Unis ernennen Theologen nicht zu Pfarrern. Und in der Schweiz schon gar nicht zu Imamen. Daran ändert auch das neue Hochschulzentrum der Universität Freiburg nichts, das sich ganz dem Islam widmet. Imame werden auch künftig von den muslimischen Gemeinden in der Schweiz ernannt; ähnlich wie die Pfarrer durch die Landeskirchen. Doch akademisch – und das ist neu – sollen sich die Imame schon bald in Freiburg weiterbilden können.

Schlecht integrierte Imame

Mit dem Aufbau des Studienzentrums für Islam und Gesellschaft, wie das Institut offiziell heisst, wird ein lang gehegter Wunsch der Schweizer Muslime nur zum Teil erfüllt: Sie wollen Imame, welche die Kultur und die Landessprachen der Schweiz kennen.

Das Problem: Weil es vielen muslimischen Gemeinschaften an Personal fehlt, rekrutieren sie die Imame im Ausland. Viele kommen aus der Türkei, manche aus Ägypten. Doch in der Schweiz bleiben sie nur kurz. Ihre Motivation, Land und Leute kennen zu lernen und die Sprachkenntnisse zu verbessern, ist klein.

Für den Soziologen Farhad Afshar, der als Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz einen Teil der Muslime vertritt, ist das bedenklich: Er befürchtet, dass sich die gut integrierten Schweizer Muslime von den schlecht integrierten Imamen abwenden. Letztlich schwäche dies den läuternden Einfluss von Imamen auf radikalisierte Mitglieder ihrer Gemeinschaften.

Seelsorge für Muslime

Auch Sakib Halilovic, bosnischer Imam in Schlieren ZH, ist mit der aktuellen Situation unzufrieden. Doch im Gegensatz zu Afshar ist er überzeugt, dass das neue Hochschulzentrum ein wichtiger Schritt vorwärts ist. Noch immer hofft er auf eine Vollausbildung von Imamen an der Uni. «Läuft alles nach Plan, so haben wir nächsten Herbst einen Lehrstuhl für islamische Theologie», sagt Halilovic, der in der Arbeitsgruppe sitzt.

Der Luzerner Religionswissenschafter Andreas Tunger-Zanetti glaubt nicht, dass Freiburg auf absehbare Zeit ein Vollstudium für Imame bieten kann. «Dazu bräuchte es ein halbes Dutzend Lehrstühle, die sich mit den theologischen Teildisziplinen befassen.» Interessierte müssen also auch künftig an eine ausländische Uni zum Studium der islamischen Theologie.

Trotzdem könne das Zentrum Imamen in der Schweiz wichtigen theoretischen Stoff und Möglichkeiten des Austauschs mit anderen Fächern vermitteln, ist Tunger überzeugt: etwa Inhalte zur Spital-, Jugend- oder Gefängnisseelsorge.

Christliche Wurzeln bedroht?

Das neue Hochschulzentrum gehört zur theologischen Fakultät. Zu Jahresbeginn hat nicht etwa ein muslimischer, sondern ein katholischer Theologe die Leitung übernommen. Im Februar hält dieser, Hansjörg Schmid, seine erste Vorlesung: über die Sicht islamischer Denker auf Europa. So dient erst einmal die europäische Integration als Studienobjekt, später soll das Zentrum eine wichtige Rolle spielen bei der Integration von Muslimen.

Die Freiburger SVP sieht die christlichen Wurzeln des Kantons bedroht. Sie bekämpfte das Zentrum in der Budgetdebatte des Grossen Rats und prüft nun, ob es mit einer kantonalen Volksinitiative noch gestoppt werden könnte. Die Muslime selber, die Uni sowie Wissenschafter halten dagegen. «Gerade in der aktuellen Diskussion über Islamismus und Terrorismus ist eine Institution wichtig, die Praxis und Reflexion zusammenführt», sagt Religionswissenschafter Tunger.