Kosovo

Armeechef Blattmann: «Es wird noch Jahre dauern, bis der Kosovo so weit ist»

Über den Dächern von Prizren: Armeechef André Blattmann (Mitte).

Über den Dächern von Prizren: Armeechef André Blattmann (Mitte).

Der Schweizer Armeechef André Blattmann warnt vor einem vorzeitigen Abzug der Swisscoy aus dem Kosovo. Vor allem vor dem Hintergrund, dass rund zehn Prozent der kosovarischen Bevölkerung in der Schweiz leben.

Herr Korpskommandant Blattmann, Sie sind soeben zurück von Ihrem Besuch im Kosovo, wo Sie das 30. Swisscoy-Kontingent besucht haben. Welche Gefühle überwiegen nun bei Ihnen?

André Blattmann: Vor allem Dankbarkeit und Anerkennung gegenüber unseren Leuten, die auch im Kosovo einen guten Job machen, was von allen Vorgesetzten anerkannt und geschätzt wird. Die Swisscoy generiert Sicherheit im Ausland, die letztlich auch der Schweiz zugutekommt.

Was zeichnet die momentane Phase der Schweizer Swisscoy-Einsätze aus?

Man merkt deutliche Veränderungen gegenüber den ersten paar Swisscoy-Missionen. Ging es damals vor allem darum, die unmittelbaren Folgen des Krieges zu bewältigen, steht jetzt vor allem die Gewährleistung der Stabilität im Vordergrund, damit sich dieses Land endlich weiterentwickeln kann. Ohne wirtschaftliche Entwicklung und Sicherheit geht nichts. Noch immer ist die politische und gesellschaftliche Situation im Kosovo labil, aber es gibt auch eindeutige Fortschritte, das sieht man.

Welche?

Beispielsweise ist in der geteilten Stadt Mitrovica die Grenze zwischen den ethnischen Gruppen wieder durchlässiger geworden; bestimmt auch dank der Stabilität, für die die Schweizer Soldaten dort sorgen.

Wäre es jetzt nicht an der Zeit, das Schweizer Engagement zu beenden?

Ich denke, dass es noch zu früh ist, die Mission zu beenden und dadurch das bisher Erreichte infrage zu stellen. Man sieht das gerade weltweit, wie gross das Risiko ist, dass Konflikte neu oder anders wieder ausbrechen, wo die internationalen Kräfte zu früh abziehen. Meiner Meinung nach sollten wir hier im Kosovo noch mehr Stabilität und wirtschaftliche Fortschritte gewährleisten, sonst sind wir rasch wieder zurück auf Feld 1, und genau das will ich nicht.

Die Kfor ist daran, ihr Engagement im Kosovo von aktuell 5000 Mann zu halbieren. Das ist doch der Beleg dafür, dass zumindest ein Teilabzug möglich wäre.

Man muss hier zuerst analysieren, welche Länder ihre Truppen reduzieren und welche anderen internationalen Engagements diese haben. Für die Schweiz stehen andere Engagements momentan nicht im Vordergrund. Hingegen hat der Kosovo für die Schweiz eine direkte Bedeutung, da immerhin zehn Prozent der kosovarischen Bevölkerung in der Schweiz sind. Das Parlament hat deshalb soeben das Swisscoy-Engagement bis 2017 verlängert, was mir ein sehr vernünftiger Entscheid zu sein scheint. Wir müssen im Kosovo für die nötige Stabilität sorgen, damit sich die Bevölkerung vor Ort wirtschaftlich entwickeln kann.

Was wollten Sie Ihrem Gast, dem Baselbieter Sicherheitsdirektor Isaac Reber, im Kosovo zeigen?

Es war eine Möglichkeit, die Leistungsfähigkeit der Schweizer Armee im Ausland darzustellen, was eine Facette unserer Tätigkeit ist. Wir kennen die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher Entwicklung im Ausland und dem Asylbereich. Der Baselbieter Regierungspräsident konnte vor Ort Eindrücke gewinnen, welchen Beitrag wir dazu leisten, den Asylbereich aus diesem Teil der Welt nicht zusätzlich zu belasten.

Der Kosovo ist inzwischen ein relativ sicherer Ort. Wäre es für Sie als Armeechef wünschenswert, dass die Schweiz mit einem anderen, vielleicht ähnlich grossen Kontingent an einem echten Hotspot der internationalen Krisenregionen im Einsatz wäre?

Die Frage ist, welchen Beitrag die Schweizer Armee leisten soll. Das zu entscheiden, liegt an der Politik und nicht an den Wünschen des Armeechefs. Jeder Einsatz hängt letztlich von den Mitteln ab, die zur Verfügung stehen. Und er muss einen Bezug zur Sicherheit der Schweiz haben. Wenn wir etwas machen, dann machen wir es richtig.

Wie viele Swisscoy-Kontingente wird die Schweiz noch stellen müssen?

Ich meine, wirklich noch mehrere. Aus meiner Sicht wird es noch Jahre dauern, bis der Kosovo so weit ist, dass wir abziehen können.

Sie hatten einen Rapport mit dem Kfor-Oberbefehlshaber, dem italienischen Generalmajor Salvatore Farina. Was hat er Ihnen gesagt?

Er zeigte sich begeistert über die Leistungsfähigkeit der Swisscoy, insbesondere des Detachements im Norden, dem heikelsten Teil des Kosovo. Gerade die Schweizer Milizangehörigen verstehen die Bedeutung des unparteilichen Umgangs mit den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Sie haben ein offenes Ohr und ein Sensorium dafür, was die Bevölkerung bewegt und welche Konflikte sich anbahnen könnten. Für das Frühwarnsystem der Kfor ist das ein Beitrag von unschätzbarem Wert.

Etwas anderes als Lob hätte er Ihnen gegenüber ja gar nicht äussern dürfen.

Wenn man in solchen Bereichen Kritik üben will, dann tut man das sehr diplomatisch, aber man tut es. Es gibt wirklich keinen Grund, sich über die Swisscoy zu beklagen. Wir sind ein sehr zuverlässiger Partner der Kfor. Andere Länder haben ihre Kontingente abgebaut, noch bevor der offizielle Reduktionsentscheid der Kfor fiel.

Haben Sie bei Ihrem Truppenbesuch trotzdem Mängel gesehen, die Ihnen nicht gefallen?

Ja, ich bekam einen Hinweis im Gespräch mit Soldaten; gerade darum ist es so wichtig, mit den einzelnen Soldaten zu reden. Es dauert drei Wochen, bis bestellter Nachschub, beispielsweise Fahrzeug-Ersatzteile, aus der Schweiz auf dem ordentlichen Weg zur Swisscoy gelangt. Das ist zu lange, darum will ich nach meiner Rückkehr die Prozesse überprüfen lassen.

Sie waren bereits zum zehnten Mal auf persönlicher Inspektionsreise im Kosovo. Fiel ihnen dabei je bei anderen Kfor-Kontingenten etwas auf, was Sie gerne für die Swisscoy übernommen hätten?

Swisscoy 30 wird gerade von einem Miliz-Oberst aus der Romandie geführt, der sich enger, als ich das auch schon gesehen habe, an die Grundsätze und Führungsrichtlinien der Schweizer Armee hält und damit sehr erfolgreich ist. Das beweist mir, dass das, was wir in unserer Grundausbildung vermitteln, auch im internationalen Vergleich standhält.

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