Christoph Blocher tritt nach 35 Jahren von der Bundeshausbühne ab. Für diese lange Zeit gebührt ihm - egal, ob man ihn nun liebt oder hasst - Respekt. Kein Politiker hat in der jüngsten Geschichte der Schweiz die Szenerie zwischen Wandelhalle, Nationalratssaal und Bundesratszimmer derart geprägt wie der Milliardär aus Herrliberg.

Kein Politiker hat das Land so polarisiert und die Massen gleichzeitig elektrisiert wie er. Noch heute garantiert Blocher volle Säle. Selbst populäre Bundesräte schaffen das nur in seltenen Fällen. Doch genug der Würdigung. Christoph Blocher tritt nur aus dem Parlament zurück. Der Politik bleibt er erhalten. Und wie!

Sein Abgang ist gewiss überraschend. Nachdem er 2011 - vier Jahre nach der Abwahl aus dem Bundesrat - nochmals angetreten ist, um es allen zu zeigen, hätte man fast etwas mehr Sitzleder erwartet. Doch wer in Blocher einen klassischen Sesselkleber vermutete, irrt.

Das Parlament ist ihm suspekt. Parlamentarierkollegen, die sich rastlos um Selbstinszenierung bemühen, verachtet er. Anbiederung hat er nicht (mehr) nötig, stundenlange Detailberatungen in trockenen Kommissionssitzungen öden ihn an. Seine Show findet draussen vor dem Volk statt. «Ich verplempere im Nationalrat meine Zeit», sagt er entwaffnend offen.

Die Worte klingen wie Hohn in den Ohren der grossen Mehrheit der 246 Bundespolitiker, die sich vor nichts anderem so sehr fürchten wie vor der eigenen Abwahl. Blocher macht sich über die «Classe politique» lustig, die in seinen Augen nichts anderes sucht, als einen Hauch Glanz und Glamour auf der nationalen Bühne.

Dass dieser Spott antidemokratische Züge aufweist, kümmert ihn nicht. Es ist seine Abrechnung mit jenem Gremium, das ihn vor sieben Jahren aus der Landesregierung vertrieben hat.

Blochers Rücktritt ist vor allem der Aufgalopp zu seiner letzten Schlacht. Im Oktober 74-jährig, bündelt der Tribun die Kräfte. Bereits in der Kampagne für die Masseneinwanderungsinitiative hat er sich nicht mehr so verausgabt wie weiland beim EWR, als er am Rande des Zusammenbruchs stand.

«Reculer pour mieux sauter», sagen die Romands. Blocher weicht nur zurück, um besser zu springen. Das sollte allen, die für ein offenes, liberales Land einstehen, eine Warnung sein. Der 9. Februar war Blochers grosser Sieg. Die bösen Ausländer waren - einmal mehr - Mittel zum Zweck. Der vermeintliche Dichtestress und die vollen Züge lassen ihn gleichgültig. Ihm geht es um das grundsätzliche Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union. Die faktische Teilintegration unseres Landes in Europa soll rückgängig gemacht, die bilateralen Verträge sollen zerstört werden. Das ist sein Lebensziel.

Die liberalsozialen Kräfte im Land tun gut daran, Blocher nicht ein weiteres Mal zu unterschätzen. Die Gefahr, dass es zum Bruch mit Europa kommt, ist real.

Aussenminister Didier Burkhalter hat eine unglaublich schwierige Aufgabe, nun mit der EU ein Gesamtpaket auszuhandeln, das innenpolitisch mehrheitsfähig ist. Nach dem 9. Februar ist es Brüssel nicht um Geschenke zumute. Doch Burkhalter braucht ein paar Zückerchen, um die grosse Europa-Abstimmung in zwei, drei Jahren gewinnen zu können.

Blocher ist bereit. Seine Abrechnung ist noch nicht zu Ende.