountaineer» liefern, den Touristenzug, der Ost- und Westküste verbindet. Das Potenzial aber ist viel grösser, weil Stadler top ist im Bau von leichten, sparsamen Zügen – und solche wird Kanada brauchen. «Wir bauen Züge, die in der Agglomeration elektrisch und für die lange Distanz mit Diesel fahren – das ist genau das Richtige für Kanada», sagt Rutishauser. Wie wenig weit entwickelt der öffentliche Verkehr ist, zeigt ein Besuch bei Metrolinx, dem Verkehrsunternehmen der Millionen-Stadt Toronto. Erst kürzlich wurde der internationale Flughafen ans Netz angeschlossen. Erst in den kommenden Jahren soll das Netz Schritt für Schritt elektrifiziert und die trägen Diesel- durch flinke Elektrozüge ersetzt werden. Alles Innovationen, die in der Schweiz selbstverständlich sind. Dafür überzeugt ihre öV-Karte «Presto» deutlich mehr als der «Swiss Pass». Vielleicht typisch: In der Technik ist der alte Kontinent top, in der Elektronik der neue.

Medien: Digitale Zeitung

Leuthard ist Energie-, Verkehrs- und Medienminister. In Montréal besucht sie deshalb «La Presse», ein Traditionsblatt, das kein Blatt mehr ist: Die Zeitung, gegründet 1884, erscheint nur noch elektronisch, als Zeitung auf dem Tablet. Herausgeber Guy Crevier erklärt den Grund: «Wir haben frühzeitig erkannt, dass die nächste Generation nicht mehr auf Papier lesen wird.»

In Nordamerika ist die Situation für Zeitungen deutlich dramatischer als in Europa: Sie haben innert zehn Jahren 63 Prozent ihrer Werbeeinnahmen verloren. Statt einen langsamen Tod zu sterben, hat «La Presse» rund 30 Millionen Franken investiert in einen multimedialen Auftritt auf dem Tablet und in interaktive Werbeformen; der Leser kann sich zum Beispiel spielerisch durch die Schnäppchen des Grossverteilers klicken. Die neue «La Presse» ist für die Leser kostenlos und werbefinanziert. Aber weil es keinen Druck und Vertrieb mehr braucht, sind auch zwei Drittel der Kosten weggefallen. Heute steht «La Presse» finanziell besser da als zuvor und hat mehr Leser denn je. Doch warum auf dem Tablet und nicht auf dem Smartphone? «Weil Werbung dort stört. Es gibt schlicht kein Geschäftsmodell für Mobile», so Crevier.

Bereits warten zwei Journalisten von «La Presse» auf ihr Interview mit Leuthard. Sie interessieren sich ein bisschen für das Freihandelsabkommen mit der Schweiz, die Folgen des Brexit und die Flüchtlingswelle in Europa. So richtig fasziniert sie aber eine andere Frage: Warum gibt es in gewissen Teilen der Schweiz ein Burkaverbot? Und wird auch das Kopftuch verboten?

In der Nacht auf Freitag ist Leuthard in die Schweiz zurückgeflogen. Sie hat nun zwei freie Tage zum Erholen. Für die Diplomaten in Kanada und für Mitarbeiter verschiedener Departemente geht die Arbeit intensiv weiter: Sie sollen vorantreiben, was andiskutiert wurde. Dann gibt es eine Notiz für den Gesamtbundesrat. Und die nächsten Treffen am WEF in Davos. Vielleicht wieder mit Premierminister Trudeau, dem neuen Freund der Schweiz.

LESEN SIE ÜBERMORGEN:

DAS MONTAGSINTERVIEW

MIT BUNDESRÄTIN DORIS LEUTHARD

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