Gotthard-Durchstich
Am Gotthard wiederholt sich die Geschichte

130 Jahre nach dem ersten Durchstich ist der Hausberg der Nation zum dritten Mal durchbrochen – ein Vergleich.

Benno Tuchschmid
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Keystone

Als die Mineure gestern zum letzten Mal die Tunnelbohrmaschine «Sissi» anwerfen, wissen sie exakt, was sie vor sich haben: 1,5 Meter Gestein. Und sie wissen, was sie hinter sich haben. Kilometer für Kilometer brachen sie die Gesteinsschichten aus dem Berg, bis sie 56998,5 Meter vorgedrungen waren.

In der Werkhalle Sedrun sitzen Mineure, die Ehrengäste und 170 Journalisten aus aller Welt und schauen gebannt auf die vielen Bildschirme in der Halle. Ein zappeliger Moderator des Schweizer Fernsehens berichtet aufgeregt vom bevorstehenden Weltrekord. In der Halle ist es still. Nur der Bohrkopf wummert aus den Lautsprechern und dazwischen fragt der TV-Mann im Sekundentakt: «Sehen sie schon Risse? Was kann jetzt noch schiefgehen? Wie lange dauert es noch?» Dann fällt der Ton aus. Zum Glück.

Erst lösen sich Teile der Spritzbeton-Schicht, dann fällt die letzte Wand, die den Mineuren im Weg steht, um 14.17 Uhr. In der Werkhalle bricht Jubel aus, die Mineure schreien ihre Freude aus sich raus, die Ehrengäste klatschen, die Medienleute schauen zu.

8 Zentimeter horizontal, 1 Zentimeter vertikal. So viel sind die beiden Röhren voneinander abgewichen. Unglaublich genau. Am 29. Februar 1880 betrug die Abweichung 33 Zentimeter horizontal und 5 Zentimeter vertikal. In einer Zeit, in der die Landesvermessung noch ganz am Anfang stand und man über die Gesteinsschichten unter dem Gotthard-Gebirge eigentlich nichts wusste. Man habe damals ins Ungewisse gebohrt, sagt Historiker Jakob Tanner. Umso unglaublicher erscheint die Leistung von damals.

Doch auch wenn heute die Gesteinsschichten des Gotthardgebirges durchleuchtet sind, auch wenn man weiss, dass es die Piora-Mulde gibt, die Chièra-Synform, die Tenelin-Zone; der Gotthard hielt Überraschungen für die Mineure bereit. «Die Probleme kamen dort, wo man sie am wenigsten erwartete, bei der Multifunktionsstelle Faido», sagt Renzo Simoni, Geschäftsleiter der Alp Transit.

«Den Gotthardtunnel haben nicht Politiker und nicht das Schweizer Stimmvolk gebaut. Gebaut haben es die Mineure», sagt Bundesrat Moritz Leuenberger in Werkhalle. Vor ihm sitzen die Tunnelarbeiter in langen Festbankreihen, trinkend und feiernd. Leuenberger steht im Scheinwerferlicht am Rednerpult. Aber im Zentrum stehen die Arbeiter. Den ganzen Tag schon. Kein Festredner, der die Helden des Gotthards nicht preist. 8 Kollegen sind beim Bau der Röhre gestorben, gegen 200 waren es 1880. Fast alle kamen aus dem Ausland. Im 19.Jahrhundert vor allem aus Italien. Heute aus ganz Europa, die meisten aus Österreich, Deutschland und Italien. Ohne Ausländer kein Gotthardtunnel.

Auch Sedrun feiert. Es feiert Abschied von den vielen Arbeitern, die hier wohnten. Ein Festzelt auf dem Fussballplatz steht bereit. «Wir waren ein Dorf, die Leute sind uns ans Herz gewachsen», sagt Hendry Tarcisi, Primarlehrer und Dorfarchivar. Er steht oberhalb des Festzelts und wartet mit dem Rest der Dorfbevölkerung auf die Patrouille Suisse. Doch es herrscht dichter Hochnebel. Unsichtbar donnern die Jets über das Dorf, unsichtbar wie die Züge, die in sechs bis sieben Jahren unter Sedrun durchfahren werden. Sedrun ist nah dran am Spektakel, hat aber nichts davon. Nah dran am neuen Gotthardtunnel, aber Sedrun hat nichts davon. Die Porta Alpina, der alpine Tiefbahnhof, wird nicht gebaut, wenn Samih Sawiris, Milliardär und Andermatt-Investor, nicht doch noch Geld in die Porta Alpina steckt. «Darauf hoffen alle hier», sagt Marco Graf, der hier aufgewachsen ist, heute aber in Luzern wohnt. Mit der Porta Alpina würde auch Graf zurück nach Sed-run kommen. Am späten Nachmittag überfliegt die Patrouille Suisse Sedrun doch noch.

Aus der EU trafen gestern überschwängliche Glückwünsche ein. Die belgische EU-Rats-Präsidentschaft würdigte nicht nur «das Gelingen des Baus, sondern den Zukunftsblick eines ganzen Volkes». Die EU-Verkehrsminister verfolgten den Durchstich via Live-Schaltung. Der belgische Staatssekretär Etienne Schouppe überbrachte der Schweizer Bevölkerung die besten «Wünsche der 500 Millionen EU-Bürger».