Interview
Ärztin Asefaw: «Betroffene brauchen Medizin und Aufklärung»

Die körperlichen Schmerzen die mit einer Genitalbeschneidung einhergehen sind immens. Noch grösser aber sind die psychischen Folgen für die Opfer. Warum Frauen in Europa zusätzlich unter einer Genitalbeschneidung leiden, erklärt Ärztin Fana Asefaw.

Annika Bangerter
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Fana Asefaw ist in Eritrea geboren und arbeitet in der Privatklinik Clienia in Littenheid TG als Oberärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Fana Asefaw ist in Eritrea geboren und arbeitet in der Privatklinik Clienia in Littenheid TG als Oberärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

HO

Die weibliche Beschneidung ist in den meisten Ländern verboten. Wieso wirkt das Verbot nicht?

Fana Asefaw: In Gesellschaften, die das Ritual praktizieren, ist die Beschneidung positiv bewertet. Beschnittene Mädchen gelten als jungfräulich, sauber und anständig. Alles Eigenschaften, die es braucht, um einen Ehemann zu finden. In Europa sorgen sich Eltern, dass ihre Töchter hier enthemmt leben könnten, wenn sie nichts unternehmen. Ich erkläre ihnen dann stets, dass die Lösung nicht in der Beschneidung, sondern in der Erziehung liegt.

Sie sind Ärztin und Psychiaterin. Was sind die Spätfolgen einer Beschneidung?

Die körperlichen Beschwerden hängen von der Form der Beschneidung ab. Je enger die Frau zugenäht ist, umso stärker sind ihre Schmerzen. Das Entleeren der Blase kann 30 bis 60 Minuten dauern. Bei den Monatsblutungen staut sich das Blut bis zu 14 Tage. Das begünstigt Infektionen, was im schlimmsten Fall zur Sterilität führt.

Und was sind die psychischen Folgen?

Frauen, die ihr traditionelles Umfeld nie verlassen haben, bringen ihre psychischen Leiden nicht mit der Beschneidung in Zusammenhang – auch nicht, wenn sie schwerste körperliche Beschwerden haben. Das ergab eine Studie, die ich in Eritrea durchführte. Ein anderes Bild zeig-
te dieselbe Umfrage unter Migrantinnen. Subjektiv gesehen leiden sie psychisch viel stärker.

Wie lässt sich das erklären?

In Europa ist die Haltung gegenüber der weiblichen Beschneidung negativ geprägt. In den Herkunftsländern war das Ritual sinn- und identitätsstiftend: Die Frauen gehörten dadurch zur Gemeinschaft. Anders erleben sie dies in Europa: Hier führt die Beschneidung zu Mitleid und Empörung. Die Betroffenen fühlen sich dadurch ausgegrenzt und stigmatisiert. Das ist besonders für jugendliche Mädchen in der Schule schwierig. Ich betreue Patientinnen, die erst durch die Reaktion der Leite-
rin eines Asylheimes oder von Ärzten traumatisiert wurden.

Wie soll man diese Betroffenen denn ansprechen oder behandeln?

Zwangsuntersuchungen müssen unbedingt vermieden werden. Es ist gefährlich, wenn Behörden eine gynäkologische Untersuchung eines Mädchens anordnen. Die Eltern müssen einbezogen werden. Bei erwachsenen Frauen ist es wichtig, dass Gynäkologen oder Hebammen sich nicht von Emotionen leiten lassen. Dafür hilft ein kurzes Vorgespräch. Eine gute Einstiegsfrage ist, ob im Herkunftsland der Patientin die genitale Beschneidung praktiziert wird. Bejaht sie, kann die nächste Frage lauten: Sind sie auch betroffen? So findet eine respektvolle Annäherung statt.

Der Bund will die Massnahmen gegen die Beschneidungen von Frauen verstärken. Was braucht es?

Es benötigt einen Paradigmenwechsel. Ich erlebe bei diesem Thema eine stark eurozentristische Haltung: Beschnittene Afrikanerinnen werden als bemitleidenswerte, primitive Frauen behandelt. Damit können sich die Frauen nicht identifizieren und wenden sich ab. Meiner Meinung nach sind kaum eritreische Mädchen in der Schweiz gefährdet – kritischer ist die Situation für Mädchen aus Somalia und dem Sudan. Was aber für alle betroffene Frauen gilt: Sie brauchen medizinische Versorgung. Deshalb braucht es auch eine verstärkte Aufklärung. Diese können Kulturvermittler aus den Herkunftsländern am besten leisten. Sie kennen die Tabus, die kulturellen Feinheiten. Es geht schliesslich darum, die Menschen zu erreichen und nicht zu schockieren. Dafür ist das Thema viel zu ernst.

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