Tabuthema

Armut in der Schweiz: «Nicht alle, die wollen, finden einen Job»

Trotz Anstrengung keinen Job. (Symbolbild)

Trotz Anstrengung keinen Job. (Symbolbild)

Wie gross ist die Armut in der Schweiz tatsächlich? Politisch hat das Thema einen schweren Stand, dem Programm des Bundes droht das Aus. Experte Carlo Knöpfel fordert mehr Engagement – auch von der Wirtschaft.

Im europäischen Vergleich schneidet die Schweiz recht gut ab, hungern muss hier niemand. Wie gross ist das Armutsproblem tatsächlich?

Carlo Knöpfel*: In unserem Land sind 260 000 Personen nach offizieller Definition arm und beziehen Sozialhilfe. Armut ist nicht nur ein materielles Problem, sie ist eine prekäre Lebenslage, die sich in Bereiche wie Wohnen, Gesundheit und Bildung auswirkt. Wir haben hier ein reales soziales Problem. Eines, so müsste man meinen, das man in einem so reichen Land wie der Schweiz lösen kann.

Das 2014 lancierte Armutsprogramm des Bundes läuft 2018 aus. Die Chancen, dass es vom Parlament verlängert wird, stehen schlecht. Wäre das schlimm?

Das wäre gar nicht gut. Einerseits müsste das Projekt «Armutsmonitoring» zur Überprüfung der Armutspolitik der Kantone unbedingt weitergeführt werden. Andererseits hat sich der Bund mit dem Programm erstmals dazu bekannt, dass er Verantwortung im Bereich Armutsbekämpfung übernehmen will. Wenn er es in zwei Jahren einstellt, ist das Thema wieder für eine Weile vom Tisch.

Von den budgetierten 9 Millionen Franken wird der grösste Teil für Forschung und Vernetzung eingesetzt und kommt nicht den Armen direkt zugute. Ist das sinnvoll?

Das Programm des Bundes ist kein Programm zur Bekämpfung der Armut. Es ist ein Programm, das Informationen sammelt, Best Practices zusammenträgt und neue Themen erforscht. Bei einer Weiterführung des Programms müsste nicht zuletzt die Wirtschaft stärker einbezogen werden.

Wie könnte das geschehen?

Die Frage ist, inwiefern die Wirtschaft zur Armut beiträgt. Der immer wieder vorgebrachte Appell der Integration in den Arbeitsmarkt verpufft, wenn sich die Leute anstrengen und trotzdem keinen Job finden. Und die Wirtschaft muss sich auch fragen, ob sie es korrekt findet, dass im Niedriglohnbereich der Staat mit der Sozialhilfe einspringen muss, damit das Einkommen zur Existenzsicherung reicht.

Von bürgerlichen Politikern wird mehr Eigenverantwortung statt staatliche Hilfe gefordert.

Der Begriff Eigenverantwortung wird immer schnell in den Mund genommen. Die Forderung steht und fällt aber mit der Frage: Finde ich eine Stelle oder nicht? Hier wäre die Wirtschaft in der Verantwortung und nicht der Staat. Es wird immer so getan, als ob alle, die wollen, auch eine Stelle mit einem existenzsichernden Lohn finden. Dem ist nicht so.

Wo sollte sich denn der Bund besonders engagieren?

Ein Beispiel: Im Rahmen unserer – vom Armutsprogramm unterstützten – Forschung fiel uns auf, dass viele durch ihre Schulden regelrecht blockiert sind. In der Schweiz gibt es kein Restschuldverfahren, wie es all unsere Nachbarländer kennen. Damit könnten Armutsbetroffene innert 3, 4 Jahren schuldenfrei werden und somit eine neue Chance erhalten. Es gibt hierzu schon einen fixfertigen Gesetzesentwurf – er müsste nur noch politisch umgesetzt werden.

Dafür stehen die Chancen schlecht?

Da bin ich mir nicht mal so sicher. Die Wirtschaft kennt das Thema Konkurs ja auch. Wenn es darum geht, einem Unternehmer, der sein Unternehmen in den Sand gesetzt hat, eine zweite Chance zu geben, ist man relativ liberal.Warum sollte dies für private Haushalte, insbesondere armutsbetroffene, nicht auch gelten?

Sind Sie auch in anderen Bereichen der Armutspolitik, sagen wir, vorsichtig optimistisch?

Nein. Der Wind pfeift gerade aus einer anderen Richtung. Im Berner Grossen Rat wird über starke Kürzungen der Sozialhilfe in den ersten Monaten diskutiert, und der Druck auf die Skos-Richtlinien für den Sozialhilfebezug ist gross, das sind keine guten Entwicklungen. Aber wir versuchen, dem mit der Armutsforschung etwas entgegenzuhalten.

*Carlo Knöpfel ist Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit in Basel. Armutspolitik ist einer seiner Forschungsschwerpunkte.

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