«Arbeiter müssen Zeche zahlen»

Die Alstom-Mitarbeiter erhalten bald ein Prozent weniger Lohn: Diese scheint das nicht allzu gross zu stören, dafür protestieren die Gewerkschafter umso lautstarker.

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Aargauer Zeitung

Maja Sommerhalder

«Wir wehren uns gegen diesen Rentenklau», sagt Max Chopard-Acklin durch das Megafon gestern Mittag in Baden; Sirenen heulen; der Nationalrat und Leiter des Unia-Industrieteam Aargau/Zürich fährt fort: «Die Krise darf nicht auf Kosten der Arbeitnehmer ausgetragen werden. Wo sind die fetten Unternehmensgewinne der letzten Jahre geblieben?» Rund 50 rot gekleidete Menschen laufen hinter ihm her und zeigen ihre Transparente auf denen «Aktiv gegen die Krise» oder «ALSTO%M - Nein zum Rentenklau» steht. Die Trillerpfeifen sind unüberhörbar, einige Passanten halten sich die Ohren zu.

Die Demonstration gegen die Krise wird von der Gewerkschaft Unia organisiert. Schweizweit finden um die gleiche Uhrzeit 15 ähnliche Veranstaltungen statt. Die Badener Demonstranten haben viel vor, wie Chopard-Acklin erklärt: «Wir sind dagegen, dass die Alstom die Renten ihrer Mitarbeiter klaut.» Grund für den Ärger ist die Pensionskasse des Industriekonzerns: «Man hat sich verspekuliert und ist infolge der Finanzkrise in Unterdeckung geraten.» So hat der Stiftungsrat der Alstom-Pensionskasse beschlossen, dass den Angestellten als Sanierungsbeitrag ab dem 1. Juli ein Lohnprozent mehr abgezwackt wird. Zusätzlich wird eine Null-Prozent-Verzinsung in Betracht gezogen. Will heissen, dass die einbezahlten Pensionskassenbeiträge vielleicht nicht mehr verzinst werden.

«Wir müssen die Suppe auslöffeln»

«Das ist viel Geld für einige Mitarbeiter», so Chopard-Acklin. Alstom habe im letzten Jahr einen Rekordgewinn erzielt: «Sogar im Krisenjahr 2009 wächst die Firma: «Auf der Homepage kann man lesen, dass die Rentabilität im Jahr 2008/09 erneut gesteigert werden konnte.» Die Pensionskasse sollte mit diesen Gewinnen saniert werden: «Es kann nicht sein, dass jetzt die Arbeiter allein die Zeche zahlen müssen.»

Die lautstarke Truppe marschiert entschlossen zum Alstom-Hauptsitz. «Wir wollen da stehen, wo die Alstom-Manager sitzen. Es liegt an ihnen, über die Renten ihrer Angestellten zu entscheiden.» Vor dem Gebäude schwenken die Demonstranten ihre Fahnen. Nationalrat Chopard-Acklin nimmt in seiner kämpferischen Rede nicht nur die Alstom ins Visier, sondern auch die «Abzocker» und «Finanzjongleure»: «Sie haben uns eine gefährliche Wirtschaftskrise eingebrockt, Milliardenbeträge abgezügelt und verspektuliert. Und jetzt sollen wir die Suppe auslöffeln?» Zudem nimmt der Unia-Leiter den Staat in die Pflicht: «Es braucht ein Konjunkturprogramm, das seinen Namen auch verdient.» Vor allem dürfe man nicht bei den Sozialversicherungen abbauen: «So geht Kaufkraft verloren, die wir jetzt in der Krise dringend brauchen.»

Alstom-Mitarbeiter sind skeptisch

An diesem Mittag verabschieden die Demonstranten auch eine Resolution: Unter anderem fordert die Unia keine Massenentlassungen, eine berufliche Perspektive für die Jugend und eine Pensionskassenpolitik, die Arbeitsplätze und Wohlstand schafft. Während die Demonstranten applaudieren, beobachten einige Alstom-Mitarbeiter das Geschehen aus sicherer Entfernung. «Nein, keine Zeit», sagt ein Mann im Anzug, als die Reporterin mit ihm reden will. Dafür gibt ein Mitarbeiter Auskunft, der seinen Namen nicht nennen will: «Ich habe Verständnis für die Anliegen der Demonstranten, aber sie werden nicht viel ändern können.»

Der Verlust der Pensionskasse sei Fakt: Dass die Mitarbeiter bald ein Lohnprozent als Sanierungsbeitrag zahlen müssen, sei kaum ein Thema: «Man hat während der Kaffeepause kurz darüber diskutiert. Aber wenn ich ehrlich bin, ist es bei meinem Gehalt nicht so dramatisch.» Besorgter ist sein Kollege, der ebenfalls anonym bleiben möchte: «Ich bin auf der untersten Lohnstufe. Sicher werde ich den Abzug spüren.» Er begrüsst es, dass die Unia demonstriert. Trotzdem: «Sie können nicht viel bewegen. Schliesslich sind unsere Chefs nicht da.» Unia-Leiter Chopard-Acklin ist da anderer Meinung: «Ich bin sicher, dass unsere Botschaft bei den Alstom-Managern ankommen wird.» Überhaupt sei diese Demonstration erst der Anfang: «Wir bleiben dran. Am 19. September wird der nächste Aktionstag folgen.»