Das Schweizer Bildungssystem geniesst grosses Ansehen. Doch: Die Maturitätsquote steigt seit Jahren und die Lehrbetriebe haben Mühe, Ausbildungsplätze zu besetzen. Woran liegt das?

Alexander Salvisberg: Ein Grund ist die demografische Entwicklung. Die Zahl der Jugendlichen hat abgenommen und wird in Zukunft noch weiter zurückgehen. Zudem geniesst das Gymnasium hohes Ansehen. Die Berufslehre hingegen bringen viele Eltern mit einem geringen Sozialprestige in Verbindung. Dies gilt insbesondere auch für Eltern, die mit dem Schweizerischen Berufsbildungssystem wenig vertraut sind.

Die Jugendlichen stehen deshalb auch stärker unter Druck.

Ja. Sie orientieren sich stark an Vorbildern. Auch wenn Jugendliche sehen, dass immer mehr Kollegen ans Gymnasium gehen, dann wollen sie auch diesen Weg wählen. Dabei haben die Jungen mit einem Lehrabschluss und den anschliessenden Weiterbildungsmöglichkeiten genauso gute, wenn nicht gar bessere Chancen, im Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein.

Trotz den rosigen Aussichten bleiben Betriebe auf offenen Lehrstellen
sitzen.

Dies ist nicht nur eine Folge der insgesamt rückläufigen Zahl von Lehrstellensuchenden. Weil die leistungsstärksten Jugendlichen ins Gymi gehen, bleiben diejenigen übrig, die aus Sicht der Unternehmen schlechtere Voraussetzungen mitbringen.

Das heisst aber noch lange nicht, dass schulisch schwächere Jugendliche im Berufsleben nicht auch erfolgreich sein können.

Genau. Sobald sie in ein praxisorientiertes Umfeld kommen, kann der Knopf plötzlich aufgehen. Viele Jugendliche leisten dann deutlich mehr, als sich ein Lehrmeister anhand der Noten vorstellen konnte. Eine gute Lehrlingsbetreuung kann dazu viel beitragen.

Unternehmen sind wählerisch geworden.

Ja. Sie nehmen lieber keinen Lehrling auf als einen, der nicht alle Kriterien erfüllt. Hauptkriterium bei der ersten Auswahlrunde ist oft die Leistung in den wichtigsten Schulfächern. Die entsprechenden Anforderungen der Unternehmen sind gestiegen.

Wird die Lehre also zunehmend akademisiert?

Der schulische Teil hat in der beruflichen Grundbildung an Bedeutung gewonnen, viele Berufsfelder sind intellektuell anspruchsvoller geworden. Unternehmen verlangen vertiefte Kenntnisse etwa in Mathematik, in den Sprachen oder in Bezug auf das Verständnis von Geschäftsabläufen.

Die Berufsbildung ist für Firmen zur Gratwanderung geworden?

Ja. Dies zwingt die verschiedenen Branchen dazu, immer wieder zu überprüfen, ob die schulischen Anforderungen angemessen sind. Wie viel macht die Schule aus? Wie viel überlassen wir den Betrieben? Auch sollten sie sich fragen, wie viel der Wissensvermittlung wirklich in der Grundbildung stattfinden muss und was nicht besser in die Weiterbildung verschoben wird.

Nehmen die schulischen Anforderungen an die Lehrlinge aber weiter zu, stirbt die Lehre aus.

Das ist schwer vorstellbar. Unternehmen müssen sich jedoch noch vermehrt daran gewöhnen, Lehrlinge aktiv anzuwerben, ihnen den Beruf schmackhaft zu machen und sie dann auch sorgfältig zu betreuen. Zudem könnten Firmen davon profitieren, wenn sie offener werden. Beispielsweise gegenüber Jugendlichen mit schlechteren schulischen Voraussetzungen, aber auch gegenüber Migranten. Genauso müssen männerdominierte Berufe für Frauen attraktiver gemacht werden. Das alles geht nicht ohne Anstrengungen.