Landwirtschaft
«An so einen schlechten Frühling kann ich mich nicht erinnern»

Das trübe und kalte Frühlingswetter macht den Produzenten arg zu schaffen. Das Gemüse wächst viel langsamer als sonst - 14 Tage -. Das wirkt sich nicht nur auf das Angebot, sondern auf die Preise aus.

RINALDO TIBOLLA
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Wärmeschutz für Spargeln in Flaach ZH: Die Gemüseproduzenten hoffen auf bessere Zeiten.KEYSTONE

Wärmeschutz für Spargeln in Flaach ZH: Die Gemüseproduzenten hoffen auf bessere Zeiten.KEYSTONE

Wer im Moment Schweizer Saisongemüse kaufen möchte, sucht vergeblich: Salate, Tomaten, Spargeln und Erdbeeren in den Auslagen der Detailhändler stammen aus dem Ausland. «Die Konsumenten schreien jetzt nach inländischen Produkten», sagt Ursina Galbusera, zuständig für den Bereich Pflanzenbau beim Schweizerischen Bauernverband. Die Schweizer Gemüseproduzenten stünden im Moment unter einem grossen Druck.

Dies bestätigt auch Moana Werschler vom Verband Schweizerischer Gemüseproduzenten: «Die tiefen Temperaturen und das wenige Licht machen den Gemüseproduzenten zu schaffen.» Der Grund: Das Gemüse wächst viel langsamer – egal, ob im Freiland oder im Gewächshaus.

Spargeln frühestens Ende April

Die Detailhändler, die grosse Mengen Gemüse liefern sollten, stünden jetzt unter Druck, sagt Werschler. Normalerweise könnten sie ihr Vlies, das sie Anfang Jahr über die frisch gesetzten Salate legen, Ende März entfernen. Das sei in diesem Jahr nicht möglich gewesen, da das Gemüse sonst wegen des Frosts oder Schnees Schaden genommen hätte. «Die Produktion ist zwischen 10 und 14 Tage im Rückstand», sagt Werschler. Wie der finanzielle Verlust für die Produzenten aussehe, kann der Verband nicht beziffern. Für den Konsumenten bedeute das knappe Angebot, dass die Preise in den kommenden Wochen nicht wie in normalen Jahren sinken würden.

Derzeit müsste eigentlich die Ernte für verschiedene Salate laufen. Schon bald sollten Rhabarbern und Spargeln folgen. «Wir rechnen bei Rhabarbern und Spargeln mit dem Erntestart nun aber frühestens Ende April», so Werschler. Auch die Karotten würden momentan langsamer wachsen. Da sie jedoch erst Ende Mai geerntet würden, sei noch alles offen. «Wird der April noch schön und gibt es einen warmen Mai, wird es bei den Karotten eine normale Ernte geben», sagt Werschler. Bezogen auf die Jahresproduktion macht der Verband keine überschwängliche Prognose: «Es wird sicher kein Rekordjahr wie 2011. Es wird keine Überproduktion geben.» Generell hinkt die Natur aufgrund des kalten Winters hinterher. «Das Gras wie auch das Wintergetreide verzeichnen ein verzögertes Wachstum», sagt Galbusera. Bei guten Wetterverhältnissen würden die Kulturen den Rückstand aber auch wieder aufholen. Das Geschäft der Gärtnereien lief im Frühling auch noch selten derart schlecht wie dieses Jahr. Die Umsätze liegen bis zu einem Drittel tiefer – was auch mit einem schönen Sommer kaum zu kompensieren wäre. «An einen solch schlechten Frühling kann ich mich überhaupt nicht erinnern», sagt Andreas Schedler, Gärtnermeister beim Gartencenter Hauenstein Rafz im Kanton Zürich.

Keine Lust auf Gartenmöbel

Bei der Migros spricht Pressesprecherin Monika Weibel von einer deutlichen Zurückhaltung seitens der Kunden. «Die grosse Kauflust für Gartenmöbel blieb bisher aus. Auch für den Pflanzenkauf ist das kalte Wetter kein Motivator. Etwa 30 Prozent der Frühjahrsblüher müssen wohl entsorgt werden», sagt sie. Laut Nadja Ruch, Mediensprecherin bei Coop, würden viele Leute mit dem Bepflanzen der Nutz- oder Schrebergärten und Balkone noch zuwarten. Daher seien Frühlingsblüher, Frischkräuter und Gemüsesetzlinge im Moment noch weniger gefragt als vergangenes Jahr.

Dabei wäre das Frühlingsgeschäft wichtig für die Branche. Etwa 60 Prozent des Jahresumsatzes fliessen bei Spezialisten in den ersten Monaten des Jahres in die Kasse. Vor allem der März ist dabei wichtig, der Monat also, in dem normalerweise Frühlingsblumen, aber auch Sträucher und Obst gepflanzt werden.