Hochseeflotte

Anwalt des Pleite-Reeders packt aus: «Aber ein Betrüger ist er nicht»

Eines der Schiffe, das der Bund mit Verlust verkaufte: Im Frachter «Anita» steckten 17,8 Bundesmillionen.ho

Eines der Schiffe, das der Bund mit Verlust verkaufte: Im Frachter «Anita» steckten 17,8 Bundesmillionen.ho

Michael Ueltschi ist Firmenanwalt von Pleite-Reeder Hansjürg Grunder, der den Bund 215 Millionen kostet. Laut Ueltschi gab es Pech und Fehler, aber keinen Betrug. Er. erklärt, wie es aus seiner Sicht zum Debakel kam

Michael Ueltschi hat, immerhin, eine halbwegs gute Nachricht: «Soweit mir bekannt ist, wird das Budget nicht überschritten, wir sollten unter den 215 Millionen liegen».

Ueltschi (62) ist Rechtsanwalt in Bern und Gstaad. Und er ist der Firmenanwalt der Schiffsgesellschaften von Pleite-Reeder Hansjürg Grunder, dessen zwölf Hochseeschiffe den Bund bis zu 215 Millionen Franken kosten. Zusammen mit dem Bund ist Ueltschi mit den Notverkäufen und der Liquidation von Grunders SCL-Gruppe beschäftigt.

Die Konstellation ist pikant. Ueltschi war bei der Militärjustiz. Am gleichen Divisionsgericht, an dem Michael Eichmann amtierte. Eichmann ist der Ex-Chefbeamte, der beim Bund jahrzehntelang für Schiffsbürgschaften zuständig war. Und der sich nun wie sein Freund Grunder im Visier von Bundesanwaltschaft und Parlamentsgremien wiederfindet. Verdacht: Bei den Bürgschaften lief nicht alles korrekt.

«Gravierende Fehler» passiert

Kam Ueltschi über Eichmann an das Hochsee-Mandat? Ueltschi dementiert: «Angefragt wurde ich von Grunder, den ich zuvor nicht kannte. Ich wusste damals nicht, dass Eichmann etwas mit den Schiffen zu tun hatte.» Er kenne Eichmann gut, aber nur aus dem Militär. «Für Eichmann lege ich die Hand ins Feuer. Von der Militärjustiz her kenne ich ihn als sehr korrekt, sehr genau, sehr gerecht.» Er könne sich nicht vorstellen, «dass Eichmann etwas Illegales machte». Ueltschi glaubt: An Eichmann bleibe strafrechtlich nichts hängen.

Michael Ueltschi ist seit 2015 für Grunder tätig. Da wollte der Bund die miserable Finanzlage des Reeders nicht länger hinnehmen. «Der Bund wollte liquidieren. Grunder hoffte auf eine Sanierungslösung, aber ich musste bald einsehen, dass das nicht mehr mach- bar war.» Geht es nach Ueltschi, ist der Hauptgrund des Millionendebakels die internationale Schifffahrtskrise, die seit zehn Jahren andauert. Aber er sagt auch, dass vor Jahren im Krisen- Management «gravierende Fehler» gemacht wurden, die den Bund jetzt teuer zu stehen kommen.

Rückblende: Hansjürg Grunder, gelernter Kaufmann, stieg Ende der 90er- Jahre ins Reedereigeschäft. 1998 liess er in Kooperation mit Engländern die ersten vier Schiffe bauen. Es folgten weitere Schiffe, die meisten wurden mit Bundesbürgschaften finanziert. Einige liess Grunder als Vermittler bauen, er spekulierte auf die Gewinne beim Verkauf, was aber nicht immer klappte.

Fatale Bankgarantie

Vor allem 2009 nicht, als laut Ueltschi das ganze Elend begann. Damals blieb Vermittler Grunder laut Ueltschi auf drei Schiffen sitzen, weil der ausländische Käufer sie nicht mehr wollte. Grunder hatte das Geld nicht, die Schiffe zu bezahlen. «Aber er hatte mit der ganzen SCL-Gruppe eine Bankgarantie geleistet». Damit sass auch der Bund in der Falle. «Schon damals drohte das Horrorszenario: ein unkontrollierter Konkurs», sagt Ueltschi. Das «Grounding» aller Schiffe drohte: «Ein Heer von Klagen in verschiedenen Ländern, mit Millionenfolgen für den Bund.»

Michael Eichmann habe «konkrete Vorschläge machen müssen», um den Untergang zu verhindern. So wurden die Amortisationen für vom Bund verbürgte Schiffe gestundet, sagt Ueltschi. Diese Entscheide seien von Eichmanns Vorgesetzten gedeckt worden. Danach gewährte der Bund dem Reeder immer wieder Aufschub bei Amortisationen. Ein Teufelskreis. Doch man spekulierte darauf, dass der Markt wieder anziehen würde. Dann hätte sich das Problem womöglich von selbst erledigt. Michael Ueltschi: «Wenn die Preise gut waren, haben die Reeder sehr gut verdient.»

Und er nimmt auch Reeder Grunder in Schutz: «Grunder hat nicht immer die richtigen Entscheide getroffen, das steht fest. Er ist manchmal arglos, er glaubt immer ans Positive. Aber ein Betrüger ist er nicht.» Im Gegenteil, so Ueltschi, sei Grunder selbst betrogen worden. Von einem «komischen Investor aus Estland, der ankündigte, er bringe Millionen». Aber heute drohe Grunder aus diesem Deal eine halbe Million zu verlieren.

Vermögen ist weg

Es steht Betrugsverdacht im Raum. Ueltschi, der Einblick in die Akten der Pleite-Schiffe hat, sagt: «Aufgrund von dem, was ich gesehen habe, trifft es nicht zu, dass mit den Schiffbürgschaften betrogen wurde.» Aber er räumt ein, dass er nicht alle Fakten und Facetten des Falles kenne.

Nun stehe Grunder vor dem Nichts, so Ueltschi. Er habe kein Vermögen mehr. Die Liegenschaften seiner Frau seien hoch belehnt. «Ich habe mich selbst überzeugt, dass er zwischen 2010 und 2015 Millionen aus seinem Privatvermögen in die SCL pumpte.»

Aber Hansjürg Grunder will im Geschäft bleiben. «Darum hat er auch den Firmen-Mantel, den er noch hatte, in Helvetia Shipping umfirmieren lassen. Er sagte, er könne sich keinen neuen Mantel leisten», sagt Firmenanwalt Michael Ueltschi. «Aber die Zeit von Grunder als Reeder ist vorbei. Ich habe ihm gesagt, er soll sich auf Vermittlung spezialisieren, mehr liegt nicht drin.»

Die Liquidation der Grunder-Flotte ist bald beendet. «Als Firmenanwalt versuchte ich in Zusammenarbeit mit dem Bund, beim Verkauf der Schiffe die besten Preise herauszuholen», sagt Michael Ueltschi. Das sei mit dem Verkauf der Schiffe an den Kanada-Libanesen Talal Hallak «einigermassen gelungen». Die Bundesbehörden hätten dabei gute Arbeit geleistet, sagt Ueltschi. Sonst wäre der Schaden womöglich noch grösser als «nur» 215 Millionen Franken.

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