Der ehemalige CVP-Präsident Christophe Darbellay prägte einst das Bonmot, das Milizsystem in den Vereinen sei die «DNA der Schweiz». Doch dieses System erodiert. Unzählige Vereine und andere Freiwilligenorganisationen im ganzen Land leiden unter Mitgliederschwund, wenn sie sich nicht schon längst aufgelöst haben. Viele Menschen beklagen das, beschweren sich über den Egoismus der jungen Generation, die sich nicht engagieren wolle für die Zivilgesellschaft.

Die Autoren der heute Montag erscheinenden Studie «Die neuen Freiwilligen – die Zukunft zivilgesellschaftlicher Partizipation», welche das Gottlieb-DuttweilerInstitut im Auftrag des Migros-Kulturprozents erstellt hat, mögen deswegen jedoch nicht in Pessimismus verfallen. Gemäss der neuesten Studie in Sachen Freiwilligkeit geht das zivilgesellschaftliche Engagement der Bevölkerung nicht zu- rück – nur die Form verändert sich.

Neue Arten der Partizipation

Zivilgesellschaftliches Engagement einzig auf die Mitgliedschaft in Vereinen und anderen Organisationen zu reduzieren, sei nicht mehr zeitgemäss, sagt Andreas Müller, einer der Autoren der Studie. Man müsse den Begriff breiter fassen: «Auch wer Wikipedia-Einträge erstellt, im Internet eine Restaurant-Kritik abgibt oder einen Quartierflohmarkt organisiert, engagiert sich für die Zivilgesellschaft», sagt Müller. Berücksichtige man diese Formen der Partizipation, dann sei das Engagement der Bevölkerung noch immer gross.

Jedoch geschieht dieses Engagement laut Müller heute spontaner und weniger oft in festen Strukturen. Das zeigt auch ein Blick in die Statistik: Gemäss dem Freiwilligenmonitor 2016 geht die Zahl der Menschen, die formelle Freiwilligenarbeit – also etwa in Vereinen – leisten, tatsächlich zurück. Die informelle Freiwilligenarbeit jedoch nahm in den letzten Jahren zu. Es sei nicht so schlimm, wenn Vereine verschwänden, die niemand mehr brauche, sagt Müller. «Es sind Veränderungen im Gang – und das ist gut so.»

Die Gründe für diese Veränderungen sind gemäss der Studie mannigfaltig. Einerseits wollen sich viele Menschen heute nicht mehr binden. Durch die Individualisierung fällt es ihnen schwer, sich einer Gruppe zu verpflichten. Zudem sind die Menschen mobiler und fühlen sich weniger mit ihrem Wohn- ort verbunden. «Früher wurde man im Dorf quasi in einen Verein hineingeboren, weil dort schon Vater und Grossvater Mitglied waren», sagt Jakub Samochowiec, der Hauptautor der Studie. Das sei heute nicht mehr so. Andererseits spielt die Digitalisierung bei diesem Wandel eine entscheidende Rolle. Die digitale Welt biete eine nie da gewesene Fülle an Möglichkeiten, Menschen kennen zu lernen und sich zu engagieren.

Der Staat soll aktiver sein

Die Studie liefert aber auch Anhaltspunkte dafür, wie klassische Vereine auf die Veränderungen reagieren können. Sie müssten ihren Mitgliedern etwa mehr Mitsprache ermöglichen, sagt Samochowiec. Das sei ein zentraler Punkt: Die «neuen Freiwilligen» würden mitreden statt nur ausführen wollen. «Oder die Vereine könnten ihre Sinnhaftigkeit erhöhen, indem etwa ein Männerchor auch noch Geld sammelt für ein internationales Hilfsprojekt.» Die meisten zivilgesellschaftlichen Engagements fangen gemäss der Studie im Lokalen an. Der Bezug zum Lokalen nimmt derzeit aber ab. Deshalb sei es wichtig, das lokale Engagement mit nationalen oder globalen Themen zu kombinieren.

Die Autoren fordern schliesslich die Behörden auf, mehr zu tun, um das Engagement der Bevölkerung zu unterstützen. Andreas Müller sagt: «Es braucht mehr Freiräume. Denn wo es freie Räume hat, da entsteht auch etwas.» Er denkt dabei etwa an Brachen in Städten, die in Kulturlokale umgewandelt werden könnten. Die Studienautoren schlagen zudem vor, dass die Schulen vermehrt partizipative Projekte anbieten sollten. Kinder lernten so früh, dass ihr Engagement gefragt sei.