Reportage

Appenzell Innerrhoden: Das Bauern- und Sennenreservat erlebt ein Wirtschaftswunder

Einst ein Bauern- und Sennen-Reservat, in Ausserrhoden Sioux-City genannt, boomt der kleinste Kanton der Schweiz. Tiefe Steuern, Investitionsstau, Touristenströme und innovative Unternehmer zeugen vom Wirtschaftswunder.

Kühe, Käse, Kirche – die heiligen drei «K», Jahrzehnte der Pulsschlag von Appenzell Innerrhoden. Und sonst? Reisecars mit deutschen und Schweizer Kennzeichen, die am Morgen ihre Ladung auf dem Landsgemeindeplatz ausspucken und am Abend wieder einsaugen. Natürlich die Landsgemeinde. Der Alpstein. Und ziemlich viele Klischees: vom Kleingewachsenen über den Suizidgefährdeten, den Humorvollen, den Frommen bis zum Hokuspokus-Heiler. Ein Kanton als Ballenberg. Als Reminiszenz auch an eine vorindustrielle Schweiz. Für die Einheimischen war das nicht immer lustig. Wer konnte, der ging.

Witze aus dem Appenzellerland

Witze aus dem Appenzellerland

Kinder und Jugendliche erzählen Witze aus dem Appenzellerland. Für Lacher ist gesorgt!

Und heute? Die nächste Autobahn ist immer noch mindestens 25 Fahrminuten entfernt. Zürich für die knapp 16 000 Innerrhoder mit dem öV schnellstens in 1 Stunde und 49 Minuten erreicht. Der vermeintliche Standortnachteil ist aber heute ein Vorteil. Das einstige Armenhaus der Schweiz hat kein Problem mehr mit der Abwanderung, die Zahl der Arbeitsstellen wurde massiv erhöht, die Steuern wurden gesenkt, vermögende Menschen ziehen zu, die Arbeitslosenquote ist mit 1 Prozent marginal und der Säckelmeister (der Vorsteher des Finanzdepartements) freut sich über 122 Millionen Franken Eigenkapital.

Doch bei aller Herrlichkeit gibt es auch die Mahner. Sie sehen die dunklen Wolken in Form von Briefkastenfirmen, Pauschalbesteuerung, eines überhitzten Immobilienmarkts und zu vielen Touristen im Äscher. Sie schreien nicht, sondern murmeln: Bei allem Kommerz, allen Verlockungen haltet Sorge zu unseren Werten, der Natur und den Traditionen und schaut, dass wir kein zweiter Kanton Zug werden.

Und wir hier draussen? Wir drehen kräftig am Rad. Trinken Bier, Mineralwasser, Flauder und Alpenbitter aus Appenzell, essen den Käse und den Biber. Wir lesen auf irgendeiner Etikette «Appenzell» und das Gewissen flüstert: gesund, natürlich, unverfälscht, greif zu! Swissness in seiner reinsten Form. «Es gelingt uns von innen, also aus tiefster Überzeugung, erstklassige Produkte in Einklang mit einer erfolgreichen Marketingstrategie zu bringen», sagt Gabriela Manser, die Chefin der Goba Mineralquelle.

Aussteiger: Stephan Guggebühl, pensionierter Pfarrer.

Aussteiger: Stephan Guggebühl, pensionierter Pfarrer.

Dort, wo sie früher als «Goof» herumtollte, ist heute ihr Büro. Die KV-Lehre hat sie noch im elterlichen Betrieb gemacht. Aber auch dann musste sie raus aus dem Land, der Familie, dem Beruf. Die Reise ging nicht weit. Erst nach Amriswil, dann nach Schwellbrunn in Ausserrhoden, später nach St. Gallen. Aber immerhin. Sie gewann Distanz. Auch beruflich. Manser arbeitete als Kindergärtnerin. 17 Jahre lang. Bis sie 1999 wieder kam. Im Familienbetrieb hatte sich nicht viel getan. Goba füllte jährlich mit acht Mitarbeitern nur zwei Millionen Flaschen ab.

Manser entstaubte. Experimentierte, nutzte den Freiraum, spielte mit Tradition und Moderne. Goba beschäftigt heute 60 Mitarbeiter, die 18 Millionen Flaschen produzieren. Abgefüllt nicht nur mit Mineralwasser und Kräutern, sondern auch mit Emotionen. Oder mit der Sehnsucht nach etwas, von dem man hofft, dass es das noch gibt – ein Stück heile Welt.

«Wenn Geschäften nur Geld verdienen bedeutet, wäre es für mich nicht spannend», sagt Manser. «Unsere Flaschen sind zwar eine Fantasiewelt, aber da steckt ganz viel Authentizität drin. Und je weiter wir mit dem Namen Appenzell ausstrahlen, desto grösser ist der Impact für den ganzen Kanton. Davon profitiert auch eine Bergbeiz im Alpstein. Und weil man sich dessen in Appenzell bewusst ist, arbeiten alle so gut zusammen. Das hat Tradition. Denn im Gesamtkontext immer nur Bittsteller zu sein, ist nicht lustig, aber es schweisst zusammen.»

Köbi und Jock - Der Staubsaugervertreter

Köbi und Jock - Der Staubsaugervertreter

Eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie Gabriela Manser schreibt Karl Locher. Als 1992 das Kartell aufgehoben wurde, beschäftigte die Brauerei Locher zehn Mitarbeiter. Und bis zum weitestentfernten Kunden waren es gerade mal 13 Kilometer. Das Label wurde auf «Appenzeller Bier» geändert. Locher beschäftigt mittlerweile über 100 Mitarbeiter. Und liefert bis nach China oder in die USA. Und das Rezept dieses Wachstums? «Als kleine Brauerei aus einer abgelegenen Gegend tauchten wir nicht auf dem Radar der Grossen auf. Und dann natürlich Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit.»

Der schönste Ort der Welt

Szenenwechsel. Wir treffen einen «Konvertit». Markus Walt, aufgewachsen im ausserrhodischen Herisau, später wohnhaft im hippen Kreis 4 in Zürich, heute Wirtschaftsförderer in Innerrhoden. «Der Kanton hat sich geöffnet», sagt Walt. «Denn man hat realisiert, dass in Innerrhoden nicht alle Bauer oder Schreiner werden wollen.» Er spricht von einem guten Mix an Firmen, die ein breites Spektrum an Arbeitsplätzen bieten. Die Abwanderung wird gestoppt und zur Arbeit pendeln vermehrt Menschen von Aussen nach Innen. 2001 zählte Innerrhoden 6657 Beschäftigte. 2014 bereits 8795.

Aufsteigerin: Gabriela Manser, Chefin der Goba Mineralquelle.

Aufsteigerin: Gabriela Manser, Chefin der Goba Mineralquelle.

Wie erwähnt: Walt ist «Konvertit» und deshalb sogar noch feuriger als ein «Ösrige». Er zählt auf: Der Äscher, diese spektakuläre Bergbeiz unterhalb der Ebenalp, quasi mit dem Fels verschmolzen, letztes Jahr von «National Geographic» zum schönsten Ort der Welt gekürt, sei auch eine gesteuerte Erfolgsgeschichte. «Klar, die Sache mit National Geographic war ein Glücksfall. Aber gesteuert ist der Erfolg, weil der Äscher sich nie verbogen hat. Nie einem Trend hinterhergerannt ist. Es gibt und gab immer Rösti und keinen Thai-Food.»

Oder der Alpauf- und Alpabzug. «Die Bauern wollen und brauchen das. Man bezahlt ihnen kein Geld, damit sie in Appenzell durch die Gassen gehen.» Oder Hof Weissbad, das Wellness-Hotel. «150 Mitarbeiter, grösster Arbeitgeber im Kanton, gegen 95 Prozent Auslastung, internationales Renommee», sagt Walt. Schweizweit ist Innerrhoden auf Position zwei geklettert betreffend Wichtigkeit der Wertschöpfung aus dem Tourismus. Weil die Touristen vermehrt aus Amerika und Asien kommen, sind die Übernachtungszahlen markant gestiegen, gibts die Speisekarte im Äscher in Englisch und haben die Mitarbeiter der Ebenalp-Bahn einen Englischkurs absolviert.

Köbi und Jock - Spiegel Spiegel an der Wand

Köbi und Jock - Spiegel Spiegel an der Wand

Und was ist mit little Zug? Walt sagt: «Wir sind froh über die Pauschalbesteuerung. Aber das betrifft nur eine überschaubare Zahl an Personen. Jene, die deswegen zu uns ziehen, kommen nicht mit Dienerschaft und Rolls-Royce. Sie kommen hierher, um ihre Ruhe zu haben. Aber wir sind weit davon entfernt, ein zweites Zug zu werden» Und die Briefkästen? «Die bringen nicht viel Steuern ein.» Und das Geschäft mit den Autovermietern und den Kennzeichen? «Unser Strassenverkehrsamt ist sehr speditiv. Doch das Geschäft ist nicht mehr so lukrativ wie auch schon, weil ein Teil der Einnahmen an jenen Kanton zurückfliesst, wo das jeweilige Auto stationiert ist.»

Also alles gut im Staate AI? «Eigentlich schon», sagt Walt. «Die Sparsamkeit ist weit verbreitet. Wir sind nicht grössenwahnsinnig, bleiben uns treu. Denn unsere Ressourcen sind beschränkt. Aber wir müssen dranbleiben. Sonst zieht immer wieder ein Teil der Bevölkerung weg.»

Einsteiger: Markus Walt, Wirtschaftsprüfer aus Ausserrhoden

Einsteiger: Markus Walt, Wirtschaftsprüfer aus Ausserrhoden

Der Pfarrer und die Haushälterin

Einer, der wie Walt zugezogen ist, ist Stephan Guggenbühl. Bis zu seiner Pensionierung wohnte er noch im prächtigen Pfarrhaus mit einem Saal für 30 Personen und Sichtkontakt ins Regierungsgebäude, neben der noch prächtigeren Pfarrkirche. Guggenbühl kam 1998 vom Gymnasium in Sargans nach Appenzell, aber nicht mit dem Selbstverständnis seiner einheimischen Vorgänger, die sich in der gesellschaftlichen Rangordnung gleich hinter dem Landammann einreihten. In Appenzell wird ein pfarrherrliches Auftreten als Standespfarrer nach alter Schule erwartet. Doch Guggenbühl spazierte mit seiner Haushälterin durchs Dorf und sorgte allein damit für Tratsch.

Trotzdem arrangierte man sich mit Guggenbühl. Auch mit seinen teilweise politisch gefärbten Predigten. Gut, Carlo Schmid (Landammann von 1984 bis 2013 und 27 Jahre für die CVP im Ständerat) verabreichte ihm hin und wieder einen Denkzettel. «Wer die Bibel liest und versteht, der kann nicht anders als Links denken und handeln», sagt Guggenbühl. Später hat man Guggenbühl und seine Art respektiert. Selbst Schmid hat ihm nach einem Landsgemeinde-Gottesdienst gönnerhaft auf die Schultern geklopft: «Gut gemacht.»

Heute wohnt er in einem älteren Einfamilienhaus am Dorfrand mit ungetrübtem Blick auf den Hohen Kasten und die Alp Sigel. Ein Ferienhaus, sagt Guggebühl, aber doch nur zweit- oder drittbeste Lage, weil nicht immer besonnt.

Wer in Innerrhoden eine Versammlung einer öffentlichen Körperschaft leitet, stellt diese einleitend unter den Machtschutz Gottes. «Man macht es einfach», sagt Guggenbühl. Es ist dieses unverkrampfte Miteinander von religiösen und weltlichen Grundhaltungen, das ihn noch heute beeindruckt. Und wenn die Harley-Typen einmal im Jahr rufen, eine neue Alphütte oder ein neues Wasserreservoir der Goba gesegnet werden soll, macht Guggenbühl auch heute noch seinen Job. «Die Volksfrömmigkeit ist hier weit verbreitet», sagt Guggenbühl. «Und die Jungen gehen am Samstag an die Street Parade und am Sonntag zur Stobete. Die leben völlig unverkrampft in zwei Welten. Auch das ist ein Teil des Erfolgs dieses Kantons. Man ist traditionell konservativ, aber nicht stur.»

Frauenstimmrecht zum Glück

Der Nachfolger von Landammann Schmid ist der parteilose Roland Inauen. Nach zwölf Jahren in der Fremde, einem Studium der Volkskunde und einem Assistentenjob an der Uni Basel kehrte er 1992 als Konservator des Museums Appenzell zurück. Was war, als Sie gingen, und was war, als Sie wiederkamen? «Innerrhoden war erzkonservativ, ein in sich ruhender Kanton. Zurückgekehrt bin ich in einen Kanton, wo in extrem hohem Tempo Reformen vorangetrieben wurden.» Ausschlaggebend dafür war die Einführung des Frauenstimmrechts.

Am 27. November 1990 gab das Bundesgericht einer Klage von Frauen Recht und bestätigte damit die Verfassungswidrigkeit der Innerrhoder Kantonsverfassung. «1991 war eine Zeitenwende», sagt Inauen. «Die Frage des Frauenstimmrechts hätte der Kanton alleine nie lösen können. Mit dem Bundesgerichtsentscheid ist ein Damm gebrochen. Man konnte den Kanton neu ordnen. Die Regierung wurde verkleinert, Gerichte wurden neu organisiert. Kaum ein Stein blieb auf dem andern. Im Rückblick wurde erkannt, wie blockiert das politische Leben früher war. Ausserdem war klar: Wenn wir als Kanton überleben wollen, müssen wir finanziell unabhängiger werden.»

Köbi und Jock - Zwei alte in der Migros

Köbi und Jock - Zwei alte in der Migros

Quo vadis, Appenzell? Weiter wachsen? «Muss man denn immer wachsen?», fragt Inauen. «Noch sind wir Nehmerkanton. Unser Ziel ist die neutrale Zone im Finanzausgleich. Und sonst? Allein das Raumplanungsgesetz engt uns ein. Denn es fehlt an Boden für das Gewerbe. Und Sorgen bereitet mir die Harmonisierung des Bildungssystems. Insbesondere die Sprachenfrage.» Innerrhoden hat als erster Kanton der Schweiz Frühfranzösisch durch Frühenglisch ersetzt.

Mit erstaunlichen Resultaten «Die Französisch-Kenntnisse unserer Schüler wurden nicht schlechter, auch wenn sie erst später unterrichtet wurden», sagt Inauen. Massiven Druck aus Bern spürt der Landammann in dieser Frage. Das kommt in Innerrhoden traditionell nicht gut an. Dort pocht man auf die Bildungshoheit der Kantone und probt nun zusammen mit anderen Kantonen den Aufstand.

Die Hauptgasse von Appenzell.

Die Hauptgasse von Appenzell.

Szenenwechsel. An der Hauptgasse, über einer der vielen Gaststätten, hat sich Bruno Koster mit seinem Treuhandbüro eingemietet. «Uns geht es nicht schlecht», sagt der Kunstturn-Olympionike von 1992 mit einem schelmischen Lächeln. «Allein die Marke Appenzell ist ein unsägliches Glück. Aber wir müssen Obacht geben, dass wir dem Kommerz nicht alles unterordnen.» Wie bitte? Müsste nicht der Treuhänder alle Knöpfe der Optimierung drücken? «Ich bin Innerrhoder. Erst an zweiter Stelle Treuhänder. Ich optimiere schon. Schliesslich soll man heuen, wenn Heuwetter ist. Aber schauen Sie sich doch um – paradiesisch. Das setzen wir nicht aufs Spiel. Wir geschäften mit Herz. Ausserdem sind wir es gewohnt, jeden Franken zweimal umzudrehen, ehe wir ihn ausgeben.»

Köbi und Jock - Jock im Militär

Köbi und Jock - Jock im Militär

Landammann Inauen kann nur zustimmen. «Die Verwaltung soll möglichst wenig, die Regierung noch weniger kosten.» Weshalb die sieben Regierungsräte Milizionäre sind. Und wenn ein neues Hallenbad gebaut werden soll, dann stimmt das Volk nur zu, wenn der Wellness-Schnickschnack aus dem Projekt gestrichen wird. «Gesund klein bleiben gehört auch zu uns», sagt Gabriela Manser.

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