Coronavirus

Arbeiten bis zur Erschöpfung: Es sind harte Zeiten für das Pflegepersonal, trotzdem gibt es wenig Kündigungen

Pflegende am Lausanner Universitätsspital mit einem Covid-Patienten.

Pflegende am Lausanner Universitätsspital mit einem Covid-Patienten.

Die Fluktuation an Spitälern liegt auf oder unter dem Vorjahresniveau – doch langfristig droht ein Pflegenotstand.

Es sind harte Monate für die Pflegebranche, und es ist keine Entspannung in Sicht: Seit der ersten Welle in der Corona-Pandemie hatten Spitäler alle Hände voll zu tun. Das Pflegepersonal schuftet bis zur Erschöpfung, Ärztinnen schieben täglich Überstunden. Dass das Personal in der Krise die Treue hält, zeigt nun auch eine Umfrage von CH Media bei Schweizer Spitälern. So hat bei vielen die Fluktuation im Schnitt gegenüber den Vorjahren abgenommen oder blieb gleich. Eine Kündigungswelle, die man angesichts der Überbelastung hätte vermuten können, hat sich nicht bestätigt.

Am Luzerner Kantonsspital herrsche eine Tendenz zu weniger Kündigungen, gleiches meldet das Basler Universitätsspital. Auch das Universitätsspital Zürich schreibt, sowohl die Fluktuation als auch die Absenzen seien seit März gesunken. Man sei noch nicht an der Kapazitätsgrenze, Ausfälle könne man auffangen. Bei den Spitälern in Schaffhausen und Zug ist die Lage gegenüber dem Vorjahr unverändert.

«Ein bisschen Klatschen und ein Dankesmail reicht da einfach nicht mehr»

Hört man sich jedoch intern an den grossen Spitälern um, klingt es nochmals anders: Pflegende und Ärzte, die anonym bleiben wollen, berichten zwar von grossem Zusammenhalt innerhalb der Belegschaft, aber auch von einer generellen Müdigkeit. Es habe Abgänge aufgrund der letzten Monate gegeben, «weil sich die Situation, Corona hin oder her, einfach nicht verbessert». Man habe nach der ersten Welle keine wirkliche Wertschätzung von der Spitalleitung erfahren, «und ein bisschen Klatschen und ein Dankesmail reicht da einfach nicht mehr».

Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK, kämpft mit anderen Pflegenden schon seit Jahren für mehr Wertschätzung, bessere Arbeitsbedingungen und generelle Entlastung im Gesundheitssystem. Sie sagt: «Die Situation ist eine tickende Zeitbombe.» Auch der Verband H+ der Schweizer Spitäler sagt auf Anfrage, mit Personalmangel sei man sowieso schon lange konfrontiert. Die aktuelle Krise sei keine Frage der aktuellen Betten, sondern des Personals, das fehle. Der Verband SBK rechnet mit 65.000 Pflegenden, die bis 2030 in der Schweiz fehlen. Besonders betroffen vom Personalmangel werde vor allem die Langzeitpflege sein.

Bund hätte nationales Register schaffen müssen

Beim Verband H+ kenne man zwar die Anzahl Betten, «wir wissen aber nicht, wie viel Personal an welchem Standort zur Verfügung steht», sagt Mediensprecherin Dorit Djelid. Man habe bereits während der ersten Welle im März den Bund um eine nationale Übersicht gebeten, um das Personal im Katastrophenfall schneller und einfacher dort einzusetzen, wo es gerade am dringendsten gebraucht wird. Doch bisher sei nichts geschehen. «Das Epidemiengesetz würde eine solche Plattform vorschreiben», sagt Djelid, «wir sind jetzt dabei, das ohne den Bund auf die Beine zu stellen». Denn: «Wir haben schlicht keine Ahnung, wie viel Personal gesamtschweizerisch zur Verfügung steht.» Eine gesamtschweizerische Sicht sei von Vorteil, weil damit die Regionen, die noch nicht so stark betroffen sind, aushelfen könnten.

Meistgesehen

Artboard 1