Wehrpflicht

Armee-Chef Blattmann: «Die Wehrpflicht wird eine Renaissance erleben»

Der Armeechef André Blattmann ist überzeugt, dass die Wehrpflicht eine Renaissance erleben wird. Blattmann hätte auch nichts gegen eine allgemeine Dienstpflicht - wenn das Volk das will und die Armee trotzdem ihre Leute bekommt.

Herr Blattmann, hätten Sie die Rekrutenschule freiwillig absolviert?

Korpskommandant André Blattmann: Nein. Ich ging wegen des Marschbefehls. Das Militär war in unserer Familie kein Thema. Mein Grossvater war Gefreiter – das wars.

Wann kam die Lust an der Armee?

Lust ist so eine Sache … Ich fällte einen Berufsentscheid. Die Kombination zwischen Führen und Arbeiten im Freien gab es nur in der Armee. So wurde ich Instruktor.

Wenn nicht einmal der Chef der Armee freiwillig in die Armee gegangen wäre: Ist das ein Argument für oder gegen die Wehrpflicht?

Ich habe noch überhaupt kein Argument gegen die Wehrpflicht gefunden, das Sinn macht.

Eines geht so: Viele andere Länder zeigen, dass ihre Armeen auch ohne Wehrpflicht funktionieren.

Sie zeigen eben gerade, dass es nicht funktioniert. Nehmen wir Spanien, Deutschland, Frankreich: Alle haben das Problem, qualitativ und quantitativ genügend Soldaten zu rekrutieren. Es ist ein Trugschluss, zu meinen, die Schweizer Armee würde mit einer freiwilligen Miliz funktionieren, wie das die Initianten behaupten. Wenn etwas passiert, bin ich dafür verantwortlich, dass die Armee helfen, schützen oder kämpfen kann. Das geht nicht ohne genügend Leute.

Trotzdem sind wir mit unserer Wehrpflicht ein Exot. 20 von 26 Nato-Staaten kennen sie nicht.

Wir sind zum Glück kein Nato-Staat, die Schweiz hat eine autonome Verteidigung. Es gibt weitere Staaten mit Wehrpflicht, etwa Österreich, Finnland und Norwegen. Viele Länder mit Berufsarmeen kämpfen im Ausland, gehen in den Irak, nach Afghanistan. Wir wollen das nicht. Deshalb brauchen wir keine Berufsarmee.

Was wären die Folgen, wenn die GSoA-Initiative angenommen und die Wehrpflicht abgeschafft würde?

De facto würde die Armee abgeschafft. Und damit die Sicherheit der Schweiz infrage gestellt. Dabei ist die Sicherheit die wichtigste Basis für unseren Wohlstand. Eine freiwillige Miliz würde niemals funktionieren, weil wir nicht genügend Leute hätten. Wir sehen es am Beispiel der Kosovo-Einsätze: Wir bringen permanent 200 Freiwillige hin – mehr ginge nicht. Wie sollen wir da auf 100 000 Freiwillige kommen? Wir bräuchten jedes Jahr 5000 Freiwillige, die rund 30 Jahre lang in der Armee eingeteilt blieben, wenn man die Ausfälle dazurechnet. Unmöglich.

Braucht es denn 100 000?

Die Initiative sagt eben nicht, wie viele Soldaten die Armee nach Annahme hätte, und auch nicht, dass wir zu wenig Leute bekämen. Was mich stört: Die Abschaffung der Armee funktionierte auf direktem Weg nicht. Also versucht es die GSoA nun durch die Hintertüre.

Auch Jungfreisinnige – also Parteikollegen von Ihnen – kämpfen für die Initiative. Sie finden, ein liberaler Staat dürfe niemanden zu irgendeinem Einsatz zwingen. Das muss Sie schmerzen.

Wer meint, dass Liberalismus bedeutet, man könne machen, was man will – der hat den Liberalismus falsch verstanden. In unserem Land gibt es Pflichten, die man erfüllen muss. Dazu gehört der Militärdienst.

Könnte es sein, dass sich die Wehrpflicht mit der Zeit selbst abschafft, weil sich immer mehr drücken?

Im Gegenteil: Die Wehrpflicht wird eine Renaissance erleben. Weil man merkt, dass wir mit der Berufsarmee ins Offside laufen würden. Man bezahlt Löhne von Soldaten, die man im Alltag nicht braucht. Deshalb ist unser Milizsystem so gut: Wir haben derzeit 5000 Leute in Wiederholungskursen – aber über 100 000, die wir im Notfall aufbieten könnten.

Unsere Gesellschaft ist individueller und egoistischer geworden. Denkt da nicht jeder nur für sich? Es ist kein Geheimnis: Wer aus der Armee wegkommen will, kommt heutzutage weg.

Ich bin mir nicht sicher, ob das früher anders war. Unter dem Strich haben wir fast genauso viele taugliche Personen wie früher – rund 80 Prozent, inklusive Zivilschutz und Zivildienst. Früher waren es 90 Prozent.

Wie erklären Sie sich, dass Städter viel weniger Militärdienst leisten als Leute vom Land?

Auch in den schwachen Kantonen sind noch mehr als die Hälfte tauglich. Aber da besteht tatsächlich Handlungsbedarf. Wir müssen uns fragen, ob wir in der Armee nicht unnötig auf Know-how verzichten, weil wir nur die Schnellsten und Stärksten wollen. Ich will deshalb die Kriterien für die Aushebung ändern: Natürlich wollen wir nicht diejenigen, die ein Risiko darstellen wegen Drogen oder Gewaltdelikten. Aber ein Informatiker oder ein Abgänger in Chemie muss sportlich nicht top sein und ist trotzdem wertvoll für uns.

Wie viele zusätzliche Soldaten erhoffen Sie sich?

Ein paar Prozente.

Die grüne Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli spricht sich für die Wehrpflicht aus – und fordert eine Dienstpflicht für alle, auch für Frauen. Eine gute Sache?

Das steht jetzt nicht zur Abstimmung. Wenn Politik und Volk das aber wollen, habe ich nichts dagegen einzuwenden – solange die Armee ihre Leute bekommt.

Da sagt Hochuli: Die Armee müsse sich dann eben dem Wettbewerb mit anderen Angeboten stellen.

Was soll an der Armee attraktiv sein? Dass man morgens um vier Uhr mit der Waffe Wache schiebt? Man sollte den Militärdienst nicht beschönigen: Draussen in der Kälte eine kritische Infrastruktur zu bewachen, damit unser Land funktioniert, das ist nicht attraktiv. Deshalb soll man die Soldaten auch achten.

Ein wichtiges Geschäft ist der Kampfjet Gripen. Die Sicherheitspolitische Kommission hat dem Kauf nun doch zugestimmt. Ist die Sache damit gegessen?

Das war erst die Vorspeise, über die ich mich aber sehr freute. Es ist ein weiterer Schritt in einer demokratischen Entscheidungsfindung. Wir führten die Evaluation, anerkanntermassen gut, durch. Der Bundesrat fällte einen Typenentscheid und unterbreitete diesen dem Parlament. Jetzt ist die zweite Kammer dran. Ich bin vorsichtig optimistisch, was den Entscheid im Nationalrat betrifft.

Das tönt nun etwas gar harmonisch. Dabei hatte ausgerechnet die FDP – Ihre Partei! – den Gripen infrage gestellt.

Ich bin jetzt seit fünf Jahren Chef der Armee. In dieser Zeit habe ich einiges gelernt. Unter anderem dies: Politik und Armee haben unterschiedliche Rollen. Die Politiker müssen dem Volk Rechenschaft ablegen. Dass sie deshalb die eine oder andere kritische Frage stellen, muss ich akzeptieren. Ich nehme auch gern an den Kommissionssitzungen teil. Da hört man viel, das ist bereichernd.

Mit dieser speziellen Mechanik in der Politik haben viele hohe Offiziere Mühe, die sich klare Strukturen und Hierarchien gewohnt sind.

Deshalb muss jemand, der zum Brigadier befördert wird, zuerst nach Bern kommen und diese Welt erleben. Sie funktioniert in der Tat nicht so wie das Leben in einer Kaserne.

Ein anderes Thema sind die Waffenplätze in den Kantonen. Klar ist, dass es zu einer Reduzierung kommen wird. Unklar ist jedoch, welche betroffen sind. Wieso reden Sie nicht Klartext?

Das machen wir, sobald feststeht, ob unser Budget 4,7 oder 5 Milliarden Franken beträgt. Warum sollen wir jemanden aufscheuchen, wenn es nicht nötig ist? Wir benötigen zuerst einen Entscheid. Dann werden wir mit den betroffenen Kantonen Kontakt aufnehmen. Alles andere führt nur zu unnötigen Diskussionen.

Ist das nicht reine Taktik? Wenn die Kantone um Arbeitsplätze fürchten, steigen die Chancen auf das höhere Budget.

Es gibt nun mal einen Unterschied zwischen 5 und 4,7 Milliarden. In der Nordwestschweiz betreiben wir viele Betriebe und Infrastrukturen. Wenn wir mehr Geld haben, können wir investieren.

Noch ein Wort zu den WKs: Man hört oft, sie seien langweilig, es wird nur Zeit abgesessen.

Wenn ich auf Truppenbesuch bin, sehe ich ein anderes Bild. Ich sage nicht, dass es das nicht gibt. Aber es wird auch viel und gut gearbeitet. Man kann auch nicht rund um die Uhr angespannt sein. Ein Bewachungsauftrag kann langweilig sein. Wenn der Posten aber nicht aufmerksam ist, kann dies eine Katastrophe zur Folge haben.

Aber bitte, wenn der Chef der Armee auf Truppenbesuch geht, ist das nicht repräsentativ.

Ich gehe immer unangemeldet auf Truppenbesuch. Ich will keine Show.

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