Iran
Atomstrom nach 35 Jahren Bauzeit

Es ist ein weltweit einzigartiges Atomkraftwerk: Nicht nur hat der Bau keines anderen Atommeilers so lang gedauert. Buschehr ist auch das erste Werk mit sowohl westlicher als auch östlicher Technologie.

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Michael Wrase, Istanbul

Nach jahrzehntelangen Verzögerungen wird am heutigen Samstag das erste iranische Atomkraftwerk in Buschehr am Persischen Golf mit nuklearem Brennstoff beladen. Die als «historisch» gepriesene Installation der aus Russland gelieferten Brennstäbe soll live im iranischen Fernsehen übertragen werden.

Überwacht wird die Inbetriebnahme des Leichtwasserreaktors von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Sie hatte in den letzten Monaten Aufnahmegeräte in dem Meiler installiert, die ständig in Betrieb sein werden.

Etwa sechs Monate wird es dauern, bis das AKW seine volle Leistung von rund 1000 Megawatt erbringt und nach iranischen Angaben etwa zwei Millionen Haushalte mit Atomstrom versorgen wird. Ans Netz geht der Reaktor bereits in drei Wochen.

Mit dem Bau des Leichtwasserreaktors hatte die zu Siemens gehörende Kraftwerk Union AG schon 1975 begonnen. «Um wertvolles Öl nicht zu vergeuden», hatte der Schah damals 12 Atomkraftwerke bestellt, welche, mit Ausnahme der Anlage in Buschehr, amerikanische Firmen (Westinghouse) liefern sollten.

Die islamische Revolution und eine Fatwa des Ajatollah Chomeini, der sich gegen die Nutzung von Nuklearenergie ausgesprochen hatte, machten diese Pläne zunichte.

Kein militärischer Nutzen

Erst Mitte der 90er-Jahre erklärte sich der russische Atomkonzern Rosatom bereit, die Anlage in Buschehr zu übernehmen. Allerdings verhinderten politische Interventionen sowie ein Streit zwischen Teheran und Moskau über die Finanzierung die Fertigstellung des Meilers, in dem zuletzt über 2000 russische Techniker arbeiteten.

Glaubt man Rosatom-Sprecher Sergei Nowikow, dann wird der Iran aus dem Kraftwerk keinen militärischen Nutzen ziehen können. Der Atomkonzern werde die abgebrannten Brennstäbe zurückholen und damit sicherstellen, dass das angefallene Plutonium nicht zur Kernwaffenproduktion benutzt werden kann. Zudem würden Inspektoren der IAEA den Betrieb des Meilers ständig überwachen und sich dabei nicht nur auf ihre Kameras verlassen.

Für den iranischen Staatspräsidenten Achmadineschad ist die Inbetriebnahme des AKW ein Propagandacoup zur rechten Zeit. Der innenpolitisch unter massiven Druck geratene Hardliner wird das erste iranische Atomkraftwerk als Triumph seiner Beharrlichkeit verkaufen und weitere nukleare Grossprojekte ankündigen, um so von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes abzulenken.

Mit grosser Sorge beobachten dagegen die arabischen Nachbarn die Beladung des Meilers mit atomarem Brennstoff. Regierungsvertreter in Kuwait, das nur 200 Kilometer von Buschehr entfernt liegt, hatten bereits vor einiger Zeit erklärt, dass sie der russischen Atomtechnologie misstrauten.

Buschehr liegt in Erdbebengebiet

Saudische Tageszeitungen wiesen zu Recht auf die Lage von Buschehr – in einem Erdbebengebiet – hin und warnten vor den Folgen eines möglichen israelischen Militärschlages. Der Reaktor von Buschehr könnte sich dann in eine «schmutzige Bombe» verwandeln und die gesamte Golfregion verstrahlen. Wie gefährdet die Anlage von Buschehr ist, zeigte sich am Dienstag, als ein iranisches F-4- Kampfflugzeug nur sechs Kilometer westlich des Reaktors ins Meer abstürzte.

Teheran erklärte das Unglück mit technischem Versagen. Westliche Militärexperten hielten aber auch Sabotage für denkbar. Vier Tage zuvor hatte der frühere US-Gesandte bei der UNO, John Bolton, erklärt, dass Israel nur noch eine Woche bliebe, um mit gezielten Luftangriffen das Hochfahren des Reaktors zu verhindern. Diese Frist ist jetzt wohl abgelaufen.

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