Die Artikel schlugen ein wie eine Bombe: «Die Atomindustrie hält einen Ausstieg für möglich», titelte die «SonntagsZeitung» am 16. März 1997. Der «SonntagsBlick» vermeldete gleichentags gar: «Atomlobby sieht ein: Kernenergie hat keine Zukunft»

Hintergrund: Die Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK, heute Axpo) hatten eine Studie über die «Grenzen und Möglichkeiten einer dezentralen Stromversorgung in der Schweiz» verfasst, die noch vor der Veröffentlichung den Weg an die Medien gefunden hatte. Brisant war insbesondere der Befund, dass gemäss ihren Berechnungen der Strombedarf der Schweiz im Jahr 2030 ohne Atomenergie gedeckt werden könnte. Dies, wenn die Versorgung mit dezentralen Klein- und Gaskraftwerken gesichert werde – was für die NOK ein lohnenswertes Geschäftsfeld hätte sein können. Dennoch hatte man von Seiten der Betreiber eine solche Aussage nicht erwartet.

Ähnliche Fragen wie damals

Heute, fast zwanzig Jahre später, stellt sich die Schweizer Stimmbevölkerung wiederum ähnliche Fragen: Wie soll die Energiezukunft der Schweiz aussehen? Ist es möglich, ab 2029 gänzlich auf (einheimischen) Atomstrom zu verzichten? Genau dies fordern nämlich die Grünen in ihrer Initiative, über die am 27. November abgestimmt wird. Die AKW-Betreiber bekämpfen die Vorlage und beteiligen sich auch finanziell «im vertretbaren Rahmen» (Axpo) an der Gegenkampagne.

Mit anderen Worten: Von einem Szenario ohne Atomstrom, wie sie es 1997 selbst skizziert hat, will die Branche heute nichts mehr wissen. Die hiesigen Atomkraftwerke sollen so lange weiterlaufen, wie sie «sicher» sind und es sich lohnt. «Mit ständigen Nachrüstungen und Erneuerungsinvestitionen in Höhe von rund 2.5 Milliarden Franken haben wir dafür gesorgt, dass das Kernkraftwerk Beznau jederzeit modernste Sicherheitsstandards einhält und diese in vielen Bereichen übertrifft», hält die Axpo fest.

Das Volk stellte die Weichen

Für die Befürworter der Initiative zeigen die Diskussionen von damals allerdings, dass sich die Energiepolitik im Kreis drehe. Im Gegensatz zu Nachbarländern wie Italien und vor allem Deutschland habe es die Schweiz verpasst, in erneuerbare Energien oder dezentrale Wärmekraftkopplungen zu investieren. «Wir haben die letzten zwanzig Jahre schlicht verschlafen», sagt Heini Glauser, früher Vizepräsident der Energiestiftung SES.

Das Bundesamt für Energie (BFE) wehrt sich vehement gegen diesen Vorwurf: Szenarien seien keine Prognosen, sondern «Wenn-Dann-Modelle», die sich aus Annahmen über die Rahmenbedingungen ableiteten. Doch diese verändern sich stetig. «Die meisten Szenarien setzten auf weniger Verbrauch, mehr Effizienz und die Stärkung der erneuerbaren Energien sowie auf Block-Heiz-Kraftwerke. Manches ist anders gelaufen, als damals beschrieben», sagt Sprecherin Marianne Zünd. Hinzu kommen Volksentscheide, welche die «Ausrichtung der Schweizer Energieversorgung bestimmt haben». Das BFE verweist etwa auf die «Energiesteuer- statt Mehrwertsteuer»- oder die «Strom ohne Atom»-Initiative, die deutlich scheiterten.

AKW steigerten Leistung massiv

Der Anteil der Wasserkraft an der hiesigen Stromversorgung ist hoch. Dafür hinken die neuen Erneuerbaren – vor allem Wind und Photovoltaik – im internationalen Vergleich hinterher. Atom-Gegner Glauser sieht in der Leistungssteigerung der Kernkraftwerke einen Grund dafür. «Es gab nie genug Leidensdruck, weil man aus den AKW alles herauspresst», sagt er. In der Tat haben alle fünf Schweizer AKW ihre Megawatt-Leistungen seit Inbetriebnahme massiv erhöht, bei Leibstadt beispielsweise von 950 MW auf 1220 MW (+28 Prozent).

Die Betreiber bestätigen die Zahlen auf Anfrage. Die Produktionserhöhung sei auf den Austausch von Komponenten zurückzuführen – bei Beznau etwa der Austausch des Dampferzeugers, wie die Axpo festhält. Beim KKW Leibstadt gibt es neben Dampfturbinen auch einen neuen Generator und Kondensator. Dass – wie es die Initiativbefürworter behaupten – andere Bestandteile und damit die Sicherheit unter der Erhöhung der Nennleistung leidet, weisen die Betreiber von sich: «Bei allen Modernisierungs- und Erneuerungsprojekten steht die nukleare Sicherheit vor der Wirtschaftlichkeit an erster Stelle.»