Geburten
Alternative zu Babyklappen: Spitäler sollen anonyme Geburten erlauben

Bisher gibt es die Babyklappen, um eine Aussetzung von Kindern nach der Geburt zu verhindern. Nun fordert CVP-Politikerin Lucrecia Meier-Schatz eine Alternative dazu: die vertrauliche, anonyme Geburt. In Basel, Zürich und Bern gibt es das bereits.

Karen Schärer
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Dem Hype um die Babyklappen mag sich Pro-Familia-Geschäftsführerin und CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz nicht anschliessen. Im Gegenteil: Sie beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. Die Einrichtung der Babyfenster sende ein falsches Signal aus, findet sie: «Es lädt die Schwangeren in Not ein, das Kind versteckt zu gebären und danach auszusetzen. Die Folgen sind fehlende Betreuung der Mutter und fehlende Möglichkeit für das Kind, seine Herkunft je zu erfahren.» Meier-Schatz hat nun einen Vorstoss zum Thema eingereicht: Sie will vom Bundesrat wissen, ob er die sogenannt vertrauliche Geburt als taugliches Mittel zur Verhinderung der Aussetzung von Kindern via Babyfenster betrachtet.

Geburt mit Pseudonym

Bei einer sogenannt vertraulichen oder diskreten Geburt erhält die Gebärende ein Pseudonym oder wird unter einem Code erfasst. Der Name der Frau ist dem Spital aber bekannt und wird - wie gesetzlich vorgeschrieben - auch den Behörden zur Registrierung des Kindes weitergegeben. Gibt die Mutter ihr Kind zur Adoption frei, so muss die Kindesschutzbehörde die wahren Angaben der Mutter kennen, um zu gewährleisten, dass das Kind sein Recht auf Kenntnis seiner eigenen biologischen Abstammung wahrnehmen kann. Um die Mutter zu schützen, sorgt das Spital dafür, dass Korrespondenz von Ämtern oder Versicherern nicht der Mutter nach Hause gesendet wird.(kas)

Die Gesetze verpflichten Kliniken, die Daten der Gebärenden zu erfassen: Sie müssen die Geburt eines Kindes innerhalb von drei Tagen inklusive des Namens der Mutter an das Zivilstandsamt melden. Die komplett anonyme Geburt ist somit in der Schweiz anders als etwa in Deutschland oder Frankreich, wo sie geduldet wird, nicht möglich. Dies heisst aber nicht, dass Frauen, die eine Geburt geheim halten wollen, keine medizinische Hilfe bekommen und gezwungen sind, das Kind alleine auf die Welt zu bringen.

Was Nationalrätin Meier-Schatz in ihrem Vorstoss anspricht, ist heute in der Schweiz jedoch schon Usus: Diverse Spitäler, darunter die Universitätsspitäler in Basel und Zürich und das Inselspital Bern, bieten Schwangeren die Möglichkeit einer vertraulichen Geburt (siehe Box).

Der Verein Sexuelle Gesundheit Schweiz ist, wie Meier-Schatz, Babyfenstern gegenüber eher kritisch eingestellt. Anders klingt es beim Stichwort vertrauliche Geburten: «Diese Möglichkeit begrüssen wir. Denn auch Frauen in schwierigen Situationen sollen trotz ihrer Ängste, Sorgen und ihrer Verzweiflung eine möglichst sichere Schwangerschaft und Geburt haben können. Dazu gehören Beratungen und medizinische Betreuung», sagt Christine Sieber.

Dass die diskrete Geburt ein Ersatz für die Babyklappen sein kann, glaubt der Initiant der Babyklappen in der Schweiz indes nicht: «Bei einer diskreten Geburt muss die Frau Vertrauen in die Behörden und das System haben. Das können Frauen eher nicht, die ihre Schwangerschaft verheimlichen müssen und wissen, dass sie ihrem Kind keine Zukunft bieten können», sagt Dominik Müggler vom Verein Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind.

Zur vertraulichen Geburt äussert sich aber auch Müggler positiv: «Man muss Schwangeren jede Hilfe und jedes Verständnis entgegenbringen», sagt der Mann, dessen Hintergrund als vehementer Abtreibungsgegner anlässlich der Eröffnung des jüngsten Babyfensters in Olten für Diskussionen gesorgt hat. Er würde selbst die Zulassung der anonymen Geburt begrüssen, bei der auch im Fall einer Adoption keine Daten über die Mutter erfasst werden.

In Deutschland hat der Bundestag diesen Monat beschlossen, die vertrauliche Geburt gesetzlich zu regeln. Anders als dies Familienministerin Christina Schröder ursprünglich beabsichtigt hatte, bleiben aber anonyme Geburten und Babyklappen geduldet. Müggler beurteilt das als «sehr guten Entscheid». Für ihn steht fest: «Jede Form der Geburt hat ihre spezielle Klientel.»