Digitalisierung

Auf die Schweiz rollt Umschulungswelle zu – doch das Bildungssystem taugt nicht

Die Digitalisierung könnte die Schweiz zwingen, Tausende in kurzer Zeit umschulen zu müssen – das Bildungssystem taugt dafür jedoch nicht.

Die Digitalisierung könnte die Schweiz zwingen, Tausende in kurzer Zeit umschulen zu müssen – das Bildungssystem taugt dafür jedoch nicht.

Die Schweiz steht vor einem Umbruch. Tausende Arbeitnehmer müssten einen neuen Beruf lernen. Das Land ist dafür nicht gerüstet, sagt der oberste Bildungsexperte und fordert einen Notfallplan. Jetzt reagiert die Wirtschaft und will eine Lehre für 40 oder 50 Jahre alte Arbeitnehmer einführen.

Die Digitalisierung könnte die Schweiz zwingen, Tausende in kurzer Zeit umschulen zu müssen – das Bildungssystem taugt dafür jedoch nicht. Das ist die Botschaft von Stefan Wolter, dem Bildungspapst der Schweiz. Wolter fordert deshalb einen Notfallplan. Noch habe die Schweiz etwas Zeit. Aber es gebe bereits genug Signale, die zeigten: die Schocks durch die Digitalisierung kommen.

Der Industrieverband Swissmem wurde von Wolters Warnungen aufgerüttelt. An der exklusiven Rive-Reine- Tagung hielt Wolter eine Rede vor der versammelten Elite aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Hans Hess, Swissmem-Präsident und einer von rund 60 geladene Gästen, gab kurze Zeit danach die Order an seinen Verband: erarbeitet Reformvorschläge. An einer Pressekonferenz mahnte Hess, man müsse den Menschen die Angst vor der Digitalisierung nehmen. «Sonst kommt es nicht gut.»

Nichts zu tun – das könne sich die Schweiz schlicht nicht leisten, sagt Stefan Wolter, Professor an der Universität Bern und oberster Schweizer Bildungsexperte.   Sandra Ardizzone

Nichts zu tun – das könne sich die Schweiz schlicht nicht leisten, sagt Stefan Wolter, Professor an der Universität Bern und oberster Schweizer Bildungsexperte. Sandra Ardizzone

Hohe Kosten, viele Tränen

Die Digitalisierung ist ein überstrapaziertes Schlagwort. Berater jagen damit Kunden gehörig Angst ein. Ghostwriter füllen die Reden von Bundesräten auf. Wolter gilt als nüchterner Beobachter. Er leitet die schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung, die Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Universität Bern und verantwortet den nationalen Bildungsbericht.

Es sei nicht so, dass nun etwas komme, was es noch nie gegeben habe, sagt Wolter zur «Schweiz am Wochenende». Technologische Schocks habe es immer wieder gegeben. Am Ende seien immer mehr Jobs entstanden als zerstört wurden. Doch habe die Geschichte gezeigt: «Der Wandel verlangte der Gesellschaft immer grosse Kosten ab, und manchmal viele Tränen.»

Die Digitalisierung könnte ganze Berufszweige vernichten, sagt Wolter. Für bestimmte Tätigkeiten bräuchte es schlicht keine Menschen mehr. Einen solchen Schock hätten etwa Schweizer Stahlarbeiter erlitten, als ihre Industrie ab Mitte der Siebzigerjahre schleichend niederging.

Heute könnte es Kassierer erwischen: Amazon testet bereits Läden ohne Kassen.
Gerade im Detailhandel könne der Wandel sehr schnell gehen. Sei die Technik erst ausgereift, zwinge der Wettbewerb zum Handeln, sagt Wolter. Wenn Coop ankündigen würde, die Kassen von heute auf morgen zu entfernen, müsste Konkurrent Migros nachziehen. «Migros würde nicht sagen können, wir machen es gestaffelt, über zehn Jahre.» Innert kurzer Zeit kämen Tausende Menschen auf den Arbeitsmarkt.

Schon heute ist der klassische Filialleiter nicht mehr gefragt. «Gemüse nachbestellen, das Sortiment anpassen: das macht der Algorithmus», sagt Wolter. In Grossbritannien wolle eine Detailhandelskette neue Mitarbeiter, die Programmieren können. «Das Unternehmen fragt Studenten, die dort jobben, ob sie Informatiker werden wollen; der schlecht gebildete Kassierer bekommt dieses Angebot nicht.»

Es kann auch sein, dass ein Berufszweig bleibt, aber die bestehenden Arbeitnehmer können die nötigen Tätigkeiten nicht mehr ausführen. Etwas Ähnliches geschehe gerade in der Industrie, sagt Wolter. Die Schlagwörter lauten «computer aided manufacturing». Dort braucht es noch Menschen, sie müssen aber nicht mehr selber an einem Stück Metall feilen. Sondern den Computer programmieren, damit dieser die Arbeit ausführt.

Die Unternehmen geraten unter Zugzwang. Die bestehenden Mitarbeiter haben sie ausgewählt, weil diese besonders gut feilen konnten. Nun brauchten sie gute Programmierer. «Das sind nicht die gleichen Fähigkeiten», sagt Wolter. «Also müssen Unternehmen – um im Wettbewerb mitzuhalten – bestehende Mitarbeiter entlassen und neue holen.»

Die Schweizer Schulen könnten solche Schocks nur bedingt bewältigen, so Wolter. Verschwindet ein Berufszweig, müssen die Menschen etwas völlig Neues lernen. «In der Weiterbildung wird meist auf bestehenden Fähigkeiten aufgebaut, hier werden komplette Umschulungen notwendig», so Wolter. Müsse in der Industrie plötzlich programmiert statt gefeilt werden, reiche ein Kurs dafür nicht.

Das Geld fehlt an allen Ecken

Und dann ist da das liebe Geld, das an allen Ecken und Enden fehlen würde. Müssten sich 100 000 Menschen umschulen, und dies vielleicht ein halbes oder ein ganzes Jahr lang – die Ausgaben für den Lebensunterhalt wären riesig. «Die Kosten für die Kurse wären dagegen Kleinkram», sagt Wolter.

Die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren würden nur bedingt helfen können, sagt Wolter. «Sie sind nicht primär dazu gedacht, hunderttausend Menschen umzuschulen – sondern dazu, bereits bestehende Jobs zu vermitteln.» Für Umschulungen kämen sie zudem häufig zu spät ins Spiel. «Erst wenn Menschen schon arbeitslos sind, können sie eingreifen.»

Nichts zu tun – das könne sich die Schweiz nicht erlauben, so Wolter. «Wir können den Betroffenen nicht sagen: Ihr habt eure Arbeit verloren, aber macht euch keine Sorgen – die Gesellschaft als Ganzes profitiert.» Das ist laut Wolter ethisch nicht zu verantworten, und könne politisch zum Bumerang werden. «In Gesellschaften, die Menschen ausschliessen, bekommen Populisten bald Auftrieb.»

Wirtschaft will Umschulungen

Die Suche nach einer Antwort auf die Digitalisierung läuft. Der Industrieverband Swissmem will nächsten Frühling erste Reformen vorschlagen. Präsident Hess sagt, wo er den Schwachpunkt im Bildungssystem verortet: «Umschulungen mit 40 oder 50 Jahren sind nur sehr beschränkt möglich. Weil der Lebensunterhalt nicht gedeckt ist, wenn jemand drei Jahre lang zur Schule gehen muss.»

Es müsse jedoch möglich sein, sich einfach und rasch umschulen zu lassen, so Hess. Einen Weg sieht der Multi-Verwaltungsrat darin, die duale Bildung auch auf Umschulungen von Erwachsenen zu übertragen. «Ein umzuschulender Lokomotivführer wäre Montag, Dienstag im alten Job, ginge Mittwoch zur Schule und würde Donnerstag und Freitag im neuen Job als Datenanalyst arbeiten.» Im alten Job würde der Lokomotivführer vielleicht voll bezahlt; im neuen bekäme er ein Gehalt, wenn auch ein geringeres als vollausgebildete Datenanalysten.

«Das würde uns weiterbringen, aber der Einkommensverlust wären für viele noch zu gross», sagt Hess. Daher müsse wohl der Staat sich beteiligen. «Heute wird die Grundausbildung vom Staat bezahlt, Weiterbildung vom Arbeitnehmer und vom Unternehmen. Dieses Paradigma müssen wir kritisch hinterfragen. Es braucht für alle Beteiligten einen gewissen Anreiz, damit sie die Mühen einer Umschulung proaktiv angehen.»

Wolter selbst sagt, es gebe leider keine Wunderwaffe; nur Hinweise, dass Bildungsgutscheine helfen könnten. «Von Versuchen mit solchen Gutscheinen wissen wir: gerade Menschen, die wenig Bildung haben, reagieren erstaunlich stark darauf, wenn ihnen ein Kurs bezahlt wird.» So würden sie auch im nächsten Jahr einen Kurs belegen, auf eigene Kosten, wenn sie im Vorjahr einen Kurs bezahlt bekämen. «Gutscheine könnten ein Weg sein, diese Menschen in den Prozess von ständiger Weiterbildung reinzuholen», sagt Wolter.

Heute habe die Schweiz etwas Zeit, es gebe noch keinen massenhaften Stellenabbau, es müssten nicht innert Monaten Tausende umgeschult werden. «Wir können uns vorbereiten, einen Notfallplan aufstellen.» Doch es gebe heute bereits genug Signale, die zeigten: Diese Schocks kommen.

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