Analyse
Ein Agitprop-Theater vor der Credit Suisse: Wie sich das Klimabündnis kreativ zeigt, aber seine Glaubwürdigkeit riskiert

Mit einer nationalen Medienkonferenz vor dem Hauptsitz der Credit Suisse am Paradeplatz läutet das Klimabündnis die Aktionswoche «Rise Up for Change» ein. Bis zwei CS-«Mitarbeiter» für Aufregung sorgen.

Othmar von Matt
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Eine angebliche Credit-Suisse-Mitarbeiterin verkündet den Ausstieg der CS aus den fossilen Energien.

Eine angebliche Credit-Suisse-Mitarbeiterin verkündet den Ausstieg der CS aus den fossilen Energien.

Climatestrike (Zürich, 26. Juli 2021)

Die drei Klimaaktivisten hatten an der improvisierten Medienkonferenz gerade ihre Stellungnahmen zum offenen Brief an die Credit Suisse vorgelesen.

Darin fordert das Klimabündnis Rise Up for Change die Grossbank auf, erstens Transparenz über seine Finanzflüsse herzustellen – und zweitens kein Geld mehr in fossile Energien zu stecken. 82 Milliarden US-Dollar der CS seien von 2016 bis 2020 in die fossile Industrie geflossen. «Darüber sind wir entsetzt!»

Plötzlich tauchte ein mittelalterlicher Herr in blauem Anzug auf

Da trat um 11.09 Uhr am Zürcher Paradeplatz 8 plötzlich ein mittelalterlicher Herr in blauem Anzug vor die Medien. Auch die Credit Suisse selbst habe sich mit der Klimakrise befasst, betonte er. Für eine Stellungnahme der CS möchte er das Wort an Kollegin Béatrice von Ah übergeben.

An die «liebe Klimajugend» und die «sehr geehrten Medienschaffenden» gewandt sagte von Ah, die Überflutungen, Hitzewellen und Dürren hätten in der Bank zu einem Umdenken geführt.

Nationale Medienkonferenz vor der Credit Suisse - inklusive Agitprop-Theaterstück.

Video: Othmar von Matt

«Das Management der Credit Suisse hat sich dazu entschieden, sämtliche Finanzierungen und Investitionen sowie den ökologischen Fussabdruck bis Ende August offen zu legen.» Ziel sei es zudem, bis Ende 2021 aus allen Investitionen für fossile Energien auszusteigen.

Verblüfftes Staunen und verhaltene Jubelschreie

Die Äusserungen lösten verblüfftes Staunen und verhaltene Jubelschreie aus. Auf Nachfragen der Journalisten gaben sich die Klimaaktivisten aber höchst skeptisch. Man wolle zuerst abklären, ob die CS diese Aussagen ernst meine.

Der Überraschungscoup entpuppte sich eineinhalb Stunden später als Fake News. In einer Mitteilung legte das Klimabündnis offen, dass es eine Schauspielerin und einen Schauspieler engagiert hatte, um die CS-Mitarbeitenden zu verkörpern.

Ein Agitprop-Theaterstück mitten in einer Medienkonferenz

Das Bündnis führte damit am Zürcher Paradeplatz 8 eine Art Agitprop-Theaterstück auf - mitten in einer nationalen Medienkonferenz und direkt vor jenem Banken-Hauptsitz, an dem bedeutende Entscheide des Schweizer Finanzplatzes getroffen werden. Agitprop ist die Verbindung von Agitation und Propaganda und bezeichnet einen zentralen Begriff der kommunistischen politischen Werbung seit Lenin. Er wird noch heute verwendet, wenn es um positive Werbeaktionen für die eigene Seite geht – in diesem Fall jene des Klimabündnisses.

Mit dem Agitprop zeigte das Klimabündnis jene Vision einer klimafreundlichen Grossbank, die es anstrebt. Auf spielerisch-kreative Art, ohne Gewalt und Farbkleckse an Gebäudefassaden. Das Theaterstück setzt die Credit Suisse zusätzlich unter Druck. Und es liess ihr nur eine Option zur Reaktion: gar nicht zu reagieren. Ein CS-Sprecher hielt denn auch fest: «Wir kommentieren diese Aktion nicht.»

Eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit der Klimabewegung

Das Stilmittel birgt aber eine grosse Gefahr für das Klimabündnis, das immer wieder auf die Bedeutung der Wissenschaft pocht. So kritisierte der Klimastreik etwa die Kolumne von «Nebelspalter»-Chefredaktor Markus Somm in den Tamedia-Produkten unter dem Titel «Merkel oder Zeus? Wer bringt das Unwetter?».

«Ein Medienkonzern, der im Jahr 2021 einen klimaleugnenden Artikel abdruckt, stellt sich klar auf die Seite der Klimakiller und der Mörder von Millionen von Menschen», schrieb der Klimastreik auf Twitter. Dass die Klimabewegung nun an einer nationalen Medienkonferenz vorübergehend selber Fake News verbreitet, unterwandert ihre Glaubwürdigkeit.

Auch die Nationalbank gerät in den Fokus

Angesichts des Agitprop-Theaters ging der Inhalt der Medienkonferenz fast unter. Das Klimabündnis, das aus den Gruppierungen Klimastreik, Collective Climate Justice, Extinction Rebellion und Breakfree besteht, hat die Aktionswoche Rise Up for Change mit Fokus auf den Finanzplatz eingeläutet.

Stellvertretend übergaben die Aktivistinnen und Aktivisten ihre Forderungen an den Finanzplatz in einem Brief an die CS. In den Fokus gerät auch die Nationalbank. Die Gewinne der Nationalbank sollen künftig für eine soziale und gerechte Lösung der Klimakrise verwendet werden, fordert das Klimabündnis.

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