Windenergie
Auf dem Jura-Bogen nimmt der Gegenwind zu

Allein der Kanton Waadt prüft aktuell über 40 Windpark-Projekte. Ein Nein zur Anlage in Sainte-Croix, über die am Wochenende abgestimmt wird, könnte sich auf den ganzen Jura-Bogen auswirken.

Michael Nittnaus
Merken
Drucken
Teilen
So würden drei der sechs Windräder in Sainte-Croix zu stehen kommen.

So würden drei der sechs Windräder in Sainte-Croix zu stehen kommen.

Zur Verfügung gestellt

Die Abstimmung von übermorgen Sonntag im kleinen Dorf Sainte- Croix darf nicht unterschätzt werden. Schliesslich würde bei einem Nein aller Voraussicht nach die erste Windkraftanlage des Kantons Waadt zu Fall gebracht. Das gibt selbst Maryam Ben Ahmed von Romande Energie zu denken: «Das wäre ein schlechtes Zeichen.» Und Olivier Lador, treibende Kraft des dörflichen Widerstandes, ist überzeugt: «Das würde Gegnern überall viel Kraft geben.»

Dies nicht zuletzt, weil der Kanton momentan mehr als 40 Windpark-Projekte auf deren Tauglichkeit evaluiert, um endlich einen Richtplan zu erstellen. Ein Versäumnis, das unter anderem Pro Natura zu einer Einsprache gegen den Windpark Sainte-Croix veranlasste. «Nur fünf Kilometer entfernt ist ein weiteres Projekt geplant. Ohne Richtplan, der alles koordiniert, ist Chaos programmiert», sagt Michel Bongard von der Waadtländer Pro-Natura-Sektion.

Dies vor allem, wenn der Kanton seine hochgesteckten Ziele erreichen wolle. Bis 2050 sollen jährlich 1000 Gigawattstunden Strom durch Windenergie gewonnen werden – ganze 25 Prozent des kantonalen Bedarfs. Der Gedanke dahinter ist simpel: Momentan bezieht Waadt ungefähr diese Menge an Atomstrom. François Schaller vom kantonalen Umwelt- und Energiedepartement: «Nimmt man das Ziel des Bundesrates von 4000 Gigawattstunden, so kann man schon sagen, dass wir uns als einer der Hauptförderer von Windenergie positionieren wollen.» Im Hinblick auf den Urnengang von übermorgen Sonntag gibt sich Schaller zuversichtlich, dass der Entscheid von Sainte-Croix andere Projekte nicht behindern wird. Der Widerstand dort sei «sehr speziell» und nicht zu vergleichen.

Vorderster Jura-Kamm umstritten

Anders sieht das Bongard. Und er denkt dabei nicht nur an die Waadt, sondern an den gesamten Jura-Bogen. «Die Menschen organisieren sich immer stärker», sagt er unter anderem mit Blick auf die Vereinigung Pro Crêtes. Diese koordiniert den Widerstand gegen sämtliche Windkraftanlagen entlang dem Jura-Bogen. Ebenfalls das ganze Gebiet quer durch die Kantone Waadt, Neuenburg, Jura, Bern und Solothurn hat die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SLS) im Auge. Sie seien noch kritischer als Pro Natura, sagt Matthias Rapp von der SLS: «Wir beobachten die Situation auf dem Jura-Bogen mit Sorge.»

Er wisse zwar, dass der West-Teil des Juras fast der einzige Ort in der Schweiz sei, an dem Windenergie effizient genug zu produzieren sei, aber: «Verglichen mit dem Ausland sind sämtliche Schweizer Standorte untauglich.» Rapp betont, dass die SLS nicht generell gegen Windkraft sei. So erwähnt er den Berner Windpark Mont-Crosin. Dieser bisher mit Abstand grösste Park, der mit 16 Windrädern jährlich 41 Gigawattstunden Strom produziert, zerstöre das Landschaftsbild nicht. «Projekte, die aber den vordersten Jura-Kamm betreffen, bekämpfen wir generell.» Besser sei es, wenn der Bund und die Kantone stattdessen Photovoltaik prioritär behandeln würden.

Das wäre ganz und gar nicht im Sinne von Suisse Eole. Die Vereinigung zur Förderung der Windenergie kann sich über Arbeit momentan nicht beklagen. Neben den acht bestehenden Windkraftanlagen nennt sie der az schweizweit 33 weitere Projekte, die bereits in einem fortgeschrittenen Entwicklungsstadium sind. Diese sollen mit über 250 Windturbinen schätzungsweise gut 1100 Gigawattstunden Strom pro Jahr produzieren.

Suisse Eole geht davon aus, dass diese Anlagen bis 2020 in Betrieb gehen könnten – vorausgesetzt, sie scheitern nicht am Widerstand der Bevölkerung, wie es in Sainte-Croix nun möglich ist. Suisse-Eole-Sprecher Bernard Gutknecht stösst das sauer auf: «Es kann nicht sein, dass vor Ort immer Nein zu Windkraftprojekten gesagt wird und der Strom letztlich vom Himmel fallen soll.» Gleichwohl empfiehlt auch er, keine Anlagen gegen den Willen der ansässigen Menschen zu realisieren. Lehnt Sainte-Croix das Projekt ab, so sollte man es zumindest einfrieren.

Kantone brauchen Richtpläne

Gutknecht glaubt derweil nicht, dass dies andere Vorhaben behindern würde: «Das muss man immer lokal betrachten.» Gegen zwei grössere geplante Waadtländer Windparks auf dem Col du Mollendruz und im Vallée de Joux etwa gebe es keine lokale Opposition. Bongard von Pro Natura hat dafür eine einfache Erklärung: «Dort liegen die Anlagen nicht direkt neben Dörfern – dann ist der Widerstand sofort deutlich geringer.»

Deshalb brauchte es eine koordinierte kantonale Planung, die auch andere Faktoren einbezieht. Missachtet werde beim Vallée de Joux etwa, dass dieses Tal im Bundesinventar der Landschaften von nationaler Bedeutung aufgeführt ist. Gerade die Kantone entlang dem Jura-Bogen seien in Sachen Richtpläne gut unterwegs, hält Gutknecht dagegen: «Solothurn ist der Vorreiter, Neuenburg braucht nur noch die Absegnung durch den Bund und Jura wie eben auch Waadt erstellen ihre Richtpläne gerade.»