Die Eisenbahn legte nicht bloss ein Gleis in dieses Leben – nein, umgekehrt: Ihr Leben legte gleich mehrere Gleise zur Eisenbahn. Je länger Trudy Banholzer in Göschenen erzählt aus ihrem Leben, desto deutlicher wird, dass hier Bahn und Biografie vielschichtig verwoben sind. Und dass ein Tunnel unten durch all das jetzt irgendwie abnabelt oder unterbricht.

«Ganz ehrlich», sagt Trudy Banholzer, «für uns hier oben ist die Neat-Eröffnung ein Trauertag.» Trudy Banholzer, in Göschenen 1952 geboren, sass auf dem letzten Autozug, der von Göschenen nach Airolo rollte. Sie sorgte dafür, dass das Denkmal, das an die Toten erinnert, die der Bau des ersten Gotthard-Bahntunnels gekostet hatte, wieder würdig hergerichtet wurde.

Sie ist verheiratet mit jenem Mann, der als Letzter in Göschenen Bahnhofvorstand gewesen war. Der Mann stammt aus Meiringen und war seiner häufig angegriffenen Lunge wegen in die Höhe versetzt worden. Offenbar mit Erfolg: Der Bergführer und langjährige Rega-Rettungssanitäter klettert heute noch in den umliegenden Felstürmen und -zinnen.

Trudy Banholzer war Gemeinderätin, sieben Jahre lang Gemeindepräsidentin. Heute ist sie aktiv im Verkehrsverein und in der regionalen Tourismusförderung. Sie kennt das 120-jährige Bahnhof-Büffet von Göschenen in- und auswendig. Kennt die Zeit, da hier noch Fernzüge hielten und die Herrschaften sich im prächtigen Buffetsaal verköstigten.

Die Schönheit des Gotthards ging immer auch mit der Gefahr einher:

Wie fast das ganze Dorf, wenn auch nicht als Schauspielerin, war sie beteiligt am Festspiel zum 125-Jahr-Jubiläum des Scheiteltunnels. Ein Publikumserfolg, an den nächstes Jahr, mit einem neuen Festspiel in Göschenen, angeknüpft werden soll. Selbstverständlich wird Frau Banholzer auch da beteiligt sein.

Auf einen Schlag neun Waisen

Gegenwärtig ist Trudy Banholzer bis heute auch der 5. Mai 1973 ein traumatischer Tag. Zusammen mit einem Kollegen war ihr Vater in den Tunnel marschiert. Ihr Vater, Streckenwärter von Beruf, war da 54-jährig. Täglich musste der Tunnel kontrolliert werden.
An jenem Tag vor 43 Jahren wurden die beiden ahnungslosen Streckenwärter im Tunnel von einer Lokomotive erfasst und getötet. Weswegen, sei bis heute restlos nie geklärt worden, sagt Frau Banholzer. Auf einen Schlag waren neun Kinder zu Waisen geworden.

Natürlich denkt Trudy Banholzer auch jetzt daran; sie denkt oft daran. Traurig aber stimmt sie die Neat-Eröffnung nicht deswegen. «Es wäre mir nicht im Traum in den Sinn gekommen», sagt sie, «dass so viel Abbau mit der Neat einhergeht.» Abgesehen davon, dass jetzt Einheimische, wenn sie werktags mit der Bahn von Zürich nach Andermatt fahren wollen, dreimal umsteigen müssen.

Es ist die Bahn, deren stückweises Verschwinden sie tief bedauert. Denn für Göschenen selber ist Frau Banholzer zuversichtlich: «Das Dorf hatte immer turbulente Zeiten erlebt und wird auch jetzt nicht in den Dornröschen-Schlaf versinken.» Im Sommer besuchen nach wie vor grosse Scharen von Touristen das Dorf, die nahe Alp. Und demnächst gehe ja wieder der Bau eines Tunnels los, die zweite Strassenröhre.

Trudy Banholzer hat dafür gestimmt, wie am Ende auch der Kanton Uri. Aus Sicherheitsüberlegungen. Sie hatte 2001 das Tunnel-Inferno aus der Nähe erlebt. Damals starben elf Menschen. Sie habe eine Neigung zur Klaustrophobie und fahre deswegen sicher noch längere Zeit nicht durch den Neat-Tunnel.

Wie möglicherweise noch viele andere Leute auch, sagt sie. Die Bergstrecke müsse erhalten bleiben und werde höchst wahrscheinlich auch erhalten. «Was tun die zum Beispiel», sagt Banholzer, «falls Terroristen unten eine Bombe platzen lassen?» Aber auch helle Aussichten machen sie optimistisch: Etwa Nostalgie. Das Leben könnte hierher zurückkehren wollen.