Analyse
Blick über die Landesgrenzen: Das bringt das Covid-Zertifikat bei unseren Nachbarn

Am Mittwoch wird der Bundesrat verkünden, ob Corona-Tests ab dem 1. Oktober kostenpflichtig werden. Von einer Ausweitung der Zertifikatspflicht will man indes nichts wissen. Dabei zeigt ein Blick über die Landesgrenzen: Es wäre vielleicht sinnvoll.

Dennis Frasch/watson.ch
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In anderen Ländern muss auch in Restaurants und Bars das Covid-Zertifikat gezeigt werden.

In anderen Ländern muss auch in Restaurants und Bars das Covid-Zertifikat gezeigt werden.

Valentin Flauraud/Keystone

Die Schweiz fährt in dieser Pandemie seit Beginn weg einen Mittelweg. Eine helvetische Sonderstrategie, die den Spagat zwischen Schutz der Wirtschaft und Schutz der Volksgesundheit schaffen soll. Diesen Mittelweg wird der Bundesrat voraussichtlich fortführen: Am Mittwoch wird er verkünden, ob die Coronatests für Symptomlose ab 1. Oktober kostenpflichtig werden. Damit soll auch die Impfquote erhöht werden, bei der die Schweiz das Schlusslicht in Westeuropa darstellt.

Ganz so weit wie unsere Nachbarstaaten will man aber nicht gehen. Denn um die Impfquote zu erhöhen, gehen sowohl Italien, als auch Frankreich, Deutschland und Österreich einen Schritt weiter. Und zwar insofern, als man auch für den Besuch von Restaurants, Bars, Museen, Kinos und anderen öffentlichen Innen- (und Aussen-)räume ein Covid-Zertifikat braucht.

Kantone diskutieren Erweiterung der Zertifikatspflicht

In der Schweiz will man davon nichts wissen. Zumindest auf nationaler Ebene. Vor zwei Wochen hat Bundesrat Alain Berset im Interview mit der «Sonntagszeitung» noch gesagt, dass man versuche, «möglichst wenig in die Privatsphäre einzugreifen».

Erste Kantone deuten jedoch an, weiter gehen zu wollen: Der kantonale Führungsstab des Kantons St. Gallen diskutiert momentan, die Zertifikatspflicht auszuweiten. Auch der Kanton Aargau sieht dies in einem dreistufigen Eskalationsplan auf Stufe zwei vor. Die «NZZ» spekuliert deshalb bereits, ob der Bundesrat dem Druck der Kantone nachgeben und am Mittwoch eine Zertifikatserweiterung in die Vernehmlassung schicken wird.

Doch würde das überhaupt etwas bringen? Vergleichsmaterial ist genügend vorhanden, werfen wir also einen Blick zu unseren Nachbarn.

Italien

In Italien hat man die Massnahmen bereits Anfang August drastisch verschärft. Ohne Covid-Zertifikat kommt man praktisch in keine öffentlichen Innenräume mehr. Dies gilt auch für Restaurants und Bars.

Nach Ankündigung dieser Massnahmen stieg die Anzahl Erstimpfungen für ein paar Wochen deutlich. Mittlerweile ist dieser Effekt aber wieder verpufft.

Bei der Ankündigung der verschärften Massnahmen ging die Impfquote wieder nach oben, mittlerweile sinkt sie jedoch wieder.

Bei der Ankündigung der verschärften Massnahmen ging die Impfquote wieder nach oben, mittlerweile sinkt sie jedoch wieder.

quelle: lab24

Mittlerweile sind über 61 Prozent der italienischen Bevölkerung vollständig geimpft (zum Vergleich: In der Schweiz sind es 10 Prozent weniger). Die Kombination aus erhöhter Impfquote und strikter Zertifikatspflicht dürfte einen nicht unwesentlichen Anteil daran haben, dass die Kurve an Neuinfektionen und Hospitalisationen in Italien nicht gleich steil verläuft wie in der Schweiz.

Frankreich

In Frankreich kann eine ähnliche Dynamik wie in Italien beobachtet werden. Auch hier gilt seit einigen Wochen, dass man nur noch mit dem sogenannten «pass sanitaire» in Restaurants und Cafés darf. Für Zug- und Busreisen gilt dies ebenfalls. Auch hat Frankreich für gewisse Berufsgruppen wie Gesundheits- oder Bahnpersonal eine Impfpflicht erlassen.

Ein Blick in die Impfstatistik zeigt: Die Massnahmen haben Wirkung gezeigt. Ende Juli knackte man sogar den Rekord für die meisten Impfungen pro Tag. Momentan sind knapp 55 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, ganze 15 Prozent (!) warten allerdings noch auf die zweite Spritze. Damit wären in einigen Wochen 70 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Kinder und Jugendliche eingerechnet, dürften danach wahrscheinlich nur noch die Unbekehrbaren übrig bleiben. In der Schweiz ist man noch weit von dieser Marke entfernt.

Die Impfoffensive scheint sich auch langsam in den Fallzahlen niederzuschlagen. In der letzten Woche sanken sie. Um eine Kehrtwende auszurufen, ist es allerdings noch zu früh.

Deutschland

In Deutschland ist die Grosswetterlage ähnlich wie in der Schweiz: Die Fallzahlen steigen (wenn auch auf tieferem Niveau) und die Impfquote sinkt dramatisch.

Einen Unterschied gibt es jedoch: Seit diesem Montag braucht es für Kliniken, Pflegeheime, Fitnessstudios, Schwimmbäder, Friseure, Hotels und in Restaurants oder bei Veranstaltungen ein Covid-Zertifikat. Geimpft, Getestet oder Genesen muss man sein. Bislang schlägt sich das jedoch noch nicht in der Impfquote nieder.

Was jedoch auffällt: Nirgends wird so wenig geimpft wie in der Schweiz und nirgends ist die Impfquote so tief wie in der Schweiz. Böse Zungen könnten nun behaupten, dass man es der Bevölkerung immer noch zu einfach macht, sich nicht impfen zu lassen.

Andererseits dürfte sich der Bundesrat sehr wohl bewusst sein, dass eine Ausweitung der «3G-Regel» eine Welle des Protestes unter all jenen auslösen würde, welche sich bereits jetzt unterdrückt fühlen. In Italien, Frankreich und Deutschland war dies ebenfalls der Fall.

Zudem stellt sich die Frage, ob und inwiefern die Beizer und andere Private die Zertifikatspflicht umsetzen und wie diese wiederum kontrolliert werden sollen.

Die Impfquote in der Schweiz ist seit der Ankündigung, dass man sich bald nicht mehr gratis testen lassen kann, stagniert. Was ein Erfolg ist; da sie sich zumindest nicht mehr im freien Fall befindet. Ob ein erweiterter Einsatz des Covid-Zertifikats oder die drohende Überlastung des Gesundheitswesens die Impfquote nochmals erhöhen kann, das steht in den Sternen. Wissenschaftlich gesichert ist nur eines: Impfen ist und bleibt die beste Waffe, die wir im Kampf gegen das Coronavirus haben.

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