Tobias Gfeller

Für das grosse Militär-Defilee im Herzen Basels wurde, wohl unbewusst, ein spezieller Tag in der Kriegsgeschichte gewählt. Denn am 1. September 1939, heute vor 70 Jahren hält die Welt den Atem an. Mit dem Polenfeldzug beginnt das nationalsozialistische Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg.

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg wird in Deutschland oft als Überfall auf Polen bezeichnet. Im Kriegsverlauf und unter der Deutschen Besatzung (1939-1945) verübten Einsatztruppen der deutschen Sicherheitspolizei und Wehrmachtsangehörige Massenmorde an polnischen Intellektuellen, Priestern, Gewerkschaftern, Adligen und Juden.

In Deutschland wird seit 1957 alljährlich der «Antikriegstag» begangen. «Nie wieder Krieg» ist das Motto dieses Gedenktags.

70 Jahre danach werden heute Nachmittag in Basel gegen 1000 Armeeangehörige durch die Freie Strasse defilieren. Basels Linke ist empört. «Ein Ärgernis, völlig deplatziert», wird bei der SP und beim Grünen Bündnis geschimpft. Die Sozialdemokraten fordern gar eine Absage der Militärparade oder wenigstens den Verzicht auf eine Teilnahme zweier Regierungsräte.

Wenig beruhigend gewirkt hat da das Statement von VBS-Chef Ueli Maurer im «Regionaljournal»: «Gerade an einem solch heiklen Termin darf man mit Stolz auf unsere Armee blicken.» Weiter fuhr er fort, dass der Polenfeldzug gezeigt habe, dass Länder ohne Armee überrannt werden können.

Die Schweiz spielte während der Jahre, als weltweit über 50 Millionen Soldaten und Zivilisten ums Leben kamen, eine undurchsichtige Rolle. Seit dem «Bergier-Bericht» ist bekannt, dass die Schweiz nicht die Aufgabe wahrnahm, in der sie sich jahrelang gerne gesehen hätte.

Als Affront könnte insbesondere das angrenzende Ausland diese Parade empfinden. Gerade das Elsass litt unter dem Zerwürfnis der Weltmächte. Lörrachs Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm wollte sich zur heutigen Militärparade nicht äussern.

Ihre vorsichtig gewählten Worte zeigen aber auf, dass das Thema auch jenseits der Landesgrenze polarisiert: «Wir beziehen keine Stellung zu Diskussionen der verschiedenen politischen Lager unserer ausländischen Partner. Auch unsere Medien haben sich bislang nicht mit der grossen Militärparade in Basel beschäftigt», sagt Heute-Bluhm. Die gegenseitige politische Abhängigkeit lässt wohl eine klarere Stellungnahme nicht zu.

Marco Greiner, Sprecher des Basler Regierungsrates, wollte gestern nichts Neues verlauten lassen: «Die ganze Geschichte ist nicht Sache des Kantons, sondern des Schweizer Militärs.» Der komplette Regierungsrat wird laut Greiner heute morgen zur ordentlichen Sitzung zusammentreffen: «Steht das Thema auf der Traktandenliste, wird es debattiert, sonst nicht», fügte er an.

Alle Zeichen deuten darauf hin, dass am späteren Abend das Panzergrenadierbataillon 28 der Schweizer Armee durch die Freie Strasse marschieren wird - wohl auch in Beteiligung zweier Regierungsräte. Voraussichtlich werden Sicherheitsdirektor Hanspeter Gass und sein Kollege Christoph Eymann «der Machtdemonstration der Schweizer Armee», wie es SP-Grossrat Daniel Goepfert nannte, beiwohnen.