Analyse
«Alte Menschen werden in der Coronakrise abgeschrieben»: Jedes Leben ist gleich viel wert

Analyse zum Umgang mit den hohen Corona-Todesfallzahlen bei älteren Menschen.

Rolf App
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Die hohe Todesrate in der Schweiz wird relativ bereitwillig und ohne Aufregung akzeptiert.

Die hohe Todesrate in der Schweiz wird relativ bereitwillig und ohne Aufregung akzeptiert.

Keystone

Die allermeisten Opfer der Pandemie sind alte Menschen. Die Politik geht mit dieser Tatsache eher hilflos um. Von «Güterabwägungen» ist da etwa die Rede – bis hin zum Bundesrat. Und der Ausserrhoder FDP-Ständerat Andrea Caroni sagte: «Bei allem Respekt vor jedem Todesfall: Ich wäre froh, ich würde das durchschnittliche Alter der Corona-Toten erreichen.»

Caroni fügt zwar noch erläuternd bei, der wichtigste Wert sei nicht die Zahl der Verstorbenen, sondern jene der verlorenen Lebensjahre. Wobei natürlich jedes Lebensjahr ein Verlust sei. Aber eben: Es geht nur um Jahre. Dass diese Jahre sich oft in der Abgeschiedenheit eines Alters- oder Pflegeheimes abspielen, mag einer der Gründe dafür sein, dass die hohe Todesrate in der Schweiz so bereitwillig akzeptiert wird.

Gegenstimmen gibt es durchaus. Kulturschaffende haben sich zusammengefunden, um in einem offenen Brief an den Bundesrat ihrer Erschütterung über das Schweigen der Schweiz zu den vielen Toten Ausdruck zu verleihen. Ein grosses Echo haben sie nicht ausgelöst mit ihrem Aufruf. Adolf Muschg, einer der Erstunterzeichner, spricht von einem «weit verbreiteten Renditedenken», das sich da zeige. «Man schreibt eine Generation ab, die im Sinne der Wirtschaft nicht mehr produktiv ist.»

Das Renditedenken besagt: Nur für ein paar gewonnene Lebensjahre für die Ältesten soll man nicht gleich die Wirtschaft auf den Kopf stellen. Das mag auf den ersten Blick vertretbar erscheinen. Aber auf den zweiten Blick zeigt sich: Es hat durchaus seine Gründe, dass man über solche Dinge nur hinter vorgehaltener Hand spricht.

Denn Leben ist immer gleich viel wert, ob wir nun alt sind oder jung. Vielleicht wird es im Alter sogar noch wertvoller, eben weil so wenig davon übrig ist. Das Alter hat seine eigene Schönheit, bei allen Beschwerden, die es mit sich bringt. Was aber in unserer auf Leistung getrimmten Gesellschaft wenig populär ist. Und ökonomisch sind die Alten keine wichtige Gruppe. Eher im Gegenteil: Sie kosten. Das wird auch ganz gerne vorgerechnet.

Im Fall von Corona heisst es dann, was jetzt anfalle an Schulden, das müssten einmal die Jüngeren begleichen. Und in anderen Fällen – etwa bei der drohenden Schieflage der Altersvorsorge – taucht das Stichwort «Überalterung» als furchterregende Vision auf.

Diese Überalterung gilt es zu vermeiden. Weshalb auf dem Feld der Sterbehilfe in letzter Zeit diskutiert wird, ob sie nicht geöffnet werden soll auch für gesunde ältere Menschen. Die Frage stellt sich: Baut sich da ein gesellschaftlicher Druck auf, zu gehen, solange man noch nicht allzu hohe Kosten verursacht hat?

Dem gesellschaftlichen Zusammenhalt sind solche Überlegungen wenig dienlich. Sie erzählen einiges über die Schweiz als Nation, die in ihrer Geschichte zwar eine enorme Tüchtigkeit an den Tag gelegt hat, aber auch einen Mangel an Mitgefühl mit sich trägt. Vielleicht hat uns auch ein wenig abgestumpft, dass die Schweiz seit sehr langer Zeit keine grossen Krisen mehr hat durchleben müssen.

Doch Leben zu schützen, das ist und bleibt eine Hauptaufgabe des Staates. Jedes Staates, weshalb die Corona-Politik von Diktaturen jenen der Demokratien sehr stark ähnelt. Selbstverständlich muss nicht alles vor dem Schutz von Leben zurücktreten. Es gibt durchaus Grenzen des Zumutbaren. Aber dieser Schutz hat eine enorm hohe Priorität, ganz einfach deshalb, weil alle anderen Rechte des Menschen darauf aufbauen. Auch die viel gerühmte Freiheit.

Am 5. Januar hat sich zum hundertsten Mal der Geburtstag des Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt gejährt. Sein bekanntestes Drama «Der Besuch der alten Dame» handelt von einem Dorf, das sich, genötigt von einer steinreichen Rückkehrerin, entscheiden muss zwischen deren Geld und dem Schutz ihres ehemaligen Liebhabers. Es opfert schliesslich dessen Leben und wählt das Geld.

Zum Autor

Rolf App: Langjähriger Redaktor des «St. Galler Tagblatts», seit 2017 im (Teil-)Ruhestand.