Daniel Kestenholz, Bangkok

Seit den Bali-Anschlägen im Oktober 2002 war der gebürtige Malaysier Noordin Mohamed Top ein Gejagter - der meistgesuchte Terrorist Asiens. Der 41- Jährige soll am Samstag nach einer 18- stündigen Belagerungsaktion auf Indonesiens Hauptinsel Java von Eliteeinheiten erschossen worden sein. Bei einer weiteren Kommandoaktion konnte nach Polizeiangaben ein geplanter Mordanschlag gegen den indonesischen Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono verhindert werden.

DNA-Tests sollen Gewissheit bringen

Weil der seit Jahren untergetauchte Top regelmässig sein Aussehen änderte, konnte seine Identität zunächst nicht einwandfrei bestätigt werden. Vorerst bleibe alles Spekulation, sagte Indonesiens Polizeichef Bambang Hendarso. DNA-Tests und die Befragung von einer von Tops Frauen sollen nächste Woche Gewissheit bringen. Experten äusserten überdies Skepsis, dass sich Top allein in einem abgelegenen Haus verschanzen würde.

Der amerikanische Inlandgeheimdienst FBI führte Top als einen der meistgesuchten zehn Terroristen der Welt auf, die von den USA zwar nicht offiziell angeklagt sind, doch für ein Verhör gesucht werden. Sidney Jones, die renommierte Indonesien- Kennerin der International Crisis Group, nannte Tops gemeldeten Tod einen «riesigen Erfolg in Indonesiens Anti-Terror-Kampf», warnte jedoch, dass dies «nicht das Ende des Terrorismus in Indonesien bedeutet, weil wir nicht wissen, wie gross das Netzwerk ist und wie es finanziert wurde».

Der frühere Buchhalter Top galt als talentiertester Anwerber, als Financier und Chefbombenbauer der militanten Jemaah Islamiyah (JI), eines Splitterverbandes der Kaida in Südostasien, der sich in Indonesien einen Namen mit Anschlägen gegen westliche Einrichtungen schuf. Auch der jüngste Doppelanschlag gegen die beiden Luxushotels Ritz Carlton und Marriott in Jakarta im Juli wurde Top zur Last gelegt. Über die Jahre war Top nach indonesischen Polizeikreisen mehrmals nur ganz knapp die Flucht gelungen. Fahnder veröffentlichten eine Reihe von Fotos, die den Verwandlungskünstler mit immer anderem Aussehen zeigten.

Die Kommandoaktion, die sein Ende besiegeln sollte, begann schon am Freitag. Nach einer bis in die frühen Morgenstunden andauernden Belagerung stürmten Eliteeinheiten das verdächtige Haus in Zentral-Java. Nach einer wilden Schiesserei sah man Polizisten, die ihre Helme ablegten und sich die Hände schüttelten. Kurz darauf wurde eine Leiche aus dem Haus getragen. Im Verlauf des Tages meldeten indonesische Medien, der meistgesuchte Mann Indonesiens sei tot. Bei einer zweiten Anti-Terror-Aktion ausserhalb von Jakarta töteten Sicherheitskräfte am Samstag zwei mutmassliche JI-Kader und stellten dabei rund 100 Kilogramm Sprengstoff sowie Materialien zum Bombenbau und einen Lastwagen sicher. Nach Polizeichef Hendarso sei damit ein Anschlag gegen den Präsidenten Yudhoyono geplant gewesen. Dieser hatte die Präsidentschaftswahlen im Juli nicht zuletzt wegen seiner klaren, harten Linie gegen Terrorismus gewonnen.

Präsident will Terrorismus ausrotten

Um die Jemaah Islamiyah wurde es über die Jahre still. Doch Top soll sich längst abgesetzt und seine eigene, noch radikalere Gruppe aufgebaut haben - die Tanzim Qaidat al-Jihad. Die jüngsten Anschläge in Jakarta und das geplante Attentat auf Präsident Yudhoyono galten nach Sicherheitskreisen als Vergeltung für die Hinrichtung von drei Bali-Bombern im November. Präsident Yudhoyono beliess es bislang bei einem Lob für die Polizeieinheiten, die «Terrorismus ausrotten» würden. Ohne Top beim Namen zu nennen, dankte er für die «brillante Operation».