Rücktritt

Als Schneider Hannes in die Politik zog, konnte er nur verlieren

Er hätte sie nicht nötig gehabt, die Wahl in den Bundesrat. Denn daheim in Langenthal war er immer schon der Grösste. Und erst recht all der Hohn und Spott, den er in den bald acht Jahren in Bern und aus dem ganzen Land ertragen musste. Doch je heftiger die Kritik auf Johann Schneider-Ammann niederprasselte: In 4900 Langenthal hat Freund und Feind stets zu ihm gehalten.

Unvergessen die Vorwürfe, dass Schneider-Ammann noch als Chef der Baumaschinenfirma Ammann mit Offshore-Konstrukten unbotmässig Steuern optimiert haben soll. In Langenthal hatten alle Verständnis. Selbst die örtliche SP – deren Mutterpartei sonst jedes Steuerschlupfloch stopfen will – verwies auf all die Jobs, die Schneider Hannes geschaffen habe. So nennen sie im Oberaargau den gebürtigen Emmentaler.

Auch als ruchbar wurde, dass die Firmen-Gruppe in Deutschland statt Langenthal Jobs abbaue, um die Wahlchancen des Patrons in Bern nicht zu schmälern, hielten sich gar Gewerkschafter zurück. Selbes vor Jahresfrist, als Ammann meldete, über 100 Stellen vom Oberaargau ins Ausland zu verlagern: Kritik gabs höchstens hinter vorgehaltener Hand.

Schneider Hannes – respektive Johann Niklaus Schneider-Ammann, wie sich der Politiker heute mit vollem Namen nennt – ist ein Phänomen. Wie überhaupt die Ammann-Familie, in die er dank der Heirat kam. Im 15'000-Einwohner-Städtchen sind sie tief verwurzelt. Nicht abgehoben, lieber im Hintergrund. Die Frau singt im Frauenchor, arbeitet Teilzeit als Tierärztin in einer Praxis und züchtet Labradore. Und so sassen beispielsweise zum 50. Geburtstag statt Freunden alle einstigen Hundekäufer am Tisch.

Rückblick: Das war Bundesrat Johann Schneider-Ammann

Rückblick: Das war Bundesrat Johann Schneider-Ammann

Johann Schneider-Ammann hat am Dienstagmorgen seinen Rücktritt als Bundesrat auf Ende 2018 bekanntgegeben. Während seinen acht Jahren im Amt tat sich der Berner immer schwer damit, zu überzeugen.

Oder in jungen Jahren feilte der heute 66-Jährige nicht etwa an seiner Polit-Karriere, sondern begleitete Wochenenden lang seine Kinder an Orientierungsläufe. So war auch das Sponsoring der 23-fachen Weltmeisterin Simone Niggli-Luder eine Herzensangelegenheit. Denn Orientierungsläufer kaufen beileibe keine Baumaschinen.

Diese Episoden mögen Hinweis sein, weshalb die Langenthalerinnen und Langenthaler ihrem Hannes auch als Bundesrat stets die Treue gehalten haben. Und in dieser Randregion des Kantons Bern ist man Stolz auf ihn, wie Stadtpräsident Reto Müller (SP) bestätigt: «Er war ein ehrlicher, engagierter ‹Chrampfer›, der sich nicht verstellte.» Stadt und Bevölkerung dankten Bundesrat und Familie «für den grossen und aufopfernden Einsatz zugunsten unseres Landes».

Zu Hause, bei seinen Leuten, hat Schneider-Ammann dann übrigens wohl auch die Rede seines Lebens gehalten. Bei der Feier zur Wahl als Bundespräsident überraschte er die aus Bern angereiste Politprominenz mit Witz und Schalk, war sprichwörtlich ein Bundesrat zum Anfassen. Und zwar draussen in der Marktgasse, nicht drinnen im VIP-Zelt.

Bundespolitiker würdigen Johann Schneider-Ammann

Bundespolitiker würdigen Johann Schneider-Ammann

Bundesrat Johann Schneider-Ammann hat heute seinen Rücktritt per Ende 2018 bekannt gegeben. Parteikollege Andrea Caroni (FDP/AR) und Roger Nordmann (SP/VD) würdigen seine Leistung.

Warum sich Schneider-Ammann vor gut acht Jahren schliesslich zu einer Kandidatur entschied, weiss nur er selber. Zwingend war diese jedenfalls nicht. Dass er das Bundesratsamt gesucht hat, ist aber klar. Als der Langenthaler in die Politik ging, strich er auf einmal den Doppelnamen hervor. So wurde Schneider-Ammann Nationalrat. Dann Präsident des einflussreichen Industrieverbands Swissmem. Zu Hause inszenierte er sich derweil als Citoyen und schenkte der Stadt je einen Gedenkanlass für Johann Heinrich Pestalozzis historische Rede zu «Erziehung und Vaterland» sowie einen Miliz- und Militärgedenkanlass mit Wurst und Spatz fürs Volk. Schliesslich der Tag, als sich mit dem Rücktritt Hans-Rudolf Merz’ alle Augen auf ihn richteten. Will er? Dann erst mal tagelanges Schweigen. Der Patron war in Asien auf Geschäftsreise.

Ob Schneider Hannes ein guter Bundesrat war? Zumindest zu Hause sind die Meinungen dazu längst gemacht. Darum hat ihm die Stadt – nebst einem Schneider-Ammann-Platz – auch schon vor Jahren das Ehrenbürgerrecht verliehen. Für den Fall nämlich, dass er – wie damals spekuliert worden war – wegen Diskussionen über die Zauberformel bereits nach knapp einem Jahr abgewählt worden wäre. Nicht ganz ohne Ironie erhielt er die Ehre auch bereits für seine Leistungen im Amt. Und natürlich für all das, was Schneider Hannes als Firmenpatron in Langenthal geleistet hatte.

Gestern, als der Rücktritt nach all den Spekulationen schliesslich definitiv war, war zwischen den Zeilen auch Erleichterung herauszuhören. Ob aus dem Frauenchor oder der Firma Ammann. Denn die grössten Fans haben mit ihrem Bundesrat eben auch mitgelitten.

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