Interview
«Auch Kühlschränke werden vermint»: Jeden Tag sterben 20 Menschen wegen der Sprengfallen

Minen Vor 20 Jahren wurden Personenminen verboten. Dennoch leidet knapp ein Drittel aller Länder unter den Folgen der Sprengfallen. Stefano Toscano vom Minenzentrum in Genf setzt sich dafür ein, dass sich das ändert.

Stefan Boss
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Eine im Boden erkennbare Mine. (Symbolbild)

Eine im Boden erkennbare Mine. (Symbolbild)

Thinkstock

Vor 20 Jahren wurde die Ottawa-Konvention zum Verbot von Personenminen unterzeichnet. Trotzdem sterben heute immer noch rund 20 Personen pro Tag durch solche Minen. Weshalb?

Stefano Toscano: Zunächst möchte ich festhalten, dass die Konvention zum Verbot von Personenminen viel erreicht hat. Vor 20 Jahren starben noch zwei bis dreimal mehr Menschen durch Minen. Die Ottawa-Konvention hat also zu einer markanten Reduktion der Opfer und dazu geführt, dass Land von Minen geräumt wurde und wieder genutzt werden kann. Auf der andern Seite bereiten uns neue Konflikte wie in Syrien Sorgen. Dort explodieren vor allem selbst gebaute Sprengsätze, die von Rebellengruppen verwendet werden.

Zur Person Stefano Toscano ist Botschafter und seit 2014 Direktor des Genfer internationalen Zentrums für humanitäre Minenräumung. Dieses zählt 65 Mitarbeitende, welche Länder bei der Entminung unterstützen.

Zur Person Stefano Toscano ist Botschafter und seit 2014 Direktor des Genfer internationalen Zentrums für humanitäre Minenräumung. Dieses zählt 65 Mitarbeitende, welche Länder bei der Entminung unterstützen.

Patrice Moullet

Braucht es das Genfer Zentrum für humanitäre Minenräumung weiterhin?

Ja. Knapp ein Drittel aller Länder leidet immer noch unter Minen, Streumunition und nicht explodierten Munitionsrückständen. Es gibt die sogenannten Altlasten, die aus früheren Kriegen stammen. Wir sind guter Hoffnung, die bis 2025 zu beseitigen. An der letzten Überprüfungskonferenz der Ottawa-Konvention in Maputo wurde eine entsprechende politische Erklärung verabschiedet. In andauernden Konflikten wie in Syrien, Irak und Ukraine werden aber Berichten zufolge leider weiterhin Minen verlegt. Es wird nicht einfach, diese Gebiete ebenfalls in dieser Frist zu entminen.

Was machen Sie konkret in Ihrem Zentrum?

Wir tragen zur Weiterentwicklung und Professionalisierung der humanitären Minenräumung bei und helfen Staaten und Organisationen beim richtigen Umgang mit Minen und bei der Minenräumung. Das Genfer Zentrum wurde vor 20 Jahren auf Initiative der Schweiz geschaffen. Wir unterstützen betroffene Länder, wirksame Minenräumprogramme zu lancieren. Daneben unterstützen wir die Vertragsparteien der Ottawa-Konvention und arbeiten mit der UNO zusammen, die ebenfalls in der Minenräumung tätig ist. In gewissen Ländern sind nach einem Konflikt oft noch keine wirksamen staatlichen Strukturen vorhanden, sodass sich zunächst die UNO um die Minenräumung kümmert.

Gab es für Sie ein spezielles Schlüsselerlebnis, weshalb Sie sich gegen Personenminen engagieren?

Das Thema der menschlichen Sicherheit zieht sich wie ein roter Faden durch meine diplomatische Laufbahn und hat mich immer bewegt. Als ich meine Tätigkeit hier in Genf aufnahm, machte ich verschiedene Feldbesuche in Südostasien. Dort habe ich gesehen, welche dramatischen Auswirkungen Minen und Streumunition haben können. Kriegsmunitionsrückstände betreffen nicht nur einzelne Person, sondern haben Auswirkungen auf eine ganze Familie. Zudem wird eine Gesellschaft jahrelang gelähmt, wenn vermintes Land nicht zur Verfügung steht. Dies führt bei der Bevölkerung zu einer grossen Furcht, sich zu bewegen. Auch wenn ein Krieg abgeschlossen ist, bleiben die Altlasten für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte.

Haben sich die Minen, die in Konflikten eingesetzt werden, in den letzten 20 Jahren verändert?

Die industrielle Minenproduktion ist fast verschwunden. Das ist ein grosser Erfolg der Ottawa-Konvention. Auf der andern Seite sind bewaffnete Gruppen dazu übergegangen, Sprengsätze selbst herzustellen. Es sind neue technische Kenntnisse nötig, um sie zu entschärfen. Früher wurden Minen vor allem auf dem Land verlegt. Aktuelle Konflikte wie zum Beispiel in Syrien spielen sich dagegen oft in den Städten ab – es werden auch Wohnhäuser und Gebäude vermint. Sprengfallen werden an ungewohnten Orten angebracht wie zum Beispiel in Kühlschränken. Wenn man diese öffnet, explodieren sie.

Die Minenräumung ist ein Schwerpunkt der Schweizer Aussenpolitik. Was hat sie konkret erreicht?

Die Schweiz hat sich als einer der ersten Staaten für die Ottawa-Konvention eingesetzt. 2016 stellte die Schweiz rund 16 Millionen Franken für die humanitäre Minenräumung zur Verfügung und gehört damit zu den wichtigsten Geberländern. Davon flossen gut 9 Millionen in unser Zentrum, sie ist unser Hauptgeldgeber. Wir sind sehr dankbar dafür, denn ohne diesen Beitrag könnten wir unsere Arbeit kaum machen.

Wichtige Staaten wie die USA und Russland haben die Ottawa-Konvention nicht unterzeichnet: Gibt es Verhandlungen, um diese zu einem Beitritt zu bewegen?

Verhandlungen ist vielleicht das falsche Wort, es gibt aber entsprechende Bestrebungen. Man kann festhalten, dass die Ottawa-Konvention eine neue internationale Norm etabliert hat: Personenminen sind heute international geächtet. Es ist für alle Staaten politisch heikel, sie zu verwenden. Auch die Minenproduktion ist seit der Unterzeichnung stark zurückgegangen. Die USA zum Beispiel gestalten ihre Personenminenpolitik ausserhalb der koreanischen Halbinsel in Einklang mit den zentralen Verpflichtungen der Ottawa-Konvention.

Im Konflikt um die Ostukraine haben beide Kriegsparteien Minen verwendet – kann das Genfer Zentrum etwas dagegen tun?

Es gibt Berichte, wonach in der Ostukraine Minen eingesetzt wurden. Es ist aber nicht unsere Aufgabe, politisch zu intervenieren. Dies machen die Staaten und gewisse NGO wie Human Rights Watch. Unsere Rolle ist eine technische und beratende, in der Ukraine arbeiten wir eng mit der Regierung zusammen, die momentan eine Gesetzgebung für die Minenräumung ausarbeitet. Zudem sind wir der Mission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bei der Ausbildung und der Ausarbeitung eines Systems der Informationsverwaltung behilflich.

Auch die Schweizer Armee hatte ja früher Personenminen.

Ja, wie sehr viele andere Streitkräfte auch. Aber die Schweiz war einer der ersten Staaten, die ihre gesamten Lagerbestände vernichtet haben.

Konvention von Ottawa: USA nicht dabei

Die Ottawa-Konvention verbietet den Einsatz, die Produktion und die Weitergabe von Personenminen. Am 18. September sind es genau 20 Jahre her, dass der Vertrag in Oslo von zahlreichen Staaten angenommen wurde; inzwischen haben 162 Staaten die Konvention ratifiziert. Nicht mit dabei sind etwa die USA, Russland, China, Indien und Pakistan. Die internationale Kampagne gegen Personenminen und ihre Koordinato-rin, die US-Bürgerin Jody Williams, erhielten 1997 den Friedensnobelpreis. (sb)