Reportage
Angst sieht anders aus – Genf feiert trotz Terrorwarnung

Die internationalste Stadt der Schweiz rückt in den Fokus des Terrorismus – die Bevölkerung nimmts jedoch gelassen. Als Unbeteiligter bemerkt man von dem erhöhten Sicherheitsdispositiv kaum etwas. Ein Augenschein.

Antonio Fumagalli
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Polizisten vor dem französischen Konsulat.

Polizisten vor dem französischen Konsulat.

Keystone

Plötzlich kommt Aufregung auf. Die Leute drängen nach vorne, aber dort geht es nicht weiter. Die Polizei hat ein Absperrband gespannt, quer durch das Abflugterminal des Flughafens Genf. Hat das mit den Terrorwarnungen, welche die Calvinstadt seit Donnerstag in Atem halten, zu tun? Die Ratlosigkeit ist gross, vielleicht auch die Angst.

Da tritt ein Polizist, blaue Uniform, gelierte Haare, nach vorne und wird sofort belagert. Er erklärt: Man habe im oberen Stockwerk einen herrenlosen Koffer entdeckt, den man nun prüfen müsse. Später wird Entwarnung gegeben.

Die Szene ist symptomatisch für den Tag, an dem an jedem Kiosk in grossen Lettern steht: «Genève sous la menace terroriste».

Die internationalste aller Schweizer Städte rückt jetzt also auch in den Fokus des internationalen Terrorismus. Aufgrund von Hinweisen, die mutmasslich vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA stammen, haben die Genfer Sicherheitskräfte am Donnerstag die Alarmstufe erhöht. Sie suchen nach Terrorverdächtigen. Wie viele es sind und ob Verhaftungen oder Hausdurchsungen stattgefunden haben, wollte die Staatsanwaltschaft gestern nicht sagen.

Wenn man durch Genf geht, merkt man allerdings nicht viel von den verstärkten Sicherheitsmassnahmen. Nicht einmal die als besonders gefährdet eingestuften Orte sind streng bewacht – zumindest nicht mit Polizisten in Uniform.

Auf dem Platz vor dem UNO-Gebäude räumen gerade ein paar Dutzend Thailänder ihre Requisiten zusammen, sie haben den Geburtstag ihres geliebten Königs gefeiert.

Ein Polizeiauto kreist einmal um den Platz, fährt dann aber weiter. Vor dem Eingang zum «Palais des Nations» steht wie eh und je Wachpersonal, einzig die Männer vor den Botschaften sind schwerer bewaffnet. Vor der Synagoge in der Innenstadt eilen die Geschäftsleute in alle Himmelsrichtungen, einen Polizisten sucht man allerdings auch dort vergeblich. Und an der Einkaufsstrasse interessieren sich die Leute in erster Linie für die bevorstehenden Weihnachten. Kurz: Gibt es einen Verdacht wie am Flughafen, sind die Terrorwarnungen sofort in aller Munde – ansonsten nicht.

Polizei fahndet in der Region Genf nach Terrorverdächtigen
7 Bilder
Polizeibeamte kontrollieren ein Fahrzeug beim Flughafen.
Eine Polizeipatrouille am Flughafen.
Terror-Alarm in Genf
Terror-Alarm in Genf
Terror-Alarm in Genf
Terror-Alarm in Genf

Polizei fahndet in der Region Genf nach Terrorverdächtigen

Keystone

Ein Regierungsrat im Stress

Für den Genfer FDP-Sicherheitsdirektor Pierre Maudet herrscht hingegen keineswegs Alltag. Seit die ersten Terrorhinweise eingetroffen sind, hetzt er von Termin zu Termin – und empfängt uns dazwischen für ein kurzes Gespräch in seinem Büro.

Herr Maudet, schlafen Sie noch ruhig?

Ich schlafe nicht schlechter als zuvor. Wir machen alles, um bereit zu sein. Heute war ich auf der französischen, israelischen und russischen UNO-Mission, um das diplomatische Milieu zu beruhigen.

Wie Sie gestern bereits angekündigt haben, haben Sie aber auch das Sicherheitsdispositiv massiv verstärkt. Wenn man durch Genf geht, merkt man aber nicht viel davon.
Vergessen Sie nicht: Nicht alle unsere Polizisten erkennt man. Wir haben vor allem auch die Anzahl der Sicherheitskräfte in Zivil erhöht. Und wir haben unsere französischen Kollegen gebeten, die Kontrollen an der Grenze deutlich zu erhöhen. Der Effort ist gross, auch wenn man ihn nicht vollständig wahrnimmt.

Was hat sich in der Beurteilung der Sicherheitslage denn konkret verändert?

Wir haben vom Bund präzise und verlässliche Informationen erhalten, dass sich die Gefahr vergrössert und konkret wird – bis anhin war dies nicht der Fall.

Wie präzise waren die Hinweise auf eine terroristische Bedrohung?

Ich kann keine Details nennen. Nur so viel: Wir haben Informationen über Personen und Aufenthaltsorte erhalten.

Müssen Sie die Alarmbereitschaft womöglich bald nochmals erhöhen?

Aufgrund derjenigen Information, die wir zum jetzigen Zeitpunkt haben, ändert sich die Gefahrenstufe vorerst nicht. Wir haben keine Hinweise auf eine unmittelbar bevorstehende terroristische Attacke, die eine weitere Erhöhung der Alarmbereitschaft verlangen würden. Es gibt aber auch keinen Grund zur Beruhigung.

Wie lange können auf diesem Alarmstufen-Niveau durchhalten? Haben Sie genügend Leute?

Auf jeden Fall bis zum Ende des Wochenendes, das uns wegen der Feierlichkeiten der «Escalade» ohnehin schon stark beansprucht. Auf lange Sicht ist es schwierig, unser Dispositiv auf dem aktuellen Niveau zu halten. Wir haben aber nötigenfalls die Möglichkeit, bei anderen Kantonen oder beim Bund um personelle Verstärkung zu bitten.

Derzeit findet nicht nur das erwähnte Volksfest statt, sondern auch eine Friedenskonferenz zu Syrien. Wird diese nun trotzdem abgehalten?

Ja, einfach an einem anderen Ort als ursprünglich geplant. Für das internationale Genf ist es eine Ehre, dass die Gespräche hier stattfinden – und wir haben alles getan, damit sie nicht abgesagt werden müssen. Wo genau die Konferenz tagt, kann ich verständlicherweise aber nicht verraten.

Die Jugend tanzt im Park

Als Fussgänger bemerkt man einzig vor dem zentralsten Park der Stadt eine grössere Anzahl Polizisten – sie stehen hier jedoch nicht wegen der jüngsten Hinweise. «Wir waren auch letztes Jahr schon so viele», sagt ein Beamter. Der Grund für das Grossaufgebot ist durchaus fröhlicher Art: Über 2000 Schüler sind seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen, um an den Sieg über die Savoyer im Jahr 1602 zu erinnern. Nun tanzen sie am helllichten Tag zu laut wummernden Bässen, als gäbe es kein Morgen. Angst sieht anders aus.