«Insieme»
«Auch die Privatwirtschaft kennt ihre IT-Flops»

Nicht nur der Bund setzt für Informatikprojekte Millionen in den Sand. Dumm nur, dass es Steuergelder sind. Im VBS und im EFD wurden zusammen 800 Millionen Franken ausgegeben.

Daniel Fuchs
Merken
Drucken
Teilen
Die Steuerverwaltung zieht beim Informatikprojekt INSIEME die Reissleine (Symbolbild)

Die Steuerverwaltung zieht beim Informatikprojekt INSIEME die Reissleine (Symbolbild)

Keystone

Das grösste Millionengrab in der Informatikbeschaffung der Eidgenossenschaft findet sich nicht im Finanzdepartement (EFD), sondern im Verteidigungsdepartement (VBS). Denn das «FIS Heer» – ein Führungsinformationssystem der Armee – funktioniert bis heute nicht. Ganze 700Millionen Franken hat das VBS in den vergangenen Jahren dafür ausgegeben.

Mit dem gestern gestoppten Programm «Insieme» hat Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf das zweitgrösste Millionengrab geschaufelt: Von den für «Insieme» vorgesehenen 150 Millionen Franken sind nun knapp 100 Millionen in den Sand gesetzt. Nur ungern erinnert man sich an einen IT-Bestechungsfall von 2010 aus dem Bundesamt für Umwelt sowie an die verzögerte Cyber-Abwehr-Strategie des Bundesrats («Nordwestschweiz» vom 24. April 2012).

Thomas Myrach, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Uni Bern

Thomas Myrach, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Uni Bern

Es sei besser, schlechtem Geld nicht auch noch gutes hinterherzuwerfen wendet Thomas Myrach ein. Der Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Bern kann den Abbruch der Übung «Insieme» insofern nachvollziehen.

IT und das tote Gestein

Sind die Bundesbehörden von der Beschaffung im IT-Bereich überfordert? Immerhin lassen die beiden Millionen-Debakel in VBS und EFD dies vermuten. Wirtschaftsinformatiker Myrach relativiert: «Nicht nur die öffentliche Verwaltung, sondern auch die Privatwirtschaft kennt ihre IT-Flops.» Myrach kann es zwar nicht durch eine konkrete Statistik belegen, seine Erfahrung zeige ihm aber, dass IT-Projekte allzu häufig auf die leichte Schulter genommen würden und «Entscheidungsträger diese Projekte oftmals etwas leicht nehmen». Nur würden Fehlschläge in der öffentlichen Verwaltung um einiges schneller publik, weil es sich dabei um Steuergelder handelt, die in den Sand gesetzt worden sind.

Myrach wählt ein Bild aus dem Tunnelbau, um die Komplexität bildhaft zu machen: Gehe es um den Bau eines Gotthardtunnels, dann sei das vorstellbar und der Auftrag klar: «Hier muss ein Loch in den Berg. Das ist lebloses Gestein.» Die Bedeutung von Software hingegen würde unterschätzt, obwohl es dabei um nichts Geringeres als um Organisationsabläufe gehe. «Das greift tief in eine soziale Struktur von Organisationen ein», erklärt Myrach.

Das WTO-Problem

Vor gut zwei Wochen hat der Wirtschaftsinformatik-Professor zur ersten nationalen IT-Beschaffungskonferenz nach Bern eingeladen. Das Thema stiess auf reges Interesse: Über 220 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft folgten Myrachs Ruf. Die Konferenz habe zwar nicht in Zusammenhang mit dem «Insieme»-Debakel gestanden, betont Myrach. Mit den Schlagzeilen, die «Insieme» über den Sommer verursachte, wurde das Thema aber brandaktuell. So diskutierten die Konferenzteilnehmer über die Eigenheiten von IT-Ausschreibungen. Denn im Gegensatz zu anderen Bereichen müssen IT-Projekte gemäss Welthandelsorganisation (WTO) bereits ab Kosten von 250000 Franken international ausgeschrieben werden.

Doch genau hier liegt laut Myrach der Hund begraben. «Solche Ausschreibungen sind sehr mühsam. Das Beschaffen von Software ist viel komplizierter als etwa das Beschaffen von Firmenwagen.» Gerade bei der IT-Beschaffung stelle sich die Frage, ob sich WTO-Ausschreibungen immer dafür eignen. Denn bei IT-Beschaffungen könne man die Anforderungen zum Teil erst während des Projekts erarbeiten. Eine WTO-Ausschreibung setze aber voraus, dass alle relevanten Anforderungen im Vornherein definiert worden seien. «Dies sei ein echtes Dilemma.»