Strafprozess

Angestellte erfand Bombendrohung, um Diebstahl zu vertuschen – nun steht sie vor Gericht

«Bombe im Haus, bald los. Alle tot!»: Das habe ein Mann am Telefon zu ihr gesagt, gab die Möbel-Pfister-Mitarbeiterin zu Protokoll. Dabei war alles nur erfunden.

«Bombe im Haus, bald los. Alle tot!»: Das habe ein Mann am Telefon zu ihr gesagt, gab die Möbel-Pfister-Mitarbeiterin zu Protokoll. Dabei war alles nur erfunden.

Eine ehemalige Kaderangestellte von Möbel Pfister fingierte im Dezember 2015 eine Bombendrohung, um so einen eigenen Diebstahl zu vertuschen. Das gestohlene Geld verzockte sie zu einem grossen Teil. Der 37-Jährigen droht bis zu einem Jahr Gefängnis.

Nichts ging mehr am 29. Dezember 2015 im Prattler Grüssenquartier. In der Möbel-Pfister-Filiale war eine Bombendrohung eingegangen, das Gebiet abgeriegelt – dabei gab es gar keine Bombe. Eine Pfister-Mitarbeiterin hatte den Drohanruf erfunden. So wollte sie verhindern, dass der Geldtransporter vorbeikommt, um Einnahmen abzuholen, denn der Tresor war bereits geleert. Die Angestellte hatte ihn eigenhändig geplündert, am Vortag. Ihr Ziel: Die Beute in Casinos verzocken.

Gut durchdacht war der Plan aber nicht. Und so musste sich die 37-jährige Aargauerin vor dem Baselbieter Strafgericht in Muttenz für ihre Taten verantworten. Ihre Spielsucht kommt die ehemalige Kadermitarbeiterin teuer zu stehen. Nicht nur schuldet sie ihrem früheren Arbeitgeber eine Stange Geld. Auch Ikea und Media Markt fordern von der Beschuldigten einen sechsstelligen Frankenbetrag zurück. Die beiden Unternehmen beklagen einen hohen Verlust, weil das Gebiet Grüssen stundenlang gesperrt war. Geht es nach der anklagenden Staatsanwaltschaft, so muss die gebürtige Serbin in eine Therapie und für ein Jahr hinter Gitter.

Aargauerin wegen Bombendrohung vor Gericht

Aargauerin wegen Bombendrohung vor Gericht

Eine Angestellte vom Möbel Pfister wollte vor zwei Jahren in Pratteln mit einem vermeintlichen Bombenalarm einen Diebstahl vertuschen.

«Es tut mir so leid», sagte die Angeklagte im Gerichtssaal mit brüchiger Stimme. «Könnte ich die Zeit zurück drehen, so würde ich es tun.»

«Drohung war Kurzschlusshandlung»

Die Frau, die als 9-Jährige von Serbien in die Schweiz kam, hatte sich bis zu den Vorfällen in Pratteln nichts zuschulden kommen lassen. Ihr Strafregister war leer. Der Verteidiger bezeichnete die Beschuldigte als vorbildliche Mitarbeitern. Das sei so in Arbeitszeugnissen vermerkt.

Alles stehe im Zusammenhang mit der Spielsucht, zeigte sich der Verteidiger überzeugt. Wegen dieser sei seine Mandantin verschuldet gewesen, das habe sie zu einer «Kurzschlusshandlung» getrieben, zum Bombenalarm, der den Diebstahl am Tag zuvor vertuschen sollte.

Die Angeklagte habe ihr Leben aber wieder im Griff, sagte der Verteidiger. Sie arbeite und stottere ihre Schulden ab. Auch habe sie «aufrichtig Reue gezeigt», die Rückfallgefahr sei gering. Angemessen seien deshalb 20 Monate bedingt bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Schwanger mit 16

Die Forderungen von Ikea und Media Markt anerkenne man nicht an. Sie sind laut dem Verteidiger übertrieben. Auch habe die Beschuldigte gar nicht erahnen können, welchen Schaden sie mit der Drohung anrichte. Zumindest einer der insgesamt sechs Anklagepunkte sei somit nicht erfüllt: arglistige Vermögensschädigung.

Sie habe eine «ganz normale Kindheit» gehabt, sagte die Angeklagte. Immer einfach war es aber wohl nicht in ihrem Leben. Mit 16 wollte sie Krankenschwester werden, konnte die Lehre jedoch nicht antreten, da sie schwanger geworden war. Mittlerweile ist die Verkäuferin geschieden und lebt mit Sohn und neuem Partner zusammen.

Die Stelle bei Pfister trat die Aargauerin im Dezember 2013 an. Im Möbelhaus leitete sie die Abteilung Service und Information. Als Kadermitarbeiterin hatte sie Zugang zum Tresor, als eine von sechs Personen.

Riesensumme verspielt

Doch das war wohl nicht der Grund, weshalb der Verdacht bald auf sie fiel. Bei der Geschichte, welche die Angeklagte zu Protokoll gab, passte einiges nicht zusammen. Dass Geld fehlte, wurde erst am 30. Dezember entdeckt, also am Tag nach dem Bombenalarm. Die Beschuldigte gab jedoch an, dass der Tresor bereits am Vormittag des 29. Dezembers leer gewesen sei.

Auch mit dem Anruf stimmte etwas nicht: Er wurde nicht registriert, sie jedoch wollte ihn um 13.15 Uhr erhalten haben. Ein Mann habe gesagt: «Bombe im Haus, bald los. Alle tot!».

Trotz dieser Unstimmigkeiten dauerte es nochmals fast drei Wochen, bis die Polizei eine Hausdurchsuchung anordnete. Von der im Keller versteckten Beute – insgesamt 101 500 Franken und 515 Euro – war jedoch ein grosser Teil schon verspielt.

Dass überhaupt eine solch hohe Summe im Tresor lagerte, dafür hatte die Leiterin Service und Information selber gesorgt. Normalerweise werden die Einnahmen bei Pfister wöchentlich abgerechnet, doch als Führungskraft hatte sie die Abholung der Vorwoche sistiert – so lagen im Tresor die Einnahmen von zwei Wochen. Auch beim Stock wurde ein grösserer Betrag vermisst.

Nach Casino-Gewinn angefixt

Beim Griff in die Kasse ihres Arbeitgebers war die Fehlbare schon verschuldet. Ihre Spielsucht nahm im März 2015 ihren Anfang. Damals gewann sie im Casino Baden 114 000 Franken. Von da an sei sie angefixt gewesen, sagte die Angeklagte. «Wenn man so einen Gewinn hat, dann denkt man: ‹Jetzt probiere ich es noch mal!›.»

Die Staatsanwaltschaft, aber auch die Vertreter der Privatkläger Möbel Pfister, Ikea und Media Markt wollen der Beschuldigten nicht abnehmen, dass sie sich den Folgen des Fehlalarms nicht bewusst gewesen sei. Sie habe ja auch damit gerechnet, dass der Geldtransporter nicht mehr bis zum Grüssen durchkäme. Von einer Kurzschlusshandlung könne nicht die Rede sein.

Das Gericht hakte ebenfalls nach, wollte wissen, was sie sich bei der Drohung gedachte habe. Die Urteilsverkündung ist für Dienstag angesetzt.

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