Altersvorsorge
Armut statt Wohlstand bei Schweizer Rentnern

Viele Schweizer verfügen im Rentenalter nur über eine Säule: die AHV. Damit aber lässt sich schlecht leben. Das 3-Säulen-Modell erweist sich gemäss einer Analyse als «Minderheitsmodell».

Karen Schärer
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In den vergangenen Jahren hat die Werbebranche die kaufkräftige ältere Generation entdeckt. Wortkonstrukte wie «Best Agers» oder «Generation Gold» beschwören ein Bild der «reichen Alten». Wie nun aber zwei kürzlich erschienene Analysen aufzeigen, ist in der Schweiz im Rentenalter Armut stärker verbreitet als der Wohlstand.

Im Dossier «Fortsetzung der gewohnten Lebenshaltung nur für eine Minderheit» des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) wird das Schweizer 3-Säulen-Modell der Altersvorsorge untersucht. Die Analyse kommt zum Schluss: Das vermeintliche Erfolgsmodell erweist sich als «Minderheitsmodell». Denn nur jeder dritte Mann und weniger als jede fünfte Frau können nach ihrer Pensionierung auf Leistungen aus allen drei Säulen zählen. Häufiger müssen Rentnerinnen und Rentner mit AHV-Rente und Geld aus der beruflichen Vorsorge auskommen (Männer: 44,4 Prozent, Frauen: 37,2 Prozent). Doch für jede dritte Frau und jeden achten Mann beruht die Altersvorsorge nur auf einer einzigen Säule: der AHV.

Ein Leben am Existenzminimum

Alleine mit dem Renteneinkommen der AHV lässt sich aber kaum auskommen. Alleinstehende bezogen im Durchschnitt monatlich 2011 (Frauen) respektive 2015 Franken (Männer). Ehepaare, bei denen beide Ehepartner pensioniert sind, erhielten durchschnittlich 3278 Franken. Pensionierten, die gar nur Anspruch auf eine AHV-Teilrente oder eine niedrige Vollrente haben, müssen ihre finanzielle Situation offenlegen und Ergänzungsleistungen beantragen. Auch mit Ergänzungsleistungen sind keine grossen Sprünge möglich: Die Rentnerinnen und Rentner sind gezwungen, ihr Leben auf Niveau Existenzsicherung zu führen.

Die Zahl derjenigen, die im Rentenalter ein Einkommen aus der beruflichen Vorsorge beziehen können, wird in den kommenden Jahren ansteigen. Denn das Pensionskassenobligatorium wurde erst 1985 eingeführt. Die heute 80-Jährigen waren damals schon über 50 Jahre alt und konnten ihre zweite Säule entsprechend weniger lang aufbauen. Entsprechend haben Hochbetagte ein besonders hohes Armutsrisiko.

Frauen besonders betroffen

Weitere Hochrisikogruppen sind Pflegebedürftige, Personen mit tiefem Bildungsabschluss, ausländische Staatsangehörige und Frauen. Wie die Analyse zeigt, sind Letztere besonders stark von Armut im Alter betroffen: Hier wirkt sich die traditionelle Rollenteilung auf die Ausgestaltung ihrer Altersvorsorge aus. In der SGB-Studie heisst es: «Frauen kumulieren die Hürden regelrecht, welche zu einer ungenügenden Absicherung durch die 2. Säule führen können.»

Die Studie «Das vierte Alter ist weiblich», die kürzlich als Projekt im Rahmen der «Grossmütterrevolution» erstellt worden ist, listet diese Hürden auf: reduzierte Erwerbstätigkeit, Erwerbsunterbrüche aufgrund von sogenannter Care-Arbeit (Betreuung und Pflege für Kinder oder andere Angehörige), Arbeit in «typischen Frauenberufen» mit entsprechend niedrigerer Entlöhnung. «Soziale Sicherheiten sind in der Schweiz grossmehrheitlich an Erwerbsarbeit gekoppelt», heisst es in der Studie.

Ohne lückenlose Arbeitsbiografie gibt es deshalb auch keine volle Rente. Unbezahlte Care-Arbeit, die grossmehrheitlich von Frauen geleistet wird, müsse deshalb in Zukunft dieselbe Beachtung und Wertschätzung erfahren wie Lohnarbeit, lautet eine der Forderungen der «Grossmütterrevolution». Hinter der Initiative stehen gesellschaftspolitisch engagierte Frauen im Rentenalter, unterstützt vom Migros Kulturprozent.

Auch der Gewerkschaftsbund tritt mit Forderungen an die Öffentlichkeit: Es brauche eine Erhöhung der AHV-Renten der niederen und mittleren Einkommen, heisst es im Dossier. Unter dem Titel «AHVplus» will der SGB noch dieses Jahr ein konkretes Modell vorstellen. Rentnerinnen und Rentner sollen nicht nur ihr Überleben gesichert wissen, sondern auch vollwertig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.