Zwangsheirat

Anu Sivaganesan, die Befreierin der Mädchen

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Bei der Fachstelle Zwangsheirat herrscht Hochbetrieb. Wie jeden Sommer. Denn immer wieder nutzen Eltern mit Migrationshintergrund die langen Ferien, um ihre Kinder im Herkunftsland unter die Haube zu bringen.

Die Fachstelle unterstützt Betroffene. Sie versucht, wenn bereits vor der Abreise ein Verdacht besteht, eine Ausreise zu verhindern. Oder Betroffene nach einer Heirat wider Willen in die Schweiz zurückzuholen und hier die Ehe für ungültig zu erklären oder aufzulösen.

In den Medien präsent ist jeweils Anu Sivaganesan, die Präsidentin der Fachstelle. «Juristin, Menschenrechtlerin und Kosmopolitin», nennt sich die 31-Jährige selbst. Die weiteren Mitarbeitenden bleiben aus Sicherheitsgründen anonym.

Sivaganesan spricht ruhig und überlegt. Doch sobald sie auf das Thema Menschenrechte zu sprechen kommt, wird sie energisch. «Es ist doch ein Menschenrecht zu entscheiden, wen ich lieben und heiraten will», sagt sie.

Dass dies nicht selbstverständlich ist, erfuhr sie zum ersten Mal während ihrer Zeit am Gymnasium in Zug. Eine gute Schulfreundin wurde in den Ferien in ihrem Heimatland zwangsverheiratet. Und es blieb nicht beim Einzelfall. Sivaganesan erlebte mit, wie in ihrem Freundeskreis Personen bei der Partnerwahl eingeschränkt oder gar zur Ehe gezwungen wurden.

Vor Bürgerkrieg geflohen

Gemeinsam mit Gleichgesinnten entschied Sivaganesan, etwas dagegen zu unternehmen. Sie war ein Teenager, gerade einmal 14 Jahre alt, als die Organisation zwangsheirat.ch im Jahr 2001 ihre Arbeit aufnahm.

Damals wollte man vor allem sensibilisieren und informieren. Denn in der Schweiz waren Zwangsheiraten bis dato kein Thema. Gewisse Kreise versuchten, das Thema herunterzuspielen, das sei bei manchen Nationalitäten nun einmal Teil der Kultur, hiess es. Vonseiten des Bundes legte man der Fachstelle nahe, doch lieber von «Heiratspraktiken unter Migrantinnen und Migranten» zu sprechen.

«Das ist sehr relativierend. Wir mussten klarstellen, dass es um Menschenrechtsverletzungen geht», sagt Anu Sivaganesan.

Ihr Engagement bereits in jungen Jahren betrachtet Sivaganesan, wie so vieles, was sie leistet, als selbstverständlich. Sie ist in Sri Lanka aufgewachsen. Als sie zwei Jahre alt war, flohen erst ihr Vater und später ihr sechs Jahre älterer Bruder vor dem Bürgerkrieg in die Schweiz. Jahrelang hatten sie nur telefonisch Kontakt, erst zehn Jahre später konnten Anu Sivaganesan und ihre Mutter über den Familiennachzug ebenfalls in die Schweiz kommen.

Sivaganesan erlebte «neben dem Temperatur- auch einen Bildungssturz», wie sie sagt. Statt in die 8. Klasse wie in Sri Lanka, wo sie Bestnoten gehabt hatte, musste die damals Zwölfjährige erst einmal in der Kleinklasse Deutsch die Schulbank drücken und danach in der 6. Primarklasse einsteigen.

Doch Sivaganesan fand sich schnell zurecht und lobt die Unterstützung, die sie erhalten habe. Schon bald nahm ihr Bruder die kleine Schwester auch mit zu Veranstaltungen gegen Rassismus und für Integration.

Das Feuer sprang schnell über. Während Rupan Sivaganesan in die Politik einstieg und für die Linke im Zuger Gemeinde- und Kantonsrat Einsitz nahm, wurde Anu Sivaganesan in verschiedenen Vereinen im Bereich Integration und Menschenrechte aktiv. Mit 17 Jahren wurde sie jüngstes Mitglied der Zuger Integrationskommission.

Heirat aus Liebe

Zu Hause sorgt das Engagement der Geschwister auch mal für Diskussionen, etwa wenn die beiden gegen das in Sri Lanka verbreitete Kastensystem anredeten. «Unsere Eltern sind nicht besonders liberal. Aber sie sind sehr offen, wie wir unser Leben gestalten», sagt Anu Sivaganesan.

Das hat wohl auch mit ihrer persönlichen Lebensgeschichte zu tun. In Sri Lanka, wo Ehen im Normalfall von den Eltern arrangiert werden, haben sie aus Liebe geheiratet. «Meine Mutter musste stark darum kämpfen», sagt Sivaganesan.

Sie selbst kämpft vor allem für andere. Auch wenn am Wochenende oder während der Ferien das Telefon klingelt, sind sie und ihre Mitarbeitenden zur Stelle. «Zwangsheiraten finden nun einmal nicht zu Bürozeiten statt», meint sie dazu nur.

Neben der ehrenamtlichen Tätigkeit bei der Fachstelle Zwangsheirat arbeitet Sivaganesan zu 60 Prozent an der Universität Zürich, wo sie für ihre Doktorarbeit zum Thema Zwangsheirat eine Mehrländerstudie durchführt.

Seit dem Beginn der Fachstelle Zwangsheirat hat sich einiges verbessert in der Schweiz. Das Thema ist in der Öffentlichkeit präsent. Seit Juli 2013 ist Zwangsheirat explizit unter Strafe gestellt. 2009 startete der Bund ein Programm gegen Zwangsheirat.

Anu Sivaganesan hofft, dass sich die Arbeit der Fachstelle irgendwann ganz erübrigt, weil es schlicht keine Nachfrage mehr gibt danach. Zurücklehnen würde sie sich aber selbst dann nicht. «Ich bin Teil dieser Gesellschaft und spüre dafür eine Verantwortung. Bis zum letzten Atemzug, wenn ich dann noch klar denken kann, werde ich mich für die Menschenrechte einsetzen.»

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