Auch unverheiratete Paare dürfen neu Stiefkinder adoptieren – sofern sie mindestens drei Jahre mit dem Vater oder der Mutter des Kindes zusammengelebt haben. Am Montag hat der Nationalrat entschieden, dass der Trauschein bei der Stiefkindadoption nicht mehr massgeblich sein darf: Auch homosexuelle und Konkubinatspaare dürfen die Söhne und Töchter ihrer Partner adoptieren, wenn sie mindestens 28 Jahre alt sind. Die Adoption eines fremden Kindes bleibt indes Ehepaaren und Einzelpersonen vorbehalten.

Frauen bilden die Speerspitze

Freilich fehlte auch Kritik an der Revision nicht. Der Schwyzer SVP-Nationalrat Pirmin Schwander (55) zweifelte daran, dass das neue Gesetz wirklich dem Kindeswohl diene. Und Parteikollege Yves Nidegger (59) aus Genf erklärte, die Revision sei allein ideologisch begründet, weil eigentlich überflüssig. Wenn der leibliche Elternteil eines Paares stirbt, könne der andere Partner immer noch die Adoption der Stiefkinder beantragen, so Nidegger.

Apropos ideologisch. So augenfällig wie am Montag sind die Differenzen im Parlament selten: Die Nationalrätinnen Rebecca Ruiz (34), Sibel Arslan (35), Lisa Mazzone (28), Kathrin Bertschy (36) und Evi Allemann (37) erklärten dem mehrheitlich männlichen und älteren Plenum des Nationalrats: Das aktuelle Adoptionsrecht entspreche nicht mehr den gesellschaftlichen Realitäten. Es müsse angepasst werden. Denn längst lebten Kinder nicht mehr nur bei verheirateten Eltern, sondern auch bei Alleinerziehenden, Patchwork- und Regenbogenfamilien. Kinder unterschiedlicher Eltern leben zusammen unter einem Dach. Um sie rechtlich alle gleich zu schützen, soll die Stiefkindadoption ermöglicht werden.

Einverstanden mit dieser Einschätzung waren längst nicht alle. Und allein haben die jungen Frauen die Vorlage auch nicht durchgebracht. Sukkurs erhielten sie nicht nur aus dem eigenen links-grünen Lager, sondern auch von FDP-, BDP- und CVP-Männern. Ja, sogar acht SVP-Parlamentarier stimmten der Revision zu. Darunter die Zürcher Vertreter Roger Köppel, Hans-Ueli Vogt und Claudio Zanetti. So blieb die Opposition am Ende chancenlos. Dasselbe gilt für einen Antrag der SVP, die Stiefkindadoption für gleichgeschlechtliche Paare weiterhin zu verbieten.

Nicht gegen Homosexuelle

Hingegen endete eine andere Abstimmung am Montag äusserst knapp: So beantragte der Aargauer BDP-Nationalrat Bernhard Guhl, dass die Stiefkindadoption zwar homosexuellen Paaren zu erlauben sei. Paaren, die in einem Konkubinat, in einer «faktischen Lebensgemeinschaft» leben, soll dies aber verboten bleiben. Guhl warf die Frage in die Runde: «Ist es zu viel verlangt, dass sich Paare, die ein Stiefkind adoptieren wollen, auch rechtlich aneinanderbinden?»

Die zuständige Bundesrätin Simonetta Sommaruga antwortete darauf, man dürfe zwar bedauern, dass nicht alle Eltern verheiratet sind. Sie mahnte die Parlamentarier aber, nicht ihre Wertvorstellungen einzubringen: «Wenn die Eltern entscheiden, ohne Trauschein zusammenzuleben, dann bestrafen sie nicht das Kind dafür!» Denn wenn Recht und Realität auseinanderklafften, dann litten in der Regel die Schwächsten darunter: die Kinder. Und so folgte ihr das Parlament mit 95:92 Stimmen bei zwei Enthaltungen.

Liberalisierung nicht beendet

Die Stiefkindadoption ist für die Grünliberale Kathrin Bertschy und die Sozialdemokratin Evi Allemann nur ein Schrittchen hin zu einer liberalen Gesellschaft. Sie erwähnten, dass auch für die Adoption eines fremden Kindes kein Trauschein nötig sei. Die Diskussion ist längst nicht abgeschlossen. Über den Antrag «Ehe für alle» kommt es bald zurück in den Rat.