Alt-Bundesrat Otto Stich verstarb an seinem Wohnort in Dornach im Alters- und Pflegeheim Wollmatt im Alter von 85-Jahren. «Nach kurzer Krankheit», wie es von seiten des Bundes heisst.

Noch im Frühling hatte Stich seinen grossen Lebensrückblick unter dem Titel «Ich blieb einfach einfach» publiziert. Der Solothurner sass von 1983 bis 1995 im Bundesrat. Er stand dem Finanzdepartement vor. 1988 und 1994 war er Bundespräsident.

Stich überzeugte vor allem mit der Hartnäckigkeit und dem Sachverstand, mit dem er im mehrheitlich bürgerlichen Gremium linke Positionen zu verteidigen verstand. «Ob Astag oder Banken, unser Otto wird nicht wanken», plakatierte die sozialdemokratische Basis schon in seinem ersten Amtsjahr.

Hartnäckiger Sparer

Vor allem sein hartnäckiger Sparwille irritierte Politiker von links bis rechts immer wieder. Er bescherte des Bundeskasse aber mehrere Jahr lang Milliarden-Überschüsse. Stich versucht auch die Mehrwertsteuer einzuführen. Sein erster Versuch scheiterte 1991 an der Urne. Zwei Jahr später, sagte die Schweizer und Schweizerinnen dann doch noch Ja.

Stich konnte - im Gegensatz zu seiner Partei - auch gut mit dem Nein zum EWR im Jahr 1992 Leben. Das sei keine Katastrophe, sagte Stich damals.

Intimfeind Adolf Ogi

Am 31. August 1995 kündigte Stich per 31. Oktober seinen Rücktritt aus dem Bundesrat an. Er begründete seinen Rücktritt vor allem mit seinem Alter. Später gestand er, dass es einen Zusammenhang gab mit einer Niederlage im Bundesrat beim Entscheid, die NEAT mit dem Lötschberg-Basistunnel zu bauen. Stich hatte das Projekt von Bundesrat Adolf Ogi, seit jeher sein politischer Intimfeind, vehement bekämpft, da er die Finanzierung als nicht gesichert fand.

Auch nach seinem Rücktritt hat sich Stich weiter zu politischen Fragen geäussert.

Stich wurde am 10. Januar 1927 in Dornach als Sohn eines Mechanikers geboren. Stich studierte an der Universität Basel und promovierte 1955 zum Doktor der Staatswissenschaften. Danach unterrichtete er an der Gewerbeschule Basel die Fächer Deutsch, Geschäfts-, Wirtschafts- und Staatskunde.

Politiker schätzten Otto Stich als beharrlichen Bundesrat

Politiker schätzten Otto Stich als beharrlichen Bundesrat

Aus Mechanikerfamilie

1947, im Alter von 20 Jahren, wurde Otto Stich Mitglied der sozialdemokratischen Partei des Kantons Solothurn. Mit 26 Jahren begann seine politische Karriere mit einem Sitz in der Dornacher Rechnungsprüfungskommission. Vier Jahre später, im Jahre 1957, wurde er in den Gemeinderat gewählt und konnte nach einer familieninternen Aussprache mit seinem Vater auch dessen Amt des Gemeindeammanns übernehmen.

1963 wurde er für Willi Ritschard, der Regierungsrat wurde, knapp in den Nationalrat gewählt. 48 Stimmen Vorsprung waren es bei der ersten Zählung, 24 bei der zweiten und 12 bei der dritten und letzten Zählung.

Dornach trauert um Otto Stich

Dornach trauert um Otto Stich

Im Nationalrat machte Stich vor allem in Wirtschafts- und Finanzfragen von sich reden. Ab 1971 war er auch Präsident der Wirtschafts- und Finanzkommission. 1970 trat er bei Coop Schweiz die Stelle als Personalchef an und wurde später Mitglied der Direktion.

Aus dem «Frauenkiller» wird SP-Musterbundesrat

1983 wurde Stich von seiner kantonalen Partei indirekt aufgefordert, nicht mehr für den Nationalrat zu kandidieren. Vor allem Gewerkschaftsboss Ernst Leuenberger und Rolf Ritschard wollten den «Sesselkleber» Stich von seinem Sitz drängen. Stich kündigte tatsächlich seinen Rückzug an - um wenig später Bundesrat zu werden. Stich folge in einer umstrittenen Wahl auf Willi Ritschard. Der nicht offizielle Kandidat Stich wurde bereits im ersten Wahlgang gewählt und musste von da an als «Frauenkiller». Denn Stich wurde anstelle der offiziellen Kandidatin, der Zürcher Nationalrätin Liliane Uchtenhagen gewählt, die die SP als erste Bundesrätin der Schweiz lancierte.

Die Wahl Stich führte in der SP zu einer grossen Zerreissprobe. Der Antrag der Parteileitung, sich aus dem Bundesrat zurückzuziehen, wurde 1984 aber klar abgeschmettert. Und «Frauenkiller» Stich zum grossen Ärger der Bürgerlichen, die ihn gewählt hatten, zum SP-Musterschüler im Bundesrat. (rsn)