Ungeliebte Deutsche
Auch Frau Ricklis Chef ist kein Schweizer

Die SVP-Politikerin Natalie Rickli hat in einer Talksendung beanstandet, dass es viel zu viele Deutsche in der Schweiz gäbe, und forderte gar eine Ventilklausel. Rührt ihre Aussage etwa daher, dass auch der CEO ihres Unternehmens ein Deutscher ist?

Claudia Landolt
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Natalie Rickli (Archiv)

Natalie Rickli (Archiv)

Keystone

Die SVP-Ironlady schürt den Volkszorn auf die ungeliebten Deutschen. In der Talk-Sendung von Tele Züri schwafelte die rechtspopulistische Kampfblondine von «einer Ventilklausel für die Deutschen». «Sind wir ehrlich: Die Leute regen sich halt auf, weil zu viele Deutsche im Land sind», sagte die Nationalrätin im «Sonntalk» von Tele Züri. Eine Aussage, die in diversen deutschen Blättern für Empörung sorgt.

Dabei wird gerne vergessen, dass Rickli mit ihrem Votum nur das Parteiprogramm nachbetet. Denn die SVP will mit ihrer Volksinitiative für Masseneinwanderung allen schwarzen, gesichtslosen Gestalten, die die Schweiz buchstäblich mit Füssen treten, den Kampf ansagen. An vorderster Front dabei: Die Deutschen. Bei vielen Schweizern kommt das Plakat und auch Frau Ricklis Aussage an.

Schliesslich meinen sie in jeder Lebenslage von Fremden im Allgemeinen und von Deutschen im Besonderen umzingelt zu sein: Diese kontrollieren Fahrkarten und servieren Kaffee, stehen bei Aldi oder Lidl an der Kasse, sitzen in Spitzenfirmen und unterrichten an den Universitäten des Landes.

In der Tat sind bereits 270 000 Deutsche in der Schweiz ansässig, bald werden sie die Italiener als grösste Ausländergruppe übertroffen haben. 1912 allerdings lebten 220000 Deutsche in der Schweiz, und die Gesamtbevölkerung war nur halb so gross.

Schockgefrorenes Verhältnis

Deutschland ist das Land, von dem sich mancher Schweizer ständig bevormundet fühlt - und manchmal eben auch überrollt. Von einem Minderwertigkeitskomplex ist oft die Rede, aber auch von überhöhter Empfindlichkeit.

Literaturprofessor Peter von Matt nennt es so: «Als minderwertig erfährt sich die Schweiz, erfahren sich die Schweizer nicht. Sie sind gegenüber den Deutschen einfach sehr empfindlich, oft wirklich in einer fast kindischen Art. Sie haben das Klischee vom arroganten Deutschen im Kopf und aktualisieren es schon, wenn einer nur etwas laut «guten Morgen» sagt.»

Dabei war das Verhältnis zwischen Deutschen und Deutschschweizern immer konfliktreich. Als blutrünstige Söldner machten sich die Eidgenossen im 15. Jahrhundert bei den Alemannen in Süddeutschland unbeliebt, als «Kuhschweizer» und «Sauschwaben» beschimpften sie sich gegenseitig, als sich der Schwäbische Bund gegen die Eidgenossen wehrte und die Konstanzer daran scheiterten, ihr vorstädtisches Territorium im Thurgau zu vergrössern.

Bis heute nennen die Schweizer die Deutschen gern auch mal unfreundlich «Sauschwabe». Das Abgrenzungsbedürfnis der Deutschschweizer gegenüber den Deutschen ist besonders ausgeprägt.

Die Deutschen wiederum hatten einst ein geradezu idyllisches Bild vom Alpenland. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte die auch wirtschaftlich verschonte Schweiz wie ein Paradies.

Zumal in den Jahren nach dem Krieg mehr als 44 000 unterernährte und kranke deutsche Kinder von Schweizer Familien aufgenommen und aufgepäppelt wurden. Die ewige Dankbarkeit dieser «Schweizer Kinder» färbte auf die übrige Bevölkerung ab.

Goldbach Medien: Der CEO ist ein Deutscher

Ein komplizierte Beziehung also, die für ausreichend Diskussionsstoff sorgt - vom Fluglärm- und Steuerstreit ganz zu schweigen. Es gäbe noch einen weiteren: Ricklis Vorgesetzter, der CEO der Goldbach Medien ist ein waschechter Deutscher. Seit 2011 arbeitet er in der Schweiz.