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Er leitet die «Arena», ist vierfacher Vater und erhält nun eine neue Sendung: SRF-Moderator Jonas Projer (35) spricht über seine Ziele, die Kritik an Co-Moderatorin Christa Rigozzi und verrät, warum er mit seinen Kindern ins Wahllokal geht.
Er kommt direkt von den Proben zur neuen Sendung «Arena/Reporter». Jonas Projer empfängt die «Schweiz am Wochenende» am Haupteingang des Schweizer Fernsehens SRF am Leutschenbach. Müde sei er, weil ihn sein Neugeborenes die Nacht über auf Trab hielt. Das sieht man ihm nicht an. Die Schlagzeilen der letzten Tage hat er genau verfolgt. «Riesen-Krach am Leutschenbach», titelte der «Blick», und «Christa schadet der ‹Arena›». Bei einer Cola nimmt Projer erstmals Stellung zur Kritik an der neuen Sendung.
Jonas Projer: Einspruch! Christa Rigozzi ist viel mehr als das. Sie war vor zwei Jahren das erste Mal Gast in der «Arena», um über die zweite Gotthardröhre zu diskutieren. Schon damals sagten die Leute das Gleiche wie jetzt Sie: Christa Rigozzi ist nur eine Glamour-Frau.
Aber Sie haben den Fokus darauf gelegt. Christa Rigozzi hat mit Kompetenz überzeugt, mit rhetorischem Geschick, und sie hat bewiesen, dass sie nicht nur eine erfolgreiche Geschäftsfrau ist, sondern sich auch auf dem politischen Parkett bewegen kann.
Das ist nicht unser Hauptkriterium, uns geht es um die Meinungsbildung. Aber wir wären doch im falschen Job, wenn wir nicht versuchen würden, mit den relevanten Themen ein breites Publikum zu erreichen. Dazu kann Christa Rigozzi sicher beitragen. Wir machen die Sendung nicht im Elfenbeinturm. Wir wollen einen Dialog anstossen, an dem sich hoffentlich viele beteiligen.
Mit anonymen Quellen lässt sich schlecht diskutieren. Klar ist, dass Christa Rigozzi für einige wenige Auftritte spürbare Werbe-Einschränkungen in Kauf nimmt. Und das finde ich auch richtig so.
Leserkommentare heissen nicht so, weil man sie unbedingt lesen sollte (lacht). Im Ernst, sie geben höchstens einen kleinen Teil der Publikumsmeinung wieder. Wir bekommen viele Mails, Briefe, Postkarten und Anrufe, in denen die Menschen oft genau das Gegenteil davon sagen, was in den Kommentarspalten steht.
Das nicht, aber sie zeigen ein anderes Publikum. Ein Publikum, das Respekt und Anstand hochhält, das lieber inhaltlich mitdiskutieren will, als andere niederzuschreien. In den Kommentarspalten der Onlinemedien geht es leider oft nicht so zu und her, wie ich es mir wünschen würde.
Jonas Projer (35) ist seit 2014 Moderator und Redaktionsleiter der «Arena». Davor war er SRF-Korrespondent in Brüssel. Projer hat die «Arena» modernisiert und durch Spezialsendungen, wie die «Arena vor Ort» erweitert. Zuletzt geriet die Sendung in die Kritik, als Projer ein E-Mail seines umstrittenen Gasts Daniele Ganser ohne dessen Einwilligung veröffentlichte. Fast 500 Beschwerden gingen beim Ombudsmann ein. So viele wie noch nie. Die neue Sendung «Arena/Reporter» feiert am Sonntag, 11. Juni, Premiere. Thema ist die Kesb. Gemeinsam mit Co-Moderatorin Christa Rigozzi diskutiert Projer ein Thema, das in einem «Reporter»-Film gezeigt wird. Das SRF wirbt mit dem Slogan «berührende Geschichten, spannend debattiert». Projer ist verheiratet, das Paar hat vier Kinder: einen 6-jährigen Sohn, Zwillingsmädchen im Alter von vier Jahren und ein knapp zehnmonatiges Baby.
Eigentlich wollte ich beide Sendungen moderieren, die «Arena» am Freitag und «Arena/Reporter» am Sonntag. Damit ich mich ganz auf die neue Sendung konzentrieren kann, wird Mario Grossniklaus nun den Freitag übernehmen. Trotzdem ist es eine besondere Herausforderung für die Redaktion, zwei Sendungen gleichzeitig zu realisieren. Wir sind ziemlich gespannt, wie das läuft.
Glauben Sie? Dann könnte der gezeigte «Reporter» vielleicht den einen oder anderen ins Schwanken bringen. Der Film porträtiert Christian Kast, einen Mann, der seine Kinder dem Zugriff der Kesb entzog und auf die Philippinen brachte. Dort leben sie nun. Aber unter welchen Umständen? Unser Ziel ist es, über diese Geschichte zu diskutieren – und die wichtigen politischen Fragen zu stellen. Zu Gast werden unter anderen CVP-Nationalrätin Viola Amherd, Buchautorin Julia Onken und SVPNationalrat Pirmin Schwander sein.
Das stimmt. Unser Ziel ist, die Themen auch emotional zugänglich zu machen. Politik darf nie scheinen, als würde sie nur «da oben in Bern» passieren. Auf Twitter schrieb mal jemand, er werfe die Abstimmungsunterlagen in den Abfall, weil die in Bern ohnehin machen würden, was sie wollten. Das macht mich wütend und traurig.
Nein, so läuft es nicht. Bestechungsversuche gibt es keine. Und wir sind ja auch froh, dass die Politiker zu uns kommen. Allerdings gibt es jede Woche Druckversuche. Parteien und Politiker machen Druck, damit sie eingeladen werden oder dass eine ihr genehme Person aus der Partei teilnimmt. Irgendeine Partei versucht fast jede Woche, die Sendung zu beeinflussen. Aus ihrer Sicht ist das verständlich. Aber da beissen alle auf Granit.
Da gibt es viele Tricks. Einige versuchen mit allen Mitteln, die eingeladene Person zu einer Absage zu bewegen. Da brauchen manche Parlamentarier ziemlich Rückgrat, um das auszuhalten. Andere Politiker drohen ganz direkt: «Wenn Sie mich nicht einladen, kämpfe ich neu oder noch stärker gegen die SRG.» Namen werde ich nie nennen, aber es ist manchmal einfach unglaublich. Sehr beliebt ist es, den Gang an die Medien anzudrohen, würde man nicht eingeladen. Wenn Sie also das nächste Mal von einer Partei hören, wie schlecht und unfair die «Arena» ist, dann kennen Sie jetzt die Vorgeschichte – das sind sehr oft gescheiterte Druckversuche.
Das gibt es. Aber erstaunlich oft stecken Partikularinteressen dahinter.
Da könnte ich Ihnen aus jeder Partei verschiedene Personen aufzählen, aber ich nenne nie Namen.
Politik ist ja nicht nur national. Die betreffende Sendung drehte sich um die Frage, ob sich die Bevölkerung in zwei Gruppen einteilen lässt, in eine «Elite» und ein «Volk». Parteien, die in diese Richtung argumentieren, gibt es nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland. Alexander Gauland schien uns geeignet, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu diskutieren.
Nicht generell, nein. Als ich bei der «Arena» anfing, spielte ich noch mit dem Gedanken, die Sendung neu auf Hochdeutsch zu führen. So könnten mehr Gäste aus den anderen Sprachregionen, aus Deutschland oder Österreich, teilnehmen. Aber wir haben darauf verzichtet, weil die Debatte wohl darunter leiden, sie an Feuer verlieren würde. Wir wechseln auf Hochdeutsch, sobald wir Gäste aus der Romandie oder aus Deutschland begrüssen.
Zur dieser Sendung haben wir unsere Position in der Stellungnahme an den Ombudsmann ausführlich erklärt (Die «Arena» hatte ein gekürztes E-Mail-Zitat von Ganser veröffentlicht, ohne dessen Einwilligung, was Kritik auslöste. «Die Kürzungen waren korrekt», schrieb das SRF; Anm. d. Red.) Mehr kann ich dazu nicht sagen, ich bitte Sie um Verständnis.
Doch, natürlich. Vielleicht war diese Einladung ja auch wirklich falsch. So oder so würden wir bei einem nächsten Mal vieles anders machen. Aber auch in dieser hart kritisierten Sendung war das erfüllt, was mir wichtig ist: Dass alle gemeinsam am Tisch sitzen. Es geht darum, andere Meinungen anzuhören und auszuhalten. Die Leute beschweren sich manchmal, die Gäste in der Arena würden gar nicht aufeinander eingehen ...
Ja, manchmal. Aber wenigstens gibt es hier überhaupt unterschiedliche Ansichten! Wenn man sich in seinem Facebookstream bewegt, liest man doch fast nur Meinungen, die einem selbst passen. Klar, es sind ja auch die Meinungen der Bekannten und Freunde. In der «Arena» ist das anders. Da höre ich Positionen, die mir ganz und gar nicht passen. Für jene, die sich ihre Meinung nur noch via Facebook-Blase bilden, ist das vermutlich eine Zumutung.
Es macht mir Sorgen. Zum Beispiel, wenn jemand auf Twitter schreibt: Ich sehe mir die Sendung nicht an, weil die SVP teilnimmt. Oder irgendeine andere Partei. Hinter solchen Äusserungen steht ein Rückzug aus der politischen Debatte, ein Rückzug in die Filterblase.
Bei Abstimmungsfragen und dem politischen Tagesgeschäft habe ich damit kein Problem. Aber diese Neutralität gilt nicht absolut. Es gibt Themen, bei denen ein Journalist nicht neutral bleiben darf. Als Moderator wäre ich beispielsweise nicht neutral, wenn es um die Todesstrafe geht.
Natürlich. Ich versuche immer, mir bis zum Abstimmungssonntag einen offenen Kopf zu bewahren. Mir geht es wie vielen Leuten: Man ist ja nicht einfach von einem Ja oder Nein überzeugt, sondern hört sich zuerst mal alles an. Wie ich am Ende stimme und wähle, behalte ich allerdings schön für mich, sonst würde man meine Moderation immer nur durch diese Brille betrachten.
Ja, auch wegen der Kinder. Wir gehen gemeinsam zur Urne, weil ich ihnen so die Politik näherbringen kann. Direkte Demokratie ist ja für eine 4-Jährige oder einen 6-Jährigen nicht ganz einfach zu verstehen. Aber wenn wir ins Wahllokal im Schulhaus gehen und auf dem Weg dorthin hängen noch die Pro- und Kontra-Plakate, dann wird es greifbar für sie. Ich schaue mit ihnen die Plakate an, wir diskutieren sie. Dann gehen wir rein, werfen die Zettel ein und sind «ein bisschen die Chefs», weil in unserem Land «alle ein bisschen die Chefs sind». Meistens nehmen wir noch ein Picknick mit und frühstücken draussen vor dem Schulhaus . Da ist ein Riesengaudi für die Kinder.
Sie lachen und fragen, ob das Teil meiner Anstellung bei der «Arena» sei. Aber das ist tatsächlich ganz privat.
Ich habe mit der Euro- und der Ukrainekrise in Brüssel einige journalistisch spannende Jahre erlebt, aber ich trauere der Stelle nicht nach. Ausserdem macht mein Nachfolger einen hervorragenden Job.
Das spielt keine grosse Rolle in meinem Leben. Schön daran ist, dass die eigene Arbeit auf Reaktionen stösst. Was dabei vergessen geht: Mit mir arbeitet ein ganzes Team eine Woche lang an der Sendung.
Nein, eigentlich nicht. Die meisten Leute freuen sich ja, wenn sie «den aus dem Fernsehen» sehen. Und sobald man keinen Anzug trägt, sondern seine Kinder auf dem Arm hat, wird man sowieso kaum erkannt.
Jeder, der Freude an seinem Job hat, muss aufpassen, dass der Job ihn nicht vereinnahmt. So geht es auch mir. Und wenn man eine Familie hat, kommt das als Herausforderung noch dazu. Manchmal denke ich, es wäre am besten, wenn ich mich klonen könnte. Aber irgendwie organisiert es sich dann doch immer wieder.
Ich bewundere alle, die sich in die Politik trauen. Aber nein, dafür mache ich meinen Job viel zu gern.