Alzheimer
Alzheimer-Forscher warnen: «Es ist fünf nach zwölf»

In der Schweiz gehört Demenz zu den grössten gesundheits- und sozialpolitischen Herausforderungen. Doch es fehlt an Geld. Drei Alzheimer-Organisationen rufen zum Handeln auf.

Bruno Knellwolf
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Wenn das Gehirn nicht mehr mitmacht. Ein an Alzheimer erkrankter Pensionär greift sich an den Kopf.

Wenn das Gehirn nicht mehr mitmacht. Ein an Alzheimer erkrankter Pensionär greift sich an den Kopf.

Ursula Markus

Jede dritte Familie in der Schweiz ist direkt oder indirekt von Demenz betroffen. Und weil das Alter der bedeutendste Risikofaktor für Demenz ist, werden sich Krankheiten wie Alzheimer in unserer alternden Bevölkerung weiter ausbreiten. Heute sind rund 150'000 Menschen in der Schweiz von Demenz betroffen. Eigentlich aber noch viel mehr, weil diese Krankheit auch die Angehörigen stark betrifft.

Angesichts der leider zu erwartenden Häufung von Demenz-Erkrankungen haben die drei Organisationen Alzheimer Schweiz, Swiss Memory Clinics und die Stiftung Synapsis – Alzheimer Forschung Schweiz diese Woche den Warnfinger erhoben. «Es ist fünf nach zwölf», sagt Stefanie Becker von Alzheimer Schweiz und führt dafür mehrere Argumente an. Die genannte Überalterung und das Unwissen über Alzheimer und die damit verbundene Angst in der Bevölkerung. «Diese verhindern eine Früherkennung von Demenz, ergeben eine zu späte Diagnose und verunmöglichen die Vorsorge», sagt Becker. Dabei könnten Betroffene durchaus von einer Behandlung profitieren. Stattdessen denken laut einer Umfrage 25 Prozent der Menschen, dass sie nicht mehr leben möchten, wenn sie eine Alzheimer-Diagnose erhalten. Aber Becker hält fest:

«Dabei gibt es auch ein gutes Leben mit Demenz. Aber es herrscht ein therapeutischer Nihilismus – man kann ja sowieso nichts tun.»

Würde weiterhin nicht mehr in die Demenz-Forschung investiert, werden nach Becker die jetzt schon riesigen Gesundheitskosten wegen Demenz weiter steigen. Bereits jetzt entstehen jährlich 11,8 Milliarden Franken Kosten deswegen. Und die Hälfte davon tragen nach der Direktorin von Alzheimer Schweiz die Angehörigen. «Die Demenz-Forschung ist völlig unterdotiert», sagt Becker. Deshalb fordern die drei Organisationen jetzt von der Politik, zu handeln.

Noch keine erfolgreiche Alzheimer-Therapie

Tatsächlich gibt es bis heute noch kein Mittel, das Demenz verhindert oder heilt, wie Margrit Leuthold, Präsidentin der Alzheimer Forschung Schweiz, sagt. Noch keine klinische Studie habe eine signifikante Wirkung eines Medikaments oder Impfung gegen Alzheimer zeigen können. Die Datenlage der Alzheimer-Forschung sei noch zu schwach, die Forschung zu sehr auf die Amyloiden Plaques ausgerichtet, welche als Hauptursache für Alzheimer gelten. Es brauche Studien, um die Entstehungsmechanismen zu verstehen, und Langzeitstudien in der Schweiz, welche soziale Daten erheben. Auch was das Umfeld von Alzheimer-Patienten betrifft.

Ansgar Felbecker, Präsident Swiss Memory Clinics, Neurologe am Kantonsspital St.Gallen

Ansgar Felbecker, Präsident Swiss Memory Clinics, Neurologe am Kantonsspital St.Gallen

Peter Ruggle

«Viel zu kurz kommt die Prävention von Demenz», sagt Ansgar Felbecker, Präsident Swiss Memory Clinics und Alzheimer-Spezialist am Kantonsspital St.Gallen. Tatsächlich seien die Therapien nicht so erfolgreich. Doch 40 Prozent der Demenzfälle wären vermeidbar, wenn man die Risikofaktoren beeinflussen würde, erklärt Felbecker. Risikofaktoren für Demenz gibt es viele und die meisten sind bereits früh im Leben relevant, wirken sich aber erst 20 Jahre später aus. Einer der grössten demenzspezifischen Risikofaktoren sind dabei ein tiefes Bildungsniveau, soziale Isolation und Depression. Alles Risiken, die manipuliert werden können. Bei Ersterem geht es nicht darum, nun sofort einen Hochschulabschluss anzustreben, um Demenz zu vermeiden, sondern das Gehirn laufend zu beschäftigen. «Use it or loose it», sagt Felbecker. Wer sein Hirn dauernd fordert, liest, eine Sprache lernt, sich weiterbildet, macht gleichzeitig Demenz-Prävention.

Nicht jeder vergessene Name bedeutet Demenz

Eine heikle Frage ist dabei die Erkennung von Demenz. «Wer mal vergisst, was er gestern zu Mittag gegessen hat, ist deswegen nicht gerade dement», sagt Becker. Das sei wohl eher eine mangelnde Gedächtnisleistung. Demenz zeigt sich demnach über einen längeren Zeitraum. Medizinisch lässt sich Demenz über Biomarker feststellen oder über Nervenwasser im Blut, das gemessen werden kann. Solche Daten können dann auch für die Forschung genutzt werden, um Therapien, Medikamente oder Impfungen gegen Alzheimer zu entwickeln. Deshalb sei es dringlich, die Demenzforschung schnell besser zu finanzieren.

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