Im Reaktorgebäude riecht es nach Dill, ausgerechnet. Dabei sind Lebensmittel hier im atomaren Herzen des Kernkraftwerks Mühleberg strengstens verboten. Das 46 Meter hohe Gebäude gehört zu den bestbewachten Bauten der Schweiz. Wer hier hinein will, muss sich einer peniblen Sicherheitsprüfung unterziehen, diverse Schleusen passieren, sich bis auf die Unterwäsche ausziehen und einen speziellen weissen Anzug überstreifen.

Draussen patrouillieren Hunde auf dem Gelände. Meterhohe Stacheldrahtzäune umziehen das Kernkraftwerk. Und der Fotograf, der die letzte Journalisten-Tour durch Mühleberg mit seiner Kamera festhalten will, wird auf Schritt und Tritt von einer Kraftwerk-Mitarbeiterin verfolgt. Sie will sicherstellen, dass er ja keine heiklen Schilder oder Maschinenteile fotografiert.

Dieser Tage mischt sich ein vielsprachiges Stimmengewirr in das Brummen der Mühleberg-Generatoren. 350 Profis aus aller Welt helfen mit bei der allerletzten Revision des Kernkraftwerks. Anfang September wird der temporär abgeschaltete Reaktor ein letztes Mal hochgefahren. Im Dezember 2019 ist definitiv Schluss. Dann wird Mühleberg als erstes der fünf Schweizer Kernkraftwerke vom Netz genommen. Für immer. Das Revisionsfest, das die 350 Angestellten und die externen Revisions-Profis heute Abend feiern, ist das letzte seiner Art in Mühleberg.

Eine bedrückte Stimmung liegt über dem grauen Koloss in den Wäldern ausserhalb der Hauptstadt Bern. Seit 1972 summt das Kernkraftwerk hier vor sich hin und hat im Schnitt rund fünf Prozent des gesamten Strombedarfs der Schweiz produziert. Im Oktober 2013 aber kam das Todesurteil für den Kernreaktor: Die Betreiberin, das Berner Energieunternehmen BKW Energie AG, entschied, Mühleberg bis Ende 2019 abzuschalten.

Zu gross wären die nötigen Investitionen für den längerfristigen Betrieb gewesen, zu gross die Unsicherheiten wegen der tiefen Strompreise, zu gross der politische Druck. Denn spätestens seit der Bundesrat nach der atomaren Katastrophe in Fukushima 2011 entschieden hat, bis 2034 aus der Atomenergie auszusteigen, ist klar, dass die Kernreaktoren hierzulande keine Zukunft mehr haben.

Was passiert mit Würenlingen?

Doch mit dem Lichterlöschen am 20. Dezember 2019 ist das Kapitel Mühleberg längst nicht abgeschlossen. Anders als ein Oldtimer, der nach 47 Jahren im Betrieb einfach verschrottet und eingestampft werden kann, bleiben die atomaren Überbleibsel des nuklearen Industriewerks aus den 70er- Jahren lange über den Dezember 2019 hinaus hochgefährlich. 16'000 Liter radioaktive Abfälle produziert das Kernkraftwerk jedes Jahr. Dazu kommen in den kommenden Jahren Tausende Tonnen radioaktiver Maschinenbestandteile und insgesamt 240 mit Uran angereicherte Brennstäbe. Der Rückbau des Kraftwerks dürfte rund 550 Millionen Franken kosten. Genau wie die Entsorgung wird auch er alleine vom Betreiberunternehmen finanziert.

Der radioaktive Schrott wird im Zwischenlager im aargauischen Würenlingen (Zwilag) landen – so wie der gesamte radioaktive Abfall, der in der Schweiz produziert wird. Dort werden die Brennstäbe & Co. in riesigen Stahlbehältern gelagert, bis die Schweiz dereinst ein eigenes geologisches Tiefenlager haben wird, das die gefährlichen Hinterlassenschaften des atomaren Zeitalters auf immer verschluckt. Nach dem heutigen Zeitplan sollten die hochradioaktiven Abfälle bis im Jahr 2060 in ein Tiefenlager verschoben werden können.

Die Frage nach ebenjenem «Endlager» gibt im Aargau dieser Tage wieder zu reden. Grund dafür ist eine Interpellation der CVP im Grossen Rat. Die Mittepartei stellt dem Regierungsrat darin fünf Fragen. Unter anderem will sie wissen, was mit den atomaren Abfällen geschieht, falls die Suche nach einem Endlager-Standort scheitern sollte. «Würde die Standortsuche scheitern, würden die Abfälle weiterhin in Zwischenlagern gelagert», antwortet der Regierungsrat. Das Zwischenlager Würenlingen habe genügend Kapazität, um die in Zukunft anfallenden Abfälle aus allen Schweizer Kernkraftwerken einzulagern.

Entschädigung für Image-Schaden

CVP-Grossrat Andreas Meier, der die Interpellation eingereicht hatte, findet, man hätte die Frage nach der Zukunft des Zwischenlagers schon viel früher stellen müssen, besonders im «speziell betroffenen» Kanton Aargau. «Die Beantwortung der Fragen regt die Regierung an, die Planung baldmöglichst weiterzuführen», sagt Meier. Insbesondere die Forderung nach einer Entschädigung für die Region Würenlingen, die das Risiko der Langzeitlagerung auf sich nähme, findet Meier dringend. «Der Kanton Aargau hat unerwünschte Auswirkungen beim Rückbau von Kernenergieanlagen zu erwarten.» Nebst negativen Auswirkungen auf den Verkehr bedeutete die Langzeitlagerung vor allem auch einen potenziellen Image-Schaden, befürchtet Meier, nebenamtliches Mitglied im Verwaltungsrat von Aargau Tourismus.

Zuständig für die Suche nach einem geeigneten Standort ist die «Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle» (Nagra). Zwischen 1982 und 1999 hat die Genossenschaft bereits an acht Standorten in der Nordschweiz gebohrt (siehe Karte). Vergangene Woche hat die Nagra vom Bund grünes Licht für drei weitere Sondierbohrungen erhalten. Sie untersucht den Boden unter Bülach, Trüllikon und Marthalen. Bis 2022 gibt die Nagra bekannt, für welche Standorte sie sogenannte Rahmenbewilligungsgesuche für den Bau eines Tiefenlagers ausarbeiten will.

Die Idee eines Tiefenlagers im Zürcher Weinland erregt in Marthalen die Gemüter. «Der Gemeinderat lehnt ein mögliches Tiefenlager im Weinland und insbesondere in der Gemeinde Marthalen unter anderem aus volkswirtschaftlichen Überlegungen, Sicherheitsaspekten und aufgrund des Gefahrenpotenzials für das grosse Grundwasservorkommen ab», sagt Gemeindepräsident Matthias Stutz. Die Testbohrungen der Nagra aber begrüsse man grundsätzlich. Nicht zuletzt, weil genaue Untersuchungen zeigen könnten, dass andere Standortregionen besser für ein Tiefenlager geeignet seien als das Zürcher Weinland.

Grillplatz statt Kernreaktor

Zum Beispiel Bülach im Zürcher Unterland. Auch da schaut man den Nagra-Bohrungen aber mit gemischten Gefühlen entgegen. Stadtpräsident Mark Eberli sagt: «Sollte sich zeigen, dass unsere Region die sicherste für die Realisierung eines Tiefenlagers ist, ist zwingend eine Abgeltung für die Folgen zu bezahlen.» Leider sei eine entsprechende Abgeltung heute noch nicht gesetzlich verankert, obwohl das dringend nötig sei. «Ansonsten kann kaum mit dem Einverständnis der Bevölkerung und der Behörden zu einem Tiefenlager gerechnet werden.»

Noch bleibt ein bisschen Zeit für die Klärung dieser Fragen. Erst einmal feiern die Mitarbeiter in Mühleberg heute Abend ausgiebig die Revision, trotz der «Endzeitstimmung», die in den Worten eines Angestellten zuweilen auf dem Mühleberg-Gelände zu spüren sei. 2034 soll der Rückbau des Berner Atomkraftwerkes abgeschlossen sein. Bis dahin behalten alle 350 Mitarbeiter ihre Stelle, auch wenn das Job-Profil in der Rückbauphase bei einigen angepasst werden muss. Danach kann das Areal umgenutzt werden. Zum Beispiel als Grillplatz, meint ein Mitarbeiter. In den nächsten 15 Monaten aber brennen hier noch einmal wesentlich ungeniessbarere Dinge als Cervelats und Veggieburger.