Attelwil

Attelwil: Ein einig Dorf von Schweizerinnen und Schweizern

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87 Prozent der Attelwiler sagten Ja zur Initiative gegen Minarette – Augenschein in einer verängstigten Gemeinde im Suhrental

Sabine Kuster

«SIE SIND VIELLEICHT SCHON eigener, die Attelwiler», sagt ein Reitnauer, der im Schneeregen den Buggy mit seinem Enkel durch Reitnau Richtung Attelwil schiebt. «Die Kirche ist wichtig.»

IN ATTELWIL - 290 Einwohner, davon drei Ausländer - gibt es keine Kirche. Nur der Kirchturm von Reitnau ragt hinter dem Hügel in den Himmel. Bis zur Kantonsgrenze ist man reformiert. Jeden Morgen um 6 Uhr läuten Glocken vom Luzernischen her den Attelwilern in Erinnerung, dass man ennet der Kantonsgrenze in Triengen katholisch ist. Die Besitzerin des ‹Chrämerhuus› in Attelwil, Dora Rohr sagt: «So früh am Morgen läuten, das ist doch nicht mehr zeitgemäss.» Attelwil ist nicht altmodisch. Attelwil hat bloss Angst.

DORA ROHR STEHT in ihrem Laden, den sie seit 13 Jahren zusammen mit ihrem Mann führt. Es gibt hier alles, was man zum Leben braucht. Adventskerzen, Haargummis, laktosefreie Milch und Glückwunschkarten. Jetzt, kurz vor Mittag, kaufen zwei Frauen ein. «Was machst du zum Zmittag? Ich hätte noch Speck, den man brauchen sollte», sagt Dora Rohr zu einer Kundin. Man trifft sich bei ihr, in der ‹Schmiedstube› oder einfach auf der Strasse. «Z Chile» geht man in Reitnau. Das Argument, ein Minarett gehöre zur Moschee wie der Kirchturm zur Kirche, zählt hier nicht. «Für den Glauben braucht man keinen Kirchturm und kein Minarett», sagt Dora Rohr. Die Freikirchen, von denen es in der Umgebung einige gibt, hätten auch keine Türme. Und die Sonntagsschule habe früher im Gemeindesaal Weihnachten gefeiert. «Das ging auch», sagt sie. Nur, Hochzeit ohne Glocken, das kann sie sich nicht vorstellen.

WARUM SAGT EIN DORF ohne Ausländerprobleme, inmitten ländlicher Idylle Nein zu Minaretten? «Wir haben hier noch gesunden Menschenverstand und Ethik. Wir befassen uns mit diesen Themen und wir schlucken nicht alles», sagt Dora Rohr. «In der Stadt schaut bloss jeder für sich.» So ein Minarett sei eine Machtdemonstration. Auf einmal wird im vorhin gemütlichen Laden Angst spür- und hörbar: «Selbst die Schweizer Muslime wollen die Weltherrschaft des Islam . . . wo ein Minarett ist, schreit bald der Muezzin . . . die Frauen sind eingesperrt . . . diese Gewaltbereitschaft . . . wir Schweizer sind bald Ausländer im eigenen Land.»

DIE SONNE KOMMT heute nicht mehr, der Schnee bleibt nass und schwer liegen. 200 Meter weiter steht der Bauernhof von Gemeindammann Ernst Baumann, Attelwiler seit Geburt, 67 Jahre alt, seit 16 Jahren im Amt. «Sie sollen ihren Glauben behalten und die Gebetsteppiche ausrollen dürfen», sagt er. Aber er fürchtet die «schleichende Islamisierung»: «Die Beschneidung! Wenn so ein junges Mädchen . . . gopfriedstutz! Und die Zwangsheirat . . . einfach weil der Ätti sagt, du musst den und den heiraten!» Auf jeden Fall sei eine Standortbestimmung nötig gewesen. «Der Stimmbürger ist mündig; wenn es ihm ans Lebendige geht, geht er an die Urne», sagt Baumann, bevor er wieder hinaus in die Kälte geht, Pflöcke einschlagen, damit der Schneepflug weiss, wos lang geht und die Verhältnisse wenigstens auf der Strasse klar bleiben.

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